12. Juli 2015, 08:10 50. Filmfestspiele Karlovy Vary Jenseits jeder Midlife-Crisis

Die Filmfestspiele von Karlsbad waren schon totgesagt, doch sie überlebten alle Wirren des stürmischen 20. Jahrhunderts. In diesem Jahr feierten sie ein rundes Jubiläum.

Wenn eine Dame mit 69 so daherkommt, als sei sie erst 50, dann heißt es sie sei "jung geblieben" oder habe "sich gut gehalten". Wenn die Dame allerdings eine Filmschau ist, die zum 50. Mal stattfindet, aber bereits 69 Jahre alt ist, dann ist das eher ein Ausdruck von Versehrtheit. Denn die Leerstelle in der Vita von 19 Jahren ist ein unübersehbares Manko.

Tatsächlich hat das Internationale Filmfestival Karlovy Vary (Karlsbad), das mit seiner bis 1946 zurückreichenden Geschichte zu den traditionsreichsten Filmfestspielen der Welt zählt und in diesem Jahr doch erst zum 50. Mal ausgetragen wurde, solche Brüche in seiner Biografie.

Diese zu rekapitulieren machte sich Eva Zaoralová, tschechische Filmkritikerin und langjährige Programmchefin des Karlsbader Festivals, im Jubiläumsjahr zur Aufgabe. In ihrem neuen Buch "Die Geschichte eines Festivals" blickt sie auf all die Höhen und Tiefen in der Historie der Karlsbader Filmfestspiele zurück und gewährt damit seltene Einblicke in eine Veranstaltung, die hierzulande trotz ihrer geographischen Nähe (35 Kilometer von der deutschen Grenze) wenig Beachtung findet.

Doch wie Zaoralová belegt, ist dieses Festival ein kulturelles Großereignis, an dem mit seiner Lage an der Bruchlinie der ehemals sozialistischen Welt und dem Westen stets starke Kräfte zerrten.

Die gravierendste Zäsur währte länger als drei Jahrzehnte: Zwischen 1958 und 1994 fand das Karlsbader Festival nur alle zwei Jahre statt - auf Wunsch der Hegemonialmacht Sowjetunion, unter deren Einfluss das wichtigste Filmfestival hinter dem Eisernen Vorhang ein knappes halbes Jahrhundert stand.

Pressionen aus Moskau

Moskau wollte im Kalten Krieg an dem Status eines A-Festivals partizipieren, den der Internationale Produzentenverband FIAPF den Karlsbader Filmfestspielen 1957 verliehen hatte. Der böhmische Kurort musste folglich von 1959 an jedes zweite Jahr seinen Platz zu Gunsten eines Filmfestivals in Moskau räumen, das zuvor nur einmal ausgerichtet worden war (1935) und das sich den A-Status von 1972 bis 1994 mit Karlsbad teilte.

Das bedeutete für das Karlsbader Festival eine Schwächung, und zwar ausgerechnet in dem Moment als eine reelle Chance für eine Aufwertung bestand. Denn den böhmischen Festivalorganisatoren war es durch die Anerkennung der FIAPF-Regeln gerade erst gelungen, aus einer sozialistischen Propagandaveranstaltung eine Filmschau zu formen, in der die filmische Qualität zählte und nicht die Ideologie.

Prekäre Wendezeit

1956, als Karlsbad die FIAPF von seinem internationalen Anspruch überzeugen wollte, kamen 33 Filme aus dem Westen und nur zehn aus sozialistischen Ländern. Doch durch den zweijährigen Turnus ging das Interesse im Westen schnell zurück: Hatten 1960 noch Filmemacher aus knapp 50 Ländern ihre Werke eingereicht, so bewarben sich 1968 nur noch Filmemacher aus 18 Ländern.

Und doch spricht es auch für Vitalität, wenn es eine Veranstaltung schafft trotz solcher Rückschläge ihren 50. Jahrgang zu feiern. Denn prekär war die Lage für das Karlsbader Festival ja auch in der wilden Zeit des Umbruchs, als Tschechien nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von dem häufig ungezügelten Raubtierkapitalismus befallen wurde, der in dieser Zeit in den post-sozialistischen Ländern herrschte.

In den Neunzigerjahren versuchten windige Geschäftemacher, das Festival zu Gunsten einer Konkurrenzveranstaltung in der tschechischen Hauptstadt Prag ins Abseits zu stellen. Gestützt durch ihre Seilschaften in der Politik gelang es ihnen, die FIAPF dazu zu bringen, Karlsbad den jahrzehntelangen Anspruch auf den A-Status zu entreißen und stattdessen einem neuen Prager Festival die höchste Kategorie zuzusprechen.

Die zwei Prager Festivaljahrgänge 1995 und 1996 endeten allerdings jeweils im finanziellen Chaos. Die Organisatoren hatten übersehen, dass es neben der Profitgier auch einer fachlichen Expertise bedarf, um ein großes Filmfestival zu organisieren.

Diesen Widrigkeiten setzten die Karlsbader Festivalmacher über Jahrzehnte den ausgeprägten Willen entgegen, ihren Besuchern trotz all ihrer Handikaps etwas Besonderes zu bieten. Dafür mussten sie die Dinge oft anders anpacken als ihre Kollegen in Cannes oder Venedig, doch ihre unkonventionelle Herangehensweise hatte ihren eigenen Charme.

In den Sechzigerjahren schaffte es Karlsbad etwa, seinem hinter dem Eisernen Vorhang abgeschotteten Publikum die tonangebenden Filmemacher des Westens in Nebenreihen oder auf seinem Filmmarkt zu präsentieren. Der Argwohn der Machthaber ließ sich durch das Argument aushebeln, dass sich Filmexperten der sozialistischen Welt so teure Westreisen ersparten. Die war schließlich mit raren Devisen zu bezahlen.

All die großen Namen des damaligen Kinos waren damit etwa in den Sechzigerjahren in Karlsbad vertreten: François Truffaut zeigte hier 1964 das Untreue-Drama "Die süße Haut", das der legendäre amerikanische Filmkritiker Roger Ebert später als "unheimlich hellseherisch" bezeichnen sollte, weil es den Sexskandal Dominique Strauß-Kahns vorzeichnete. Im selben Jahr war auch Elia Kazans episches Drama "Die Unbezwingbaren" zu sehen, das Kazan einen Golden Globe und eine Oscar-Nominierung einbrachte.

Elia Kazan (rechts) im Gespräch mit dem späteren Oscar-Preisträger Richard Attenborough (links) bei den Filmfestspielen in Karlsbad im Jahr 1964.

(Foto: imago stock&people)

1968 präsentierte Richard Brooks hier seine berühmte Adaption von Truman Capotes Bestseller "Kaltblütig", über die Roger Ebert damals schrieb, sie sei eine perfekte Kopie der grausamen Realität dieses vierfachen Mordes an einer Familie.

Ein Coup gelang den Organisatoren durch die geheime Vorführung von David Leans Drama "Doktor Schiwago", das in der Sowjetunion und in der Tschechoslowakei auf dem Index stand. "Wir drängten uns im Vorführraum wie die Sardinen und trauten uns nicht, auch nur einen Mucks zu machen", erinnert sich die Schauspielerin Marie Grofová.

Der junge Ken Loach wurde in Karlsbad sogar entdeckt. Sein Spielfilmdebüt "Geküsst und geschlagen" gewann 1968 den Spezialpreis der Jury und mit "Kes" holte er 1970 den Kristallglobus, den Hauptpreis des Festivals.

Ein alter Bekannter in Karlsbad: Der britische Filmemacher Ken Loach als Gast des böhmischen Festivals im Jahr 1992.

(Foto: Film Servis Festival Karlovy Vary)

Die Tradition, den Stand der Filmkunst abzubilden, hat Karlsbad bis heute beibehalten. Während es sich Cannes, Venedig und Berlin aus Prestigegründen niemals leisten würden, Filme zu zeigen, die woanders erfolgreich waren, pfeift Karlsbad auf solche Berührungsängste.

Und so war auch in diesem Jahr wohl nirgendwo eine bessere Zusammenfassung der drei Großfestivals geboten, angereichert mit Beiträgen, die bei anderen wichtigen Veranstaltungen der Branche aufgefallen sind, etwa Stéphane Brizés stilles und doch so anrührendes Sozialstaatsdrama "The Measure of a Man" ("La loi du marché") oder Dalibor Matanićs "The High Sun" ("Zvizdan") - eine wunderbare Montage von drei Geschichten über die Liebe in einer Welt des Hasses. Es gebe kein Festival, das einen besseren Überblick biete, hieß es auch in diesem Jahr in Filmkreisen immer wieder.

Bis heute zahlt Karlsbad allerdings auch einen Preis für die jahrzehntelange Isolation. Die Reputation, die die Festivalmacher trotz aller Bemühungen aufbauen konnten, reicht nicht aus, um in jedem Jahr einen Wettbewerb mit gleichbleibend hoher Qualität hinzubekommen.

Denn ein A-Festival muss mit Filmen bestückt sein, die mindestens ihre internationale Premiere feiern. Doch die Filmemacher drängen auf die Großfestivals und das Weltkino gibt nicht in jedem Jahr ausreichend viele neue Filme auf Cannes-, Venedig- oder Berlinale-Niveau her.

Und ausgerechnet beim 50. Anniversarium erwischte das Festival mal wieder einen schwächeren Jahrgang. Noch im Vorjahr hatten die Organisatoren einen überraschend starken Wettbewerb hingelegt, doch diesen Erfolg konnten sie im Jubiläumsjahr nicht wiederholen.

Hauptpreis für US-Sozialdrama

Immerhin gab es unter etlichen schwächeren Beiträgen, zu denen leider auch die heimische Tragikomödie "The Snake Brothers" ("Kobry a uzovky") des mittelböhmischen Regisseurs Jan Prusinovský zählte, einige solide Arbeiten zu sehen.

Visar Morinas Flüchtlingsdrama "Babai", das schon beim Filmfest München positiv aufgefallen war, zählte dazu - ebenso wie Daniel Denciks Historienfilm "Goldküste" ("Guldkysten"), der die wahre Begebenheit des jungen dänischen Adligen Wulff Joseph Wulff erzählt, der im Dänisch-Guinea des frühen 19. Jahrhunderts Partei ergreift für die Eingeborenen und sich dadurch die eigenen Landsleute zum Feind macht. Denn die Kolonialherren können in ihrer Menschenverachtung keinen Idealisten gebrauchen.

Den Hauptpreis des Festivals, den mit 25 000 Dollar (22 230 Euro) dotierten Kristallglobus, gestand die Jury unter dem amerikanischen Produzenten Tim League berechtigerweise dem US-Sozialdrama "Bob and the Trees" von Diego Ongaro zu.

Sprungbrett in die erste Liga

Es geht um den unerbittlichen Existenzkampf, den die amerikanische Gesellschaft ihren Bürgern nicht nur in den Großstadt-Ghettos aufzwingt, sondern auch da, wo niemand so genau hinsieht: zum Beispiel in der Abgeschiedenheit des ländlichen Neuenglands.

Der gebürtige Franzose Diego Ongaro war in der Branche bisher kein großer Name - außer einer Handvoll Kurzfilme hatte er vor "Bob and the Trees" nicht vorzuweisen. Doch das galt mehr oder weniger auch für Baltasar Kormákur, als er 2007 den Kristallglobus gewann. Inzwischen ist der Isländer in der ersten Liga angekommen - in diesen Tagen wurde bekannt, dass sein Drama "Everest" in diesem Jahr die Filmfestspiele von Venedig eröffnen wird.

Als Underdog ist Karlsbad stets für Überraschungen gut.

Die Delegation des Filmes "Bob and the Trees" bei der Preisverleihung der 50. Internationalen Filmfestspiele von Karlsbad 2015. Regisseur Diego Ongaro (rechts) hält die Dankesrede.

(Foto: David W Cerny; Film Servis Festival Karlovy Vary)