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Job:Homeoffice gefährdet die Gesundheit

Father talking on cell phone on couch at night with daughter lying next to him model released Symbol

Im Homeoffice verschwimmen die Grenzen zwischen Job und Privatleben stärker.

(Foto: Eloisa Ramos/Imago)
  • Wer viel von zu Hause arbeitet, leide häufiger unter psychischen Problemen als Beschäftigte, die jeden Tag ins Büro fahren.
  • Problematisch sei vor allem, dass viele für ihr berufliches Fortkommen oder unter Leistungsdruck freiwillig Arbeitsschutzregeln ignorieren, so das Wissenschaftliche Institut der AOK-Krankenkassen.

Mails beantworten im Schlafanzug, Akten lesen auf dem Balkon - eigentlich klingt das Konzept des Homeoffice nach einem Geschenk für Arbeitnehmer. Doch eine aktuelle Befragung von 2000 Beschäftigten durch das Wissenschaftliche Institut der AOK-Krankenkassen zeigt jetzt die Schattenseiten der Heimarbeit: Wer viel von zu Hause arbeitet, leide häufiger unter psychischen Problemen wie Erschöpfung, Konzentrationsproblemen und Schlafstörungen als Beschäftigte, die jeden Tag ins Büro fahren.

Ein wesentlicher Unterschied zwischen reinen Büroarbeitern und den Menschen, die das Homeoffice nutzen, sei, "dass sich bei Letzteren die Trennung zwischen Privat- und Berufssphäre stärker auflöst", sagt Studienautor Helmut Schröder. Sie arbeiteten öfter am Abend oder an Wochenenden, ein Fünftel von ihnen berichtete über Anrufe oder E-Mails ihres Chefs außerhalb der Arbeitszeiten. Bei Mitarbeitern, die täglich in die Firma kommen, kennen nur knapp sechs Prozent Anrufe des Arbeitgebers nach Feierabend. Auch deshalb klagen Beschäftigte im Homeoffice vergleichsweise öfter über Probleme mit der Vereinbarkeit von Freizeit und Beruf.

Fast 75 Prozent der Befragten, die häufig im Homeoffice arbeiten, fühlten sich im vergangenen Jahr erschöpft, knapp 70 Prozent klagten über Wut, Nervosität und Reizbarkeit. Von den Arbeitnehmern im Büro waren es dagegen nur etwa die Hälfte. Auch die Anteile an Lustlosigkeit, Niedergeschlagenheit, Konzentrationsproblemen und Selbstzweifeln unterscheiden sich deutlich zwischen diesen beiden Gruppen. Zwar habe die Arbeit zu Hause auch große Vorteile: "Homeoffice hilft vielen Beschäftigten, das Privatleben besser mit dem Arbeitsleben vereinbaren zu können", sagt Schröder. Doch der Preis dafür sei, dass der private Rückzugsraum und die Zeit für Erholung schrumpfe.

Die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAUA) warnt in ihren Untersuchungen längst vor den Folgen einer Verfügbarkeit von Mitarbeitern auch lange über den Feierabend hinaus. Der Gewinn an Autonomie, den Menschen durch flexible Arbeitszeiten und -orte verspüren, gleiche kaum die negativen Folgen der Heimarbeit aus. Mehrere Studien deuteten darauf hin, dass eine ständige Erreichbarkeit mit einem höheren Stress- und Burn-out-Risiko und mit gesundheitlichen Beschwerden verbunden sei.

Unternehmen brauchen Strategien, um ihre Mitarbeiter zu schützen

Problematisch sei unter anderem das Phänomen der "interessierten Selbstgefährdung": Für ihr berufliches Fortkommen oder unter Leistungsdruck sind Menschen bereit, Arbeitsschutzregeln bewusst zu ignorieren, ihre Pausen und Urlaubstage nicht wahrzunehmen, krank zur Arbeit zu gehen oder ihrem Chef sogar die eigene Gesundheit vorzutäuschen. Selbstausbeutung wird so zur gesundheitlichen Gefahr. "Solche Phänomene sieht man unter anderem in der Projektarbeit", sagt Frank Brenscheidt vom BAUA. Die Digitalisierung habe die Möglichkeiten für eine Entgrenzung der eigenen Arbeitszeit noch erhöht.

Brenscheidt sagt, dass Unternehmen Strategien entwickeln müssen, um Mitarbeiter vor solchen Tendenzen zu schützen. So könne allein die klare Vereinbarung, bei wirklich dringenden Anliegen nach Feierabend den Mitarbeiter auf dem Handy anzurufen, verhindern, dass Beschäftigte bis spät abends ihre Mails checken.

Auch Yvonne Lott, die für die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung zum Homeoffice geforscht hat, fordert "klare Absprachen", um Arbeitnehmer vor Erschöpfung zu schützen. Wichtig sei bei solchen flexiblen Arbeitsmodellen, dass Vertrauen zwischen einem Chef und seinen Mitarbeitern herrsche - sonst fühlten sich Arbeitnehmer gerade im Homeoffice schnell unter Druck gesetzt, besonders viel zu leisten.

Denn für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie sei die Heimarbeit eigentlich von Vorteil, sagt Lott. Doch zu der Flexibilität des Arbeitsortes müsse auch eine wesentlich größere Flexibilität der Kernarbeitszeiten gehören. Diese könnten Beschäftige zu sehr einschränken. Ohne festes Zeitkorsett würde es auch für Menschen im Homeoffice kein Problem sein, am Nachmittag für zwei Stunden zum Yoga zu gehen und nicht ans Handy - weil sie sich dafür abends noch einmal an den Computer setzen.

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