Berufe Der Mensch wird weiter gebraucht

Ob Bäcker oder Buchhändler: Digitale Technologien verändern Berufe. Was das für deren Zukunft bedeutet, ist sehr individuell.

Von Felicitas Wilke

Einen schmerzenden Bauch kann bislang kein Roboter abtasten. Und eine Maschine, die blonde Strähnen ins Haar färbt oder Kinder erzieht, hat auch noch niemand erfunden. Wer als Hausärztin, Friseur oder Erzieherin arbeitet, erhält vom Job-Futuromat ein beruhigendes Ergebnis. Das Online-Tool des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) errechnet auf Basis der typischen Tätigkeiten in einem Beruf, wie viele davon schon heute ein Roboter übernehmen kann. Bei den drei genannten Berufen ist es bislang keine einzige, das Ergebnis: null Prozent.

In anderen Berufen hingegen übernehmen Maschinen oder digitale Technologien immer mehr Aufgaben, die bisher von Menschen verrichtet wurden - oder jedenfalls könnten sie das: etwa einen Teig herstellen, einen Jahresabschluss anfertigen oder Waren kassieren. Sie können sowohl handwerklich arbeiten als auch Routinetätigkeiten übernehmen, die mit Zahlen und Daten zu tun haben. "Je höher der Anteil an Routinetätigkeiten in einem Beruf, desto leichter kann dieser von Technologien übernommen werden", sagt Katharina Dengler, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim IAB. Bäcker, Buchhalter oder Kassierer zählen dazu.

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Auch Werner Eichhorst, Professor am Forschungsinstitut zur Zukunft der Arbeit (IZA), erforscht, wie sich der Arbeitsmarkt und die Berufe verändern. Er beschreibt, dass die bezahlte Erwerbsarbeit "nach allem, was wir derzeit wissen können" den Menschen nicht ausgehen werde. Allerdings sagt er auch, dass die industrielle Produktion, das traditionelle Handwerk und routinelastige Büroarbeit in Banken oder in der Verwaltung unter Druck geraten könnten. Wo Menschen miteinander interagieren, da falle künftig tendenziell mehr Arbeit an. Denn diese Jobs hingen "im Wesentlichen von der Qualifikation, Motivation, Professionalität und Kommunikation der Menschen" ab, so Eichhorst. Wessen Job nicht nach den immer gleichen Regeln funktioniert, wer kreativ sein muss und seine "eigene Handschrift" einbringen muss, sei gefragt.

Was nach guten Nachrichten für Erzieher, Lehrer, Pfleger oder Marketingexperten klingt, kann auch für den vermeintlich gefährdeten Bäcker eine Chance sein. Denn wenn dieser mit handwerklich gefertigten, vielleicht sogar individuell gestalteten Backwaren wirbt, grenzt er sich ab vom Kaiserbrötchen, das der Roboter in den Ofen geschoben hat. "Nur weil Technologie die typischen Tätigkeiten in einem Beruf übernehmen kann, heißt das noch nicht, dass der Beruf auch aussterben wird", sagt Dengler. Vielmehr werde er sich wandeln: Der Bäcker backt individuelle Brötchen, die Steuerfachangestellte unterstützt den Steuerberater womöglich bald mehr bei der Liquiditätsplanung der Kunden und berät mehr, als dass sie Bescheide prüft. In Berufen, die teils aus automatisierbaren Aufgaben und teils aus sozialen Tätigkeiten bestehen, könnte die Jobbeschreibung künftig mehr soziale Interaktion umfassen. Ein Buchhändler etwa muss in Zukunft wahrscheinlich nicht mehr kassieren oder die Bücher auszeichnen, sehr wohl aber die Kunden beraten und auf deren Wünsche eingehen.

Für die Arbeitgeber bedeutet dies, dass es immer wichtiger wird, ihre Mitarbeiter weiterzubilden. Dass die klassische Ausbildung deshalb überholt ist, glaubt Eichhorst aber nicht. "Ihre Stärke besteht darin, den Menschen breite Kenntnisse zu vermitteln, die ihnen dabei helfen, sich später fortzubilden", sagt der Wissenschaftler. Er sorgt sich vielmehr um die angelernten Hilfskräfte, die in vielen Fällen nicht dauerhaft angestellt, sondern als Zeit- oder Leiharbeiter tätig sind. "Es ist eine der wichtigsten, bislang ungeklärten Fragen, wie es gelingen kann, dass diese Menschen nicht abgehängt werden", sagt Eichhorst. Auch sie müssten gezielt weitergebildet werden und wegkommen von den Routineaufgaben - zum Beispiel durch ihre Arbeitgeber und eventuell die Arbeitsagentur.

Auch Busfahrer sollten sich nicht zu sicher sein

Unklar ist bislang, inwieweit die Unternehmen die technischen Möglichkeiten tatsächlich ausschöpfen werden. Zwar kann ein Roboter im Handel abrechnen und kassieren, aber letztlich entscheiden die Arbeitgeber, ob es betriebswirtschaftlich sinnvoll ist, die Menschen mit Technologie zu ersetzen. "Hohe Kosten oder die Präferenzen der Kunden können bewirken, dass nicht alles umgesetzt wird, nur weil es technisch möglich wäre", sagt Dengler.

Wer in einem Beruf arbeitet, der momentan noch nicht von digitalen Technologien ausgeführt werden kann, sollte sich umgekehrt nicht zu sehr in Sicherheit wiegen. In einer Zeit, in der Hersteller und Zulieferer in der Automobilbranche intensiv das autonome Fahren vorantreiben, erstaunt es fast, dass der Beruf des Busfahrers heute zu null Prozent automatisierbar sein soll. "Bislang ist das so, aber bei dieser Momentaufnahme wird es in den kommenden Jahren voraussichtlich nicht bleiben", sagt Arbeitsmarktforscherin Dengler. Auch der Beruf des Busfahrers könnte sich also stark verändern - vorausgesetzt, die Verkehrsbetriebe und Fahrgäste möchten, dass der Wagen scheinbar von Geisterhand gesteuert wird.

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