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Digitalisierung:Von Drahtziehern und Filmvorführern

Viele Berufe sind aus Deutschland verschwunden oder verändern sich gerade: die Fertigung von Perücken, das Wechseln von Filmrollen, der Buchverkauf oder das Backen frischer Brötchen (von links oben im Uhrzeigersinn).

(Foto: Getty, AFP (2), dpa; Collage: SZ)

Die Geschichte des industriellen Fortschritts ist auch eine der aussterbenden Berufe - und der Ängste. Die waren meist grundlos.

Zeitungsmachen war früher hart und laut. Schriftsetzer setzten die Ausgabe des nächsten Tages in Blei auf lärmenden Linotype-Maschinen. Redakteure gingen zum "Umbruch" in die "Mettage", wo "Metteure" mit ihnen die Seiten "umbrochen" haben. Dabei wurde der Bleisatz in einem Rahmen, dem "Schiff", zur fertigen Zeitungsseite gebaut, mit Druckerschwärze eingefärbt und ein Korrekturabzug hergestellt. Am Ende des Prozesses standen zylindrische Platten, die in die Druckmaschine eingehängt wurden.

Seit den späten 1970er-Jahren sind Setzmaschinen und Blei verschwunden. Die Zeitung umbrechen heute Layouterinnen und Layouter an Computern, diese haben direkten Zugriff auf die Artikel der Redaktion. Immer mehr Leser haben überdies digitale Zeitungsabos. Einen Metteur und einen Schriftsetzer braucht es nicht mehr. Der Beruf überlebte eine Zeit lang noch als Satire - als "Säzzer", der in den Anfängen der taz die Artikel der Redakteure kommentierte. Aber auch der ist im Ruhestand.

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Es ist so, seit die Industrialisierung Ende des 18. Jahrhunderts begann. Altehrwürdige Berufe, oft mit jahrhundertealter Tradition, fallen dem technischen Fortschritt und seinen Maschinen zum Opfer: Drahtzieher, Perückenmacher, Leinenweber, Schildermaler, dazu Stellmacher für die Wagenräder und Küfer für die Weinfässer - alle verschwunden oder nur noch in Nischen zu finden. Als es noch keinen Sozialstaat gab, waren die Konsequenzen für jene, die diese Berufe erlernt hatten, oft hart. Aber auch heute, da mit der Digitalisierung eine neue industrielle Revolution begonnen hat, löst das Schicksal der sterbenden Berufe nicht nur Wehmut, sondern Angst aus: Werden Roboter die Menschen ersetzen? Geht uns die Arbeit aus?

Viele Ökonomen halten diese Angst für unbegründet. Der technische Fortschritt schafft, so die Hoffnung, tendenziell mehr Jobs als er vernichtet. Gerade hat das Bonner Institut Zukunft der Arbeit (IZA) eine entsprechende Studie veröffentlicht ( SZ vom 9. Januar 2019).

Karl Marx sah die Fabrikarbeiter als Gehilfen der Maschine

Das Verschwinden von Berufen hat immer zwei Seiten: Es geht etwas verloren, es wird aber auch etwas gewonnen. Schriftsetzer und Metteure waren hoch qualifiziert und gut bezahlt. Und sie hatten Macht, auch gegenüber nervenden Redakteuren. Die schärfste Waffe eines Metteurs im Streitfall war es, kurz vor Andruck eine Viertelspalte Bleisatz "aus Versehen" fallen zu lassen, die dann neu gesetzt werden musste. Andererseits hatten Setzer und Metteure ein Berufsleben lang mit Blei zu tun; Bleivergiftung war eine gefürchtete Berufskrankheit.

Blei gibt es längst nicht mehr in der Zeitungsproduktion. Dafür ändert sich die Branche durch Internet und Digitalisierung so schnell, dass niemand genau weiß, wie die heutigen Medienberufe in ein paar Jahren aussehen werden.

Karl Marx glaubte, für seine Zeit sicher mit einem gewissen Recht, dass der technische Fortschritt die Arbeit stupider machen würde. In den alten, vorindustriellen Manufakturen, so schreibt er im "Kapital", habe es eine Hierarchie spezialisierter Arbeiter gegeben; an deren Stelle trete in den neuen Fabriken "eine Tendenz der Gleichmachung oder Nivellierung der Arbeiten, welche die Gehilfen der Maschinerie zu verrichten haben".

Heute ist die Tendenz eher umgekehrt: Routine-Jobs verschwinden, gefragt sind hoch qualifizierte, kreative Spezialisten und eben keine "Gehilfen der Maschinerie". Wie der Wandel dann in der Praxis aussieht, ist allerdings offen. So spekulieren Experten, dass die Arbeitsplätze von Radiologen - sie gehören derzeit zu den am besten verdienenden Ärzten - gefährdeter seien als die von Haushaltshilfen. Der Job eines Radiologen besteht darin, auf Röntgenbildern oder Computertomogrammen zu erkennen, ob ein Patient zum Beispiel Krebs hat oder nicht. Bilderkennung aber können Computer schon heute besser als Menschen, so das Argument. Dagegen dürfte es auch im Zeitalter von künstlicher Intelligenz viel zu aufwendig sein, einen Roboter zu entwickeln, der Bücherregale und chinesische Vasen abstaubt.

Aussterbende Handwerksberufe

Die Letzten ihrer Art

Chefs und Chefinnen schreiben ihre E-Mails heute lieber selber

Das amerikanische Bureau of Labor Statistics, eine Abteilung des Arbeitsministeriums in Washington, hat eine Tabelle mit Zahlen über die "am schnellsten verschwindenden Berufe" in den Vereinigten Staaten. Die Liste ist ebenso lehrreich wie überraschend. Ganz oben steht der Beruf des Heizers auf Lokomotiven. Von denen gab es 2016 in den gesamten USA noch 1200, 2026 werden es 300 sein - ein Rückgang um 76 Prozent. Der Begriff "Heizer" ist dabei irreführend, denn es handelt sich dabei eher um Assistenten der Lokomotivführer, die auf Signale achten und auf Hindernisse auf den Gleisen.

An zweiter Stelle steht der Techniker für Atemtherapie, ebenfalls ein Hilfsjob, diesmal im Medizinsektor. Nummer drei ist der "Parking Enforcement Worker", eine Hilfskraft, die auf die Einhaltung von Parkverboten achtet. Es folgen einfache Schreibkräfte, Uhrmacher und Arbeiter, die Elektronik in Autos einbauen. In absoluten Zahlen allerdings ist der Rückgang bei Chefsekretärinnen und Vorstandsassistenten am größten. Nicht weniger als 119 000 Jobs werden in dieser Berufsgruppe bis 2026 verloren gehen. Kein Wunder: Die Chefinnen und Chefs schreiben ihre E-Mails selber, sie brauchen für die anderen Aufgaben weniger, aber höher qualifizierte Assistentinnen und Assistenten.

Und dann gibt es noch den Beruf des Filmvorführers. Früher war das mal ein Traumjob, besonders für Halbwüchsige, die für Claudia Cardinale schwärmten. Damals mussten die Vorführer noch 30 Kilo schwere Filmrollen wuchten und mit ihnen auch umgehen können. Heute sind Filme auf Festplatten gespeichert, die man per Knopfdruck am Computer steuert. Entsprechend leicht ersetzbar und schlecht bezahlt sind Filmvorführer. Auch dies ein sterbender Beruf.

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