Ärztemangel:Diagnose: Regulatorisches Dickicht mit Pflege-Agonie

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Ärztemangel: SZ-Zeichnung: Karin Mihm

SZ-Zeichnung: Karin Mihm

Mediziner geben die Schuld an der Misere vor allem der Abrechnung über Fallpauschalen. Geld- statt patientenzentrierte Medizin sei ein Irrweg.

"Wer darf überleben?" vom 19. August, "Wenn es leer wird auf Station" und "Das System ist am Ende" vom 12. August:

Ausbrennen mit Ansage

Ich bin seit über 35 Jahren begeisterter Krankenhausarzt, liebe meine Arbeit im Operationssaal und mit meinen Patienten, vor allem aber auch die krankenhausspezifische Arbeit im Team - und werde doch froh sein, wenn ich in nunmehr absehbarer Zeit in die nächste Lebensphase eintrete und nicht mehr werde arbeiten müssen. Wir, das System und ich, sind ausgebrannt.

Es ist ein Ausbrennen mit Ansage. Die Gesundheitspolitik steuert seit etwa 20 Jahren fast ausschließlich unter Nutzung ökonomischer Mechanismen. Krankenhäuser sind - deswegen, aber nicht nur deswegen - von einem regulatorischen Dickicht umstellt, welches den Blick auf das Wesentliche, nämlich die bestmögliche Sorge um kranke Menschen, zunehmend unmöglich macht.

Alles, was in "Wenn es leer wird auf Station" gesagt wird, ist richtig, die Tendenz zur Teilzeitarbeit, die Verschwendung ärztlicher Ressourcen durch Bürokratie, der demografische Wandel und der zunehmende Versorgungsbedarf einer alternden Bevölkerung, und ja, Corona hat das alles noch ein bisschen schlimmer gemacht. Interessanterweise meint der im Beitrag zitierte Klinikgeschäftsführer, es sei "vor allem" wegen Corona, die Kaufleute haben den Schuss also immer noch nicht gehört.

Der Kern des Übels ist aber die Prädominanz ökonomischer Steuerungsmechanismen. Krankenhäuser werden zu hohen Leistungszahlen gezwungen, mit immer neuen Regularien gequält und mit immer neuem Misstrauen kontrolliert und gegängelt. Zu leisten haben es die Mitarbeiter. Oft wird dies "abwärts" delegiert, von der Verwaltung zu den Menschen, die eigentlich am Patienten arbeiten sollten: den Pflegenden, den therapeutischen Berufsgruppen, den Ärzten. Lange hat das mit noch mehr Aufopferungsbereitschaft funktioniert. Aber nun ist der Bogen überspannt, die absehbare Folge ist der Exodus aus den Krankenhäusern, und der ist in vollem Gange.

Wir werden ineffektive Strukturen aufgeben müssen - keine Verschwendung durch Bürokratie mehr - und uns auf das Wesentliche konzentrieren müssen (auch gegen wütende Proteste). Nur so werden wir in Zukunft genügend Ärzte in den Krankenhäusern haben. Geld allein hilft gar nichts, wir brauchen Menschen, die die Versorgung sicherstellen, den kranken Menschen mit seinen Nöten im Fokus.

Prof. Dr. med. Christoph Eingartner, Bad Mergentheim, Chefarzt

Wirkliche Probleme angehen

Was ist nur in die Köpfe unserer Entscheidungsträger gefahren, wenn nun ein Gesetz zur Regelung der Triage kommen soll? Ist das die einzige Lehre, die aus der Pandemie und deren Konsequenzen für unser Gesundheitssystem gezogen wird? Anstatt sich Gedanken zu machen, woran es wohl liegen könnte, dass so viele Menschen ihren Berufen im Gesundheitsbereich den Rücken kehren, wird wieder mit blindem, unsinnigem Aktionismus an den Symptomen herumgestümpert, ohne nach der Ursache zu suchen. Auch in der zurückliegenden Hochphase der Pandemie bestand kein Mangel an Intensivbetten oder klinischen Gegebenheiten, die zur Versorgung der Patienten erforderlich gewesen wären. Der limitierende Faktor war stets das fehlende Personal.

Wir brauchen ein Gesundheitssystem, in dem Ärzte, Krankenschwestern und Pflegekräfte zu reellen Bedingungen ihre Tätigkeiten ausüben können und nicht bis zur Erschöpfung ausgebeutet werden. Wir haben eines der teuersten Gesundheitssysteme der Welt und sind nicht in der Lage, die dort arbeitenden Menschen auch zu erträglichen Bedingungen zu beschäftigen?

Was steckt dahinter, Krankenhäuser per Gesetz dazu zu zwingen, mehr Personal einzustellen? Wenn niemand diesen Beruf ergreifen will, weil Arbeitszeit, Arbeitsbelastung und mögliches Gehalt in keinem Verhältnis zueinander stehen, kann kein Gesetz der Welt Abhilfe schaffen. Müssen dann Krankenhäuser, die dem Gesetz nicht entsprechen können, schließen? Übernimmt der Gesundheitsminister dann die Versorgung der ausgesperrten Patienten? Wer hat mit der Einführung der Fallpauschalen erst bewirkt, dass Pflegekräfte nur noch als Kostenfaktoren betrachtet werden? Dass absurd realitätsferne Personalschlüssel dazu führten, dass wöchentliche Arbeitszeiten von 60 bis 80 Stunden nicht die Ausnahme, sondern eher die Regel sind? Maßgeblicher Fachberater dafür war Karl Lauterbach. Nun glaubt er, mit einem Gesetz zur Triage könnte er über die wahren Mängel im System hinwegtäuschen.

Reihenweise berichten Krankenhäuser, viele Stationen stünden kurz vorm Zusammenbruch oder seien geschlossen, weil Personal fehlt. Hilft es Ärzten, wenn sie nach gesetzlichen Regelungen kranken Menschen die notwendige Behandlung verweigern dürfen, weil nicht genug Personal zur Behandlung aller da ist? Kein Arzt in Deutschland darf Menschen, die ihr Leben selbstbestimmt beenden wollen, Sterbehilfe leisten, aber unter den Regelungen zur Triage dürfen Ärzte Menschen, die noch gar nicht sterben wollen, eine eventuell lebensrettende Behandlung verweigern? Und das nur, weil Ärzte, Krankenschwestern und Pflegekräfte fehlen. Ein Gesundheitsminister, der nicht entschieden dagegen vorgehen will, sollte seinen Posten für jemanden räumen, der die wirkliche Ursache der Probleme aus der Welt schaffen will.

Alexander Chomenko, Erding

Mehr Geld fürs Gesundheitswesen

Im Grundgesetz sind alle Menschen gleich - bei der Triage wird dieses Grundprinzip missachtet. Die Bundesregierung arbeitet an einem Gesetz, das festlegen soll, nach welchen Kriterien lebensrettende medizinische Maßnahmen zugeteilt werden, wenn die Ressourcen knapp sind. Warum wird dieser Entscheidungsweg gewählt? Es geht doch eigentlich um die fehlenden Ressourcen! Es wird aber nicht darüber diskutiert, diese Ressourcen zur Verfügung zu stellen, sondern nur über die Frage, wer als Erster über die Klinge springen muss.

Hier noch das Zufallsprinzip in Anwendung bringen zu wollen - nämlich auslosen, oder: "wer zuerst kommt, kriegt was" - ist schamlos und zutiefst menschenverachtend. Die Aufmerksamkeit von einem Problem auf ein anderes zu lenken, ist ein mieser Trick. Das größere Problem sind die Zahl der Ärzte, Pfleger, Betten und Geräte. Da redet keiner drüber - das kostet nämlich was. Das Geld der Regierung, respektive der hier wohnenden Menschen fließt in alle möglichen Projekte - Verteidigung, Energieversorgung, etcetera - aber mehr Geld für die Versorgung der Kranken aufzubringen, wird nicht einmal im Ansatz diskutiert.

Das Grundgesetz verpflichtet eigentlich die Regierung, den ihr anvertrauten Bürgern deren Recht auf Gesundheitsversorgung zu garantieren - das kostet Geld. Für die Wirtschaft wird jede Menge in die Hand genommen, für Kranke und Ärzte ( bereits 30 Prozent der Ärzte stecken im Burn-out, weil sie die Situation nicht mehr im Griff haben) gibt's nix. Was wäre wichtig und richtig? Mehr Geld in die Krankenhäuser, deren Ausstattung und in Pflegekräfte und Ärzte investieren!

Noch was: Der "Numerus clausus" ist ein Saurier, der unbemerkt an der Zahl der Ärzte nagt (nicht nachvollziehbar, dass nur Einser-Kandidaten Ärzte sein dürfen), also weg damit. Damit endlich wieder genügend Ärztinnen für alle da sind. Mehr Ärzte, mehr gut bezahlte Pflegekräfte, mehr Betten, mehr Beatmungsgeräte - und wir können wieder (mithilfe des Grundgesetzes) überleben.

Ernst-Michael Beck, Isernhagen, Facharzt für Allgemeinmedizin

Flucht aus den Krankenhäusern

Seit nahezu einem Vierteljahrhundert herrscht Ärztemangel an deutschen Krankenhäusern. Dennoch scheiterten viele Bewerber für das Medizinstudium am Numerus clausus. Die Schaffung neuer - zugegeben teurer - Medizinstudienplätze hätte dieses Problem natürlich nur gemildert, wurde aber vom Staat versäumt, stattdessen wurden junge Ärzte, die überwiegend in den Ländern Osteuropas studiert hatten, eingestellt (und fehlen damit in ihren Heimatländern).

Noch bedeutsamer als der fehlende Nachwuchs erscheint die kurze Verweildauer der jungen Ärzte in den Krankenhäusern. Wurden die "richtigen" Abiturienten zum Studium zugelassen? Ich kenne leider keine Untersuchung zur Frage, ob die Ärzte, die ihren Studienplatz über die Abiturnote sofort erhalten haben, oder die, die jahrelang auf ihren Studienplatz warten mussten, länger im Krankenhaus bleiben. Die Warteliste wurde mittlerweile abgeschafft - möglicherweise ein fataler Fehler, sollte sich herausstellen, dass Studenten von der Warteliste später länger im Krankenhaus bleiben.

Die Arbeitsbedingungen für alle Ärzte im Krankenhaus haben sich massiv verschlechtert. Durch Umstellung des Abrechnungssystems auf Fallpauschalen wurde die Belastung der Ärzte massiv erhöht. Möglichst viele Untersuchungen in kürzest möglicher Zeit durchzuführen führt zu Zeitmangel bei Ober- und Fachärzten, die dann keine ausreichenden Möglichkeiten haben, junge Assistenzärzte mit Geduld in neue Untersuchungstechniken einzuweisen. Die Assistenzärzte wiederum müssen zeitintensiv Leistungen für die Abrechnung dokumentieren. Die Ausbildung in den Krankenhäusern ist dadurch erheblich schlechter geworden. Das führt zu einer Akzentuierung der stark ausgeprägten Hierarchie und ist ein nicht zu vernachlässigender Grund für die Fluchttendenzen der Ärzte aus den Krankenhäusern oder ins Ausland (Schweiz, Österreich, Skandinavien).

Die grundsätzlich zu begrüßende Emanzipation der Pflegekräfte von den Ärzten führt in Zeiten des Arbeitskräftemangels in beiden Bereichen zu mehr Gegeneinander, da Belastungen möglichst auf den anderen Berufsstand abgeschoben werden. Auch dadurch verschlechtern sich die Arbeitsbedingungen. Nahezu alle Krankenhausabteilungen fürchten heute einen Dominoeffekt, sollten Assistenzärzte und -ärztinnen kündigen, krank oder schwanger werden. Die Dramatik dieser Situation wird öffentlich noch nicht ausreichend wahrgenommen.

Dr. med. Bert Griesshammer, Lindenberg

Kostbare Zeit geht verloren

Wenn jemand Medizin studiert, dann entsteht dieser Wunsch aus einer Berufung heraus, Menschen zu helfen und zu heilen. Besondere Menschen mit besonderen Fähigkeiten, die nicht jedem gegeben sind. Aus monetären Gründen geht sicher niemand ins Gesundheitswesen. Das bedeutet aber nicht, dass diese Menschen, die alle Kraft und Wissen dafür geben, dass Patienten wieder gesund werden, nicht entsprechend bezahlt werden müssen. Auch sollten wir uns die Frage stellen, können wir es uns in der heutigen Zeit überhaupt noch leisten, dass Ärzte seit Einführung der Fallpauschalen mit verwaltungstechnischen Aufgaben regelrecht überfrachtet werden. Kostbare Zeit, die gerade bei dem Mangel an Personal bei der Patientenversorgung fehlt.

Menschen sind keine Maschinen, weder Patient noch Arzt, die technischen Untersuchungen sind eine große Hilfe, aber das letzte Puzzle der Symptome muss der Arzt zusammensetzen, und dafür braucht er Zeit. Lasst die Ärzte endlich wieder daran arbeiten können, wofür sie ausgebildet wurden, nämlich Kranken zu helfen und sie zu heilen.

Susanne Schöttke, Herrsching

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