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Blog "Arm aber sexy":"Es gab viel negatives Feedback"

sueddeutsche.de: Ist die Situation in der Wissenschaft wirklich schlimmer als in der Wirtschaft?

Rüthemann: Vor allem in finanzieller Hinsicht. In der Wissenschaft ist man von Anfang an auf einen prekären Status festgelegt. Man hangelt sich von Stipendium zu Stipendium und kann gerade so davon leben. Viele Wissenschaftler werden für 19,5 Stunden bezahlt - aber es wird erwartet, dass sie auf Konferenzen fahren, Beiträge veröffentlichen und damit an die 60 Stunden arbeiten.

Oesterreich: Die Begriffe "Flexibilität" und "Mobilität" sind eigentlich positiv besetzt, wir alle streben diese Werte an. Aber wenn sie zur Doktrin werden, dann entwickeln sie sich zu einem Diktat.

sueddeutsche.de: Wie ist Ihre derzeitige Vertragssituation?

Oesterreich: Wir haben beide einen Dreijahresvertrag - uns geht es eigentlich gut. Danach werden wir uns entweder um ein weiteres Stipendium bemühen, oder aber einen Lehrstuhl suchen, an dem wir habilitieren können. Das bedeutet dann wahrscheinlich, dass wir wieder umziehen müssen. Gleichzeitig ist das aber auch genau die Zeit, in der wir, ebenso wie Männer in der gleichen Situation, darüber nachdenken müssen, ob wir Kinder wollen. Wenn wir immer geographisch flexibel sein müssen, ist das unmöglich. Also müssen wir uns entscheiden: Für den Beruf als Wissenschaftlerin oder für Familie.

Rüthemann: Das muss sich ändern. Es kann nicht sein, dass Leute Arbeitsstrukturen, die ihnen eigentlich zuwider sind, hinnehmen und versuchen sich irgendwie durchzumogeln, wenn sie sich gleichzeitig mit anderen Betroffenen solidarisieren könnten - und vielleicht etwas ändern. Schon die Schaffung von Kinderbetreuungsplätzen oder Teilzeitstellen würde die Situation in der Universität leichter machen.

sueddeutsche.de: Welche Reaktionen gab es bisher auf Ihr Blog?

Oesterreich: Wir haben sehr viel positives Feedback bekommen - aber auch überraschend viel negatives. Viele Leute werfen uns vor, dass wir ja wussten, worauf wir uns mit unserer Berufswahl einlassen und jetzt nicht auf die Mitleidstour kommen sollten. Aber es hat sich auch gezeigt, dass außerhalb der Wissenschaft viele Beschäftigte unter ähnlichen Situationen leiden. Jetzt hoffen wir einfach, dass sich die Betroffenen miteinander solidarisieren. Denn trotz aller Widrigkeiten wollen wir auf jeden Fall in der Wissenschaft bleiben.