Franz Beckenbauer:Ein Kaiser mit Fehlern

Franz Beckenbauer: Im Münchner Stadion gedenkt der FC Bayern des verstorbenen Franz Beckenbauer.

Im Münchner Stadion gedenkt der FC Bayern des verstorbenen Franz Beckenbauer.

(Foto: Sebastian Widmann/Getty Images)

Der Tod von Franz Beckenbauer bewegt die Leserinnen und Leser der SZ. Viele fragen allerdings: War ihre Zeitung in den Nachrufen zu unkritisch mit dem Ausnahmefußballer?

Nachruf "Die Lichtgestalt" vom 9. Januar, "Sein letztes Geheimnis" vom 10. Januar, Gastbeitrag "Ohne Gegner" vom 13. Januar:

Flut von Superlativen

Die Verfasser der Nachrufe auf Franz Beckenbauer sahen sich offenbar leider durch die Bank genötigt zu einer Übererfüllung der ohnehin meist falsch verstandenen Devise: "De mortuis nihil nisi bene" (Von den Toten ist nichts als Gutes zu sagen). Ich kann mich nicht daran erinnern, in Nekrologen eine derartige Flut von Superlativen gelesen zu haben bei zugleich konsequenter Vermeidung, ja Verleugnung all dessen, was auch nur den allergeringsten Schatten auf das Leben der verstorbenen Person werfen könnte.

Das führt dann zu der paradoxen Situation, dass einige wirkliche Superlative wie etwa die beispiellose Sinn- und Inhaltslosigkeit vieler seiner Aussagen entweder unerwähnt bleiben oder in raffinierter Dialektik zu etwas Höherem umgedeutet werden: "Ja gut, ähhh..."

Prof. Dr. Wolf-Rüdiger Heilmann, Berlin

Zu großes Bedürfnis nach Helden

Wie gut, dass Johannes Aumüller und Thomas Kistner Redakteure der Süddeutschen Zeitung sind. Für mich sind sie die Lichtgestalten in der Berichterstattung um den Tod der "Lichtgestalt" Franz Beckenbauer. Gäbe es ihren Artikel nicht, hätte ich mir als langjährige Abonnentin der SZ ernsthaft überlegt, sie abzubestellen. Deutschland hat in diesen düsteren Zeiten offenbar ein großes Bedürfnis nach Helden. Man könnte nach diesen Tagen öffentlicher Trauer meinen, Mahatma Gandhi, Martin Luther King oder Nelson Mandela seien gestorben. Und in gefühlt hundert Artikeln nach Beckenbauers Tod stimmt die SZ nahezu lückenlos in genau diese Ikonisierung ein - wäre da nicht dieser Text von Aumüller und Kistner.

Sie zeichnen sehr klar und deutlich nach, dass Franz Beckenbauer eine Lichtgestalt mit etlichen dunklen Flecken war: seine Verwicklung in die Machenschaften um das Sommermärchen 2006, die Verschleierung der Tatsache, dass er dabei nicht ehrenamtlich tätig war, sondern mit 5,5 Millionen Euro für sein Engagement als Bewerbungs- und Organisationschef entlohnt wurde. Und das Faktum, dass er in die skandalöse Vergabe der WM 2018 nach Russland und der WM 2022 nach Katar involviert war. Aumüller und Kistner schreiben aber völlig zu Recht, dass sein Fall auch eine Erkenntnis berge, die neben dem großen Lebenswerk stehe: Das Milliardengeschäft im Fußball "kriegt selbst den Größten klein, wenn er sich zu nahe heranwagt."

Monika Frühe, Darmstadt

Nichts Schlechtes über Tote

Franz Beckenbauer hat im Fußball sowohl als Spieler als auch als Trainer so gut wie alles erreicht, was man erreichen kann. Trotzdem nimmt in den weitgehend positiven Nachrufen das düstere Kapitel des Korruptionsvorwurfs einen überproportionalen Raum ein, wobei ihm nie etwas nachgewiesen werden konnte. Vor allem sollte man sich in diesem Zusammenhang an den altrömischen Grundsatz erinnern: "De mortuis nihil nisi bene".

Martin Behrens, Wien (Österreich)

Ein Mensch, kein Heiliger

Franz Beckenbauer war ein Genie. Sein Fußball wirkte wie aus einer anderen Welt, galaktisch. Und dennoch war er ein Mensch, kein Heiliger. Um die WM nach Deutschland zu holen, musste er das Spiel der Bonzen spielen: Fußball kann sehr schön sein, aber hier geht es nur ums große Geld. In einer besseren Welt würden die Blatters, Infantinos und Bachs auf der Anklagebank sitzen und Fußballmillionäre verdammt werden, die sich in Ländern verdingen, deren Gesetze nichts mit Humanität zu tun haben. Beckenbauer aber wird trotz allem aus seiner Galaxie leuchten - auch ohne Heiligenschein.

Brigitte Broßmann, Neubiberg

Keine Kritik von Schröder

Muss man den Putin-Versteher Gerhard Schröder als Gastautor beschäftigen, selbst bei einem so unpolitischen Thema wie der berechtigten Würdigung des Fußballers Franz Beckenbauer? Wie nicht anders zu erwarten, findet dessen mindestens zweifelhafte Rolle bei der Vergabe der WM 2006 als solche keine Erwähnung, über Kritik im Allgemeinen, so Schröder, mögen andere entscheiden. Dafür dann in typisch Schröder'scher Manier das Selbstlob, er habe als Bundeskanzler das Geld für den Umbau der Stadien bereitgestellt.

Dr. Reinhardt Berner, Verden

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