Zum Tod von Roger Ebert Ein Besessener des Kinos

Roger Ebert konnte sich auf ansteckende Art für aussichtslose Filme begeistern und hasste manchen Riesenerfolg. Er wusste, dass man sich immer auch selbst mit ins Kino bringt und hatte zu allem eine Haltung. Nun ist der wichtigste US-Filmkritiker verstorben.

Ein Nachruf von Susan Vahabzadeh

Roger Ebert war der einzige würdige Nachfolger für die größte Filmkritikerin von allen, Pauline Kael. Für Kael war die Emotion, die ein Film auslöst, ein Teil der Analyse. Roger Ebert drehte das noch ein wenig weiter - ein Populist, aber ein kluger, mit einem unpopulistischen Geschmack. Er konnte sich auf ansteckende Art für Bela Tarr begeistern, auch wenn kein Film des ungarischen Regisseurs je das große amerikanische Publikum erreichen würde, und hasste manchen Riesenerfolg, wie "Dead Poets' Society". "So bewegend, dass ich mich übergeben musste", schrieb er dazu. Er wusste, dass man sich immer auch selbst mit ins Kino bringt, dass die persönliche Haltung und der eigene Wertekanon bestimmen, was man auf der Leinwand wahrnimmt.

Roger Ebert, ein Liberaler und Bürgerrechtler, hatte zu allem eine Haltung. Ursprünglich wollte er, hat er einmal erklärt, nur verdammen, was er verwerflich finde - letztlich wurde er dann aber doch für seine komischen Verrisse berühmt, die er in Büchern wie "I Hated, Hated, Hated this Movie" und "Your Movie Sucks" versammelte: "Dieser Film wurde nicht geschrieben und inszeniert, er wurde begangen."

Ebert war 1975 der erste Kritiker, der mit einem Pulitzer-Preis bedacht wurde. Auf Twitter haben sich nun Steve Martin, Spike Lee und Barack Obama von ihm verabschiedet.

Geboren 1942 in Urbana, Illinois, wurde Ebert 1967 Filmkritiker der Chicago Sun-Times und ein Filmoholiker - er baute sogar ein eigenes Filmfest auf, das Ebertfest in Illinois. 1975 bekam er gemeinsam mit Gene Siskel seine erste Fernsehshow. Daumen rauf, Daumen runter, das wurde sein Markenzeichen.

Ebert konnte wunderbar boshaft sein: "Die Spice Girls kann man leichter auseinanderhalten als die Teenage Mutant Ninja Turtles, aber das ist ein schwacher Trost . . .", schrieb er über den Spice-Girls Film. Oder: "Der Regisseur Pitof wurde vermutlich mit einem zweiteiligen Namen geboren und wäre gut beraten, bei seinem nächsten Projekt die andere Hälfte zu verwenden" - über "Catwoman". Und begeistert, mitreißend über "Malcolm X": "Spike Lee erschafft Menschen auf der Leinwand und bittet sein Publikum, ein kleines Stück des Weges in ihren Schuhen zu gehen".

Mit dem Fernsehen machte Ebert auch nach Siskels Tod 1999 weiter, bis 2006, als er nach einer Krebsoperation nicht mehr sprechen konnte. Aber sehen und schreiben konnte er weiter: "Wenn ich schreibe, werden meine Probleme unsichtbar, und ich bin derselbe Mensch, der ich immer war." Er hat oft das bei Kritikern verpönte Wörtchen "Ich" benutzt, aber auf besondere Weise. Er hat seine subjektive Wahrnehmung nicht mit Allgemeingültigkeit verwechselt, hat sie in den Kontext seiner cineastischen Glaubensgrundsätze gesetzt.

Ebert war ein Besessener des Kinos, zu seinen besten Zeiten lief kaum ein Film in den USA an, den er nicht mit seiner kritischen Meinung beehrte. Geschrieben hat er fast bis zum letzten Atemzug. Am Donnerstag ist Roger Ebert seinem Krebsleiden erlegen.