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Fortschritt durch Bildung:Pauken für die Volkswirtschaft

Wer lernt, kurbelt das Wirtschaftswachstum an: Die Industrieländer-Organisation OECD hat versucht auszurechnen, wie viel ökonomischen Fortschritt bessere Bildung bringen könnte.

Tanjev Schultz

Ein besseres Bildungssystem zahlt sich aus. Nach einer neuen OECD-Studie können bereits leichte Verbesserungen bei den Schulleistungen enorme ökonomische Wachstumseffekte auslösen. Das zeigt ein Pisa-Bericht, den die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Montag veröffentlicht hat. Würden sich die bei Pisa gemessenen Schülerleistungen leicht verbessern, könnte die Generation, die jetzt in Deutschland aufwächst, über ihr aktives Berufsleben hinweg 8000 Milliarden Dollar zusätzliches Wachstum erzielen.

Wer lernt, hilft der Volkswirtschaft

(Foto: Foto: dpa)

Kritik an der frühen Aufteilung

Die Forscher stützen sich auf eine komplexe Berechnung; sie räumen ein, dass sich die Gewinne aus einem besseren Bildungsstand der Bevölkerung nicht exakt voraussagen lassen. Keinen Zweifel ließ die OECD aber daran, dass sich eine verbesserte Bildung sehr positiv auf das Wirtschaftsleben auswirken würde. Da die Effekte von Bildungsreformen jedoch erst langfristig einträten, würden sie häufig unterschätzt. Wichtig seien dabei nicht unbedingt nur höhere Ausgaben für Kindergärten und Schulen, sagte Matthias Rumpf vom deutschen OECD-Büro in Berlin: "Entscheidend sind auch strukturelle Fragen und die Qualität des Unterrichts."

Die Studie selbst gibt keine politischen Empfehlungen, in der Vergangenheit hatten OECD-Experten aber immer wieder Kritik an der frühen Aufteilung der Schüler in Deutschland geübt. Vor allem in der frühkindlichen Bildung seien allerdings auch höhere Investitionen nötig, betonte Rumpf.

In Deutschland hatten sich Bund und Länder im vergangenen Jahr darauf verständigt, die Ausgaben für Bildung und Forschung bis 2015 auf zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu steigern. Die Finanzierung ist jedoch weiterhin ungeklärt; wegen der Wirtschaftskrise und eines Kompetenzstreits zwischen Bund und Ländern fehlt bisher ein Fahrplan, um das Zehn-Prozent-Ziel zu erreichen. Die OECD mahnte die Politiker am Montag, die Wirtschaft nicht nur kurzfristig zu stützen; auch wenn es nötig sei, die Rezession weiter zu bekämpfen, "sollten langfristige Politikziele nicht aus den Augen verloren werden".

Großer Abstand zu den Finnen

Als Szenario für ihre Berechnung langfristiger Bildungsgewinne nehmen die OECD-Experten an, die durchschnittlichen Schülerleistungen hätten sich um 25 Pisa-Punkte verbessert. Die von der OECD organisierten Pisa-Studien untersuchen seit dem Jahr 2000 die Fähigkeiten 15-jähriger Schüler in Mathematik, den Naturwissenschaften und im Lesen (Textverständnis). 25 Punkte auf der Pisa-Skala entsprechen etwa dem Lernzuwachs eines halben Schuljahrs. Beim Pisa-Test 2006 waren die deutschen Schüler - trotz noch immer großen Abstands zu den Finnen - in den Naturwissenschaften überdurchschnittlich gut. Im Lesen und in Mathematik waren sie aber nur Mittelmaß. Die Ergebnisse der jüngsten Tests, der Pisa-Studie 2009, werden erst Ende dieses Jahres veröffentlicht.

In einer besonders ehrgeizigen Modellrechnung haben die Forscher untersucht, wie hoch der Wachstumsimpuls wäre, wenn alle OECD-Mitgliedsstaaten auf das Niveau des Pisa-Spitzenreiters Finnland kämen. Für Deutschland könnte dies einen jährlichen Wachstumsschub von 0,8 Prozentpunkten bedeuten. Gegenüber der moderaten Modellrechnung würde sich die zusätzliche Wirtschaftsleistung in den kommenden Jahrzehnten noch einmal verdoppeln.

Leistungsschwache Schüler bremsen Wirtschaftswachstum

Ähnliche Ergebnisse hatte vor kurzem eine Analyse des Münchner ifo-Instituts ergeben. Vor allem der in Deutschland sehr hohe Anteil besonders leistungsschwacher Schüler ist nach Ansicht von Bildungsökonomen eine Bremse für das Wirtschaftswachstum. Etwa jeder fünfte Schüler im Alter von 15 Jahren kommt laut den Pisa-Studien beim Rechnen und Lesen über Grundschulniveau nicht hinaus.

© SZ vom 26.01.2010/holz

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