Universität Würzburg: Promotionsskandal Bizarr dünne Arbeiten, "stramm rechter" Professor

Ein Professor der Medizingeschichte soll Ärzten in Würzburg für kuriose Doktorarbeiten Titel verliehen haben. Jetzt sorgt auch noch ein rechts gesinnter Text des umstrittenen Emeritus für Empörung. Er selbst lässt seinen Anwalt sprechen.

Von Olaf Przybilla

Im Jahr 1995 ist über den Würzburger Nobelpreisträger Wilhelm Conrad Röntgen ein Buch erschienen, der Anlass war das große Röntgen-Jubiläum. Das Vorwort stammt von jenem Emeritus der Medizingeschichte, der nun im Verdacht steht, bis zum Jahr 2005 an der Würzburger Universität eine Art Doktorfabrik betrieben zu haben. Der Band über den großen Würzburger Röntgen gilt als einschlägige Monographie, das Vorwort freilich wirft erhebliche Fragen auf.

Der Medizinhistoriker beschreibt, mit wie viel Aufwand sich Würzburg auf das Jubiläum Röntgens vorbereite, wie die Festivitäten alles in den Schatten zu stellen versprächen, was die Stadt bislang erlebt habe. Mit einer Ausnahme, schreibt der Mann, der damals noch Medizingeschichte an der Würzburger Universität lehrte: "Allenfalls die zwölf Monate der 'geflaggten Stadt' ab dem 9. März 1933: mit dem neuen Oberbürgermeister, den Menschenfluten in der umbenannten Theaterstraße, mit der überbordenden Frankenhalle, mit den nicht enden wollenden Aufmärschen zum Gauparteitag - allenfalls die zwölf Monate aufbrandender Hoffnung lassen sich mit dem Röntgen-Jahr vergleichen, dessen Feierlichkeiten in wenigen Wochen über die Stadt hereinbrechen werden."

Der Präsident der Uni Würzburg, Alfred Forchel, hat viel zu tun, seit ein Anonymus Vorwürfe gegen den Emeritus erhoben hat. Dass in Würzburg eine Doktorfabrik für Mediziner betrieben worden sein soll, hielt er so lange für undenkbar, bis er einige der bizarr dünnen Werke in der Hand hielt. Jetzt werden bis zu 25 Würzburger Doktorarbeiten extern überprüft.

Dass am Institut für Medizingeschichte "ein stramm rechtes" Klima geherrscht haben soll, wie zudem behauptet wird, hielt der Präsident ebenfalls für unwahrscheinlich - bis er am Dienstag mit dem Vorwort des Emeritus konfrontiert wurde. Jetzt zeigt sich der Präsident entsetzt: "Dieser Vergleich der Röntgen-Feierlichkeiten mit dem Jahr 1933 ist absolut geschmacklos, falsch und unpassend." Offenkundig habe der Emeritus "doch an einer sehr engen Grenze zur stramm rechten Gesinnung" gewirkt. Trotz aller konzedierten "Schrulligkeit", die dem Professor stets zugestanden worden sei: "Das ist völlig inakzeptabel."

Die Verstörung in Würzburg verblüfft andere Medizinhistoriker. Der Leiter eines Instituts für Medizingeschichte in Süddeutschland berichtet, er habe "sofort gewusst, um welch Geistes Kind es sich handelt", sobald der Emeritus - etwa auf Symposien - "den Mund aufgemacht" habe. Mit stramm rechts sei diese Haltung "eher vornehm umschrieben". So habe der Professor etwa den Lago Maggiore mit dessen ehemals deutschem Namen bezeichnet, ebenso wie ausländische Städte. Die Stadt Prag soll er gelegentlich als deutsche Hauptstadt bezeichnet haben - "um dann noch schnell ,der Vormoderne' anzufügen". Die Kollegen aus anderen Universitäten hätten das nicht gebilligt: "Wir konnten aber nichts dagegen tun, es ist nicht verboten."

Über seinen Anwalt Johannes Mierau äußerte sich der Emeritus gestern zu den Vorwürfen. Er räume ein, dass es sich bei dem Zitat im Röntgen-Buch um "eine unglückliche Formulierung" handele. Wer die gesamte von ihm verfasste Einleitung lese, erkenne aber, dass er den Pomp der Röntgen-Feierlichkeiten 1995 anhand historischer Vergleiche kritisiere. Es habe ihm vollkommen ferngelegen, "damit auch nur im Ansatz irgendeinen inhaltlichen Bezug zu 1933 herzustellen". Bezeichne er ausländische Ortschaften mit dem deutschen Namen, sei dies vollkommen legitim und lasse keinen Rückschluss auf eine "braune Gesinnung" zu. Als Historiker habe er mit der Bezeichnung Prags als "deutsche Hauptstadt" die "kulturell dominierende Rolle der Stadt an der Moldau vom 13. bis zum 17. Jahrhundert" hervorheben wollen. Jeder Anflug von Revanchismus sei ihm fremd.

Am Dienstag äußerte sich erstmals das Wissenschaftsministerium. Es begrüße, "dass die Hochschule Unregelmäßigkeiten bei Promotionen am Institut für Medizingeschichte" nachgehe und sowohl "den Sachverhalt als auch etwaige Sanktionsmöglichkeiten" überprüfe. Zur Gesinnung des Emeritus wolle man sich nicht äußern: "Das Wissenschaftsministerium ist nicht berufen, über die Geisteshaltung von Professoren zu urteilen, es sei denn, diese überschreiten beispielsweise strafrechtliche Grenzen."

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