Triales Studium:Drei Abschlüsse auf einen Streich

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Triales Studium: Vier oder viereinhalb Jahre Zeit haben trial Studierende für die drei Ausbildungen - zu viel Stoff in zu kurzer Zeit, sagen Kritiker.

Vier oder viereinhalb Jahre Zeit haben trial Studierende für die drei Ausbildungen - zu viel Stoff in zu kurzer Zeit, sagen Kritiker.

(Foto: McPhoto/M. Gann/Imago/Blickwinkel)

Berufsausbildung, kombiniert mit dem Bachelor- und einem Meistertitel: Das triale Studium gilt als sehr anspruchsvoll. Was die Teilnehmer mitbringen müssen, um es zu schaffen.

Von Martina Kind

Niklas Roßbach hat ein klares Ziel vor Augen: den Installateur- und Heizungsbauerbetrieb seines Vaters zu übernehmen. Dafür hat der 25-Jährige in den vergangenen Jahren hart gearbeitet; nach einer kräftezehrenden Woche im Handwerksbetrieb und Berufskolleg saß er jeden Freitagabend und Samstag im Hörsaal der Hochschule Niederrhein in Mönchengladbach. "Nach der bestandenen Gesellenprüfung folgte der Meisterlehrgang." Was besonders anstrengend gewesen sei, erzählt er, denn die Klausurenphase an der Meister- und der Hochschule hätte sich zuweilen überschnitten. Lernen konnte er meist erst nach getaner Arbeit am Abend oder sonntags. "Jetzt steht mir noch die Bachelorarbeit bevor." Dann hat er es geschafft - und drei Abschlüsse in nur einem Programm erworben: den Gesellenbrief, den Meisterbrief und den Bachelor of Arts in Handwerksmanagement.

Roßbach ist einer von insgesamt mehr als 120 Studierenden, die das triale Studium an der Hochschule Niederrhein begonnen haben, das seit dem Wintersemester 2015/16 angeboten wird. Geblieben ist nur die Hälfte von ihnen, erst eine Person hat das ambitionierte Programm in der Regelstudienzeit von zehn Semestern abgeschlossen. Über fünf Jahre eine Sechs-Tage-Woche zu haben, das sei nun einmal herausfordernd, sagt der Studiengangskoordinator René Steinwartz. "Wer sich für das triale Studium entscheidet, der muss auf vieles verzichten können."

Das triale Studium richtet sich an alle, die sich für einen handwerklichen Beruf interessieren und darin Führungspositionen anstreben. Parallel zu ihrer Gesellen- und Meisterausbildung im jeweiligen Gewerk erwerben die Studierenden an der Hochschule die kaufmännischen, betriebswirtschaftlichen und rechtlichen Kenntnisse, die sie brauchen, um leitende Funktionen in einem kleinen oder mittelständischen Unternehmen übernehmen zu können. Entstanden ist die Idee einer Kombination aus beruflicher und akademischer Ausbildung im Schnelldurchlauf vor zwölf Jahren.

Mancherorts haben die Teilnehmer für die drei Ausbildungen nur vier Jahre Zeit

Maßgeblich an der Entwicklung beteiligt war Michael Brücken von der Handwerkskammer (HWK) zu Köln. "2010 lag der Anteil der Abiturienten im Handwerk im einstelligen Bereich, während die Quote derer mit Abitur oder Fachabitur knapp 50 Prozent erreichte." Man habe nach etwas suchen müssen, das das Handwerk für diese Gruppe attraktiver mache. Denn während die Akademisierung voranschreitet, verschärft sich der Fachkräftemangel weiter; immer mehr Betriebe suchen nach einer Nachfolge. Etwa 200 000 stehen laut dem Zentralverband des Deutschen Handwerks vor einer Übergabe.

Als die HWK zu Köln das triale Studium mit der privaten Fachhochschule des Mittelstandes in Bielefeld startete, sei ihnen viel Skepsis entgegengebracht worden. "Zu viel Stoff in zu kurzer Zeit", habe es da geheißen, erinnert sich Brücken, "das sei ja kaum zu schaffen." Tatsächlich haben trial Studierende in Köln für die drei Abschlüsse nur viereinhalb Jahre Zeit, in Hannover und Münster sogar nur vier. Dann aber sei das Modell vom Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) mit dem Weiterbildungs-Innovations-Preis ausgezeichnet worden; die Nachfrage wuchs. In Köln haben inzwischen mehr als 90 Studierende das Programm absolviert, pro Jahr schreiben sich im Durchschnitt 25 ein. Einen Numerus clausus gibt es nicht. Dafür verlangt Brücken mittlerweile einen Nachweis über ein Praktikum im Ausbildungsberuf. "Die Studierenden sollten wissen, worauf sie sich einlassen."

Nach seinem Abitur hatte Dominik Drabe bereits eine Lehre zum Elektroniker begonnen, als er ein Schreiben von der Handwerkskammer in seinem Briefkasten fand, das ihn über das triale Studium informierte. Die zeitsparende Kombination fand Drabe spannend. Also schrieb er sich an der Hochschule Niederrhein für das triale Studium ein; nun ist er bereits im achten Semester.

Das Lern- und Arbeitspensum hält er für anspruchsvoll, aber machbar. "Man muss eben was investieren und dranbleiben." Schwieriger sei das fehlende Verständnis einiger Arbeitgeber, die am Wochenende nicht auf ihre Azubis verzichten wollten. "Wer seine Ausbildung im elterlichen Unternehmen macht, wird da womöglich besser unterstützt." Er habe den Betrieb deshalb wechseln müssen. Sein neuer Arbeitgeber in der Industrie habe mehr Verständnis dafür, dass das Wochenende für die Hochschule reserviert sei.

An privaten Hochschulen orientiert sich die Ausbildung noch stärker an der Praxis

Einen Anspruch auf die Ausbildungsförderung Bafög haben trial Studierende nicht. Während ihrer Lehrzeit erhalten sie ihre reguläre Ausbildungsvergütung, von der sie, je nachdem, ob sie an einer staatlichen oder privaten Hochschule studieren, den Semesterbeitrag oder die Studiengebühren bezahlen müssen; in Köln sind das fast 400 Euro pro Monat. Wenn es in die Meisterschule geht, können sie Aufstiegs-Bafög beantragen, denn dann kommen noch Gebühren für die Vorbereitung und Prüfungen auf sie zu. Wieso sollten sich trial Studierende für eine private Hochschule entscheiden, wenn sie auch günstiger zum Ziel kommen? "Unsere Studieninhalte sind komplett auf die Zielgruppe zugeschnitten", sagt Brücken. "Die Vorlesungen sind praxisnah und legen einen Fokus auf die Realitäten von kleinen und mittelständischen Unternehmen." Bei den trialen Studiengängen staatlicher Hochschulen sei das mitunter anders; oft würden Studierende unterschiedlicher Fächer in den Vorlesungen miteinander vermischt. Niklas Roßbach kann das bestätigen. "Ich hätte mir einen stärkeren Bezug zum Handwerk in den BWL-Vorlesungen gewünscht." Dennoch fühlt er sich gut vorbereitet - und darf sich schon bald Geschäftsführer eines Betriebes nennen.

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