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Aussterbende Handwerksberufe:Die Letzten ihrer Art

Böttcher, Pinselmacher, Kürschner: Manche Berufe üben nur noch wenige Menschen in Deutschland aus. Doch genau das kann ihr großer Vorteil sein.

Von Pia Ratzesberger

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Der Duft von Papier

SLUG: LD-WHEELER9 DATE: 02/22/2006 Photographer: Tracy A. Wo

Quelle: Tracy A. Woodward/Getty Images

Sobald man durch die Tür tritt, ist da dieser Geruch. Von alten Büchern, von Papier, ein wenig wie in den engen Regalreihen einer Bibliothek. In seiner Werkstatt in der Münchner Amalienstraße verleiht Albert Wiedemann jedoch keine Bücher, nein, er lässt sie überhaupt erst entstehen. Sein Vater hat das Geschäft Anfang der 50er Jahre aufgebaut, damals war der gesamte Hof voll gepfropft mit Papierpaletten. Denn in Zeiten, in denen niemand Akten digital ablegte, mangelte es den Wiedemanns nicht an Aufträgen. "Heute ist das anders", sagt der Buchbindermeister und klingt nicht nur enttäuscht, wenn er das sagt. Sondern auch ein wenig erleichtert, dass die Zeit der nächtlichen Überstunden vorüber ist. Wer zu ihm kommt, sucht das Besondere: Kunststudenten lassen sich ihre Arbeiten für die Universität binden oder Kanzleien ihre Fachzeitschriften. Doch weil Copyshops sehr viel billigere Preise anböten, seien die Kunden oft nicht mehr bereit, höhere Beträge zu zahlen. "Von meinem Handwerk leben kann ich zwar noch. Vor allem aber, weil ich für das Alter vorgesorgt habe", sagt Wiedemann. Seinen Kindern hat er geraten, lieber etwas Vernünftiges zu lernen. Seine Tochter zum Beispiel, die studiert jetzt internationales Management.

Pia Ratzesberger

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Die Schuhe der Pferde

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Quelle: imago

Das war er, der letzte Stall für heute. Gerade hat Wolfgang Gerull noch die Vorderhufe eines niederländischen Kaltblüters beschlagen oder wie er manchmal sagt "das Pferd hat neue Schuhe bekommen". Jetzt sitzt er im Auto und ist auf dem Weg nach Hause. Feierabend. Zwischen fünf und fünfzehn Tiere behandelt der Hufschmied im Schnitt an einem Tag in der Region Köln, je nachdem wie nah die Orte der Kunden beieinander liegen oder wie viele Notfälle drängen. "Es ist ein schwerer Job", sagt der 49-Jährige. Wer eine Ausbildung anstrebe, nur weil er gerne Zeit mit Pferden verbringe, sei in dem Beruf nicht unbedingt richtig. Der Hufbeschlag verlangt vom eigenen Körper einiges ab. Dass es zu wenig Hufschmiede gebe, das empfindet Gerull nicht so. Je weniger Konkurrenten, desto besser - desto mehr Aufträge bleiben schließlich für die Übrigen. Seit einigen Jahren hat der Hufschmied auch eine Webseite, auf der er besondere Problemfälle an Hufen dokumentiert oder Pferdebesitzer ihn in einem Forum um Rat bitten können. Die meisten, die dort schreiben, gehören sowieso zu seiner festen Kundschaft. Aber auch bisher Unbekannte finden ihn nun über das Netz - und werden irgendwann, im besten Fall, vielleicht selbst einmal zu Kunden.

Pia Ratzesberger

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Die Felle aus dem Wald

Slupinski Pelzmoden - Produktion

Quelle: Rolf Vennenbernd/dpa

Die kleine, schwarze Schnauze sieht noch fast nach Leben aus. Doch wo ein paar Zentimeter darüber einmal zwei Augen waren, sind jetzt nur noch zwei Löcher. Constanze Saam streicht über das Fuchsfell und legt es zu den anderen. Ein Packen toter Tiere, für die 53-jährige Kürschnermeisterin Alltag. Die alte Pelzmaschine von Pfaff, mit der Saam in ihrem Atelier im Münchner Osten die Fellstücke sorgsam aneinander näht, stammt noch aus der Generation ihrer Eltern. Kein Tierhaar darf zwischen die Naht geraten - und kaputt gehen darf an der Maschine erst recht nichts. "Es gibt kaum noch jemanden, der sich mit diesen Geräten auskennt", sagt Saam. Wer bei ihr einen Nerzmantel oder einen Persianer kaufen will, muss schnell einmal einige Tausend Euro ausgeben. "Doch wenn ein Kunde mit so einem Teil aus der Tür geht, weiß ich, den sehe ich die nächsten Jahre nicht wieder". Pelz zu verarbeiten, daran kann Saam nichts Verwerfliches finden, solange es keine Billigware aus Fernost sei. Die Füchse zum Beispiel kämen aus der Region. Aus einer Schublade zieht sie eine Info-Broschüre und liest vor, welche Tiere im Raum München bedroht sind. Der Fuchs, der neben ihr auf der Arbeitsplatte liegt, steht nicht auf dieser Liste.

Pia Ratzesberger

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Die Veredelung des Weines

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Quelle: Reinhard Kurzendörfer/imago

Ralf Mattern ist Böttcher. Er ist Küfner. Und er ist Fassbinder. Derselbe Beruf trägt viele Namen - da auch das zugehörige Gefäß unter ganz verschiedenen Bezeichnungen bekannt ist. Die Technik der Handwerksmeister allerdings ist seit Jahrhunderten in etwa die Gleiche: Die Dauben, lange Hölzer, werden dicht an dicht in Spannreifen eingepasst, anschließend stellt der Böttcher das Fass über ein offenes Feuer und benetzt es mit Wasser. Später einmal, wenn das Fass nach vielen weiteren Arbeitsschritten fertig ist, soll es die Flüssigkeiten im Inneren so mit seinem eigenen Aroma verfeinern. Matterns Kunden sind vor allem Winzer und Spirituosenhersteller, die ihren Wein und Schnaps durch die Lagerung veredeln wollen: "Deshalb greifen heute wieder mehr zu handgemachten Holzfässern", sagt der 41-Jährige. Ursprünglich wollte er einmal Schreiner werden, doch davon gab es im Ort schon einen. Heute hat er zwei Lehrlinge in seinem Betrieb im rheinland-pfälzischen Weinort Deidesheim, im August beginnt bereits der Dritte seine Ausbildung. Dies ist eher ungewöhnlich. Manch anderer findet keinen einzigen Lehrling. Was über so viele Jahrhunderte von Mensch zu Mensch weitergegeben wurde - das wird er nun einer neuen Generation lehren.

Pia Ratzesberger

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Das Zuhause der Pinselmacher

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Quelle: Steffen Schellhorn/imago

Wer Friedrich Auerochs fragt, was seinen Beruf ausmacht, bekommt vier Worte zu hören: "Feingefühl, Kreativität, Selbständigkeit, Geduld". Seit mehr als 40 Jahren ist er Pinselmacher im mittelfränkischen Bechhofen, einem Ort, der diesem Handwerk seit langer Zeit verbunden ist. Schon Ende des 18. Jahrhunderts arbeiteten hier die ersten Pinselmacher, "früher wurden in etwa jedem zweiten Haus Pinsel gefertigt", sagt Auerochs. Heute sei das zwar anders, doch einige Firmen führten die Tradition weiter - zum Beispiel die Zahn Pinselmanufaktur, bei der der 57-Jährige tätig ist. Jede noch so kleine Pinselgröße muss ein Meister Haar für Haar zusammenfügen können, " irgendwann siehst du nur noch Pinsel vor deinem geistigen Auge, von früh bis spät". Während seiner Ausbildungszeit hat Auerochs die Haarmenge noch ganz genau mit der Hand abschätzen müssen, heute gibt es dafür spezielle Abteilmaschinen, die diese Arbeit ein wenig erleichtern. Für den Beruf hat er sich in seiner Jugend vor allem deshalb entschieden, weil der Betrieb direkt im Ort war. Mittlerweile reiche das allein nicht mehr, um die Jungen zu locken. Immer weniger würden sich für das Berufsfeld interessieren - selbst in Bechhofen, dem Ort der Pinselmacher.

Pia Ratzesberger

© SZ vom 18.04.2015/mkoh

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