Berufsbild:Wertschätzung könnten ausgerechnet Roboter bringen

Lesezeit: 7 min

Ein weiteres Kriterium, anhand dessen Menschen beurteilen, wie viel Anerkennung jemandem gebührt, seien Entscheidungskompetenzen und Verantwortung, sagt der Soziologe Sebastian Brandl. Gleichzeitig spiegeln sie dem Berufsausübenden: Du bist wichtig, du weißt was, auf dich kommt es an. Ihren Verantwortungsbereich vergrößern können Pflegekräfte allerdings nur, wenn sie in die Pflegeleitung aufsteigen: Mit dem Beruf, den sie erlernt haben, hat das nicht viel zu tun. Wer Pfleger bleibt, muss hingegen auch mit jahrelanger Berufserfahrung tun, was Assistenzärzte sagen. Auch wenn die bestimmte Krankheiten bisher nur auf dem Beamer im Hörsaal gesehen haben.

Neubauer spricht von einer "Entleerung" der Arbeit: Krankenpfleger könnten viel mehr Tätigkeiten eigenverantwortlich übernehmen und auch ohne ärztliche Aufsicht durchführen. "Je mehr die Tätigkeiten sich überlappen, die Arzt und Pflegekräfte machen können, umso mehr wird die strenge Hierarchiegrenze abgebaut", sagt der Gesundheitsökonom. Andere Länder seien da schon weiter. Dort könnten Pflegekräfte durch ein Bachelorstudium - das leichter ist als das Medizinstudium - zum Assistenten des Arztes aufsteigen und ihn vor allem bei der Dokumentation entlasten.

Ein bisschen Akademisierung könnte Hierarchien aufweichen

Pflegestudiengänge werden schon länger als mögliches Allheilmittel für das Berufsprestige der Pfleger gehandelt und etablieren sich zunehmend an deutschen Universitäten. Die akademische Bildung könnte nach außen ein höherwertiges Berufsbild fördern, im Arbeitsalltag mehr inhaltliche und soziale Nähe zwischen Ärzten und Krankenpflegern schaffen und eine Grundlage für die Forderung höherer Löhne darstellen. Allerdings ist noch völlig unklar, ob auf diese Weise künftig einfach eine neue Hierarchieebene entsteht, ob womöglich beruflich gebildete Krankenpfleger künftig eine weitere Ebene über sich sehen.

Eine vollständige Akademisierung birgt außerdem die Gefahr, Menschen vom Pflegeberuf auszuschließen - das ist schon angesichts des Fachkräftebedarfs kritisch und hat laut Neubauer weitere Nachteile: "Es gibt Menschen, die haben vielleicht kein Abitur, sind aber physisch und psychisch stärker und den Anforderungen der Pflege eher gewachsen."

Hilft am Ende vielleicht doch vor allem ein Pflegeschlüssel, der Kliniken zwingen könnte, für eine bestimmte Zahl an Patienten eine Mindestanzahl von Pflegern zu beschäftigen? Mit solch einer Quote könnten die Krankenhäuser in Verhandlungen mit den Krankenkassen mehr Geld aushandeln - bis sie sich die Pfleger sprichwörtlich kaufen können, auch aus dem Ausland.

Der Einsatz von Technik macht Arbeit wertvoller

Günter Neubauer hält das für den falschen Ansatz und setzt stattdessen auf den technischen Fortschritt. "Auf längere Sicht wird man vermehrt Unterstützungssysteme einsetzen müssen, die Arbeitskräfte zumindest teilweise ersetzen", sagt der Gesundheitsökonom. Das würde die Pflegekräfte nicht nur entlasten, sondern ihnen endlich auch mehr Anerkennung einbringen: "Berufe, die mit relativ wenig Zusatzausstattung ihre Arbeit verrichten, gelten generell als nicht so anspruchsvoll - man muss ja bloß die Hände einsetzen", sagt er. Würden Maschinen eingesetzt, die beherrscht werden müssten, werde die Arbeit per se als wertvoller eingeschätzt, tendenziell produktiver und deshalb auch besser bezahlt.

Neben dem geachteten Pfleger der Zukunft rollt laut Neubauer ein kleiner Roboter ins Zimmer. Der bette den Patienten auf die Seite und stelle das Bett neu ein, während die Pflegekraft Knöpfchen drückt und Zeit hat, mit dem Kranken zu sprechen. Und Sensoren könnten Unregelmäßigkeiten aus den Krankenzimmern melden, wenn die Station nachts dünn besetzt ist. Das werde auch das Einkommen anheben, weil die Pfleger mehr Menschen in ähnlicher Zeit versorgen könnten. Die Zahl der Berufsausstiege wegen Rückenbeschwerden würde hingegen zurückgehen. "Wenn die körperliche Belastung sinkt, werden auch die psychischen Probleme zurückgehen, weil die Stimmung insgesamt besser ist", sagt der Gesundheitsökonom.

Es klingt am Ende paradox, dass ausgerechnet eine Erleichterung des Arbeitsalltags zu mehr Anerkennung und besserer Bezahlung führen soll. Doch der technische Fortschritt, häufig gefürchtet, weil er Arbeitsplätze gefährdet, könnte den Krankenpflegern ermöglichen, ihren Aufgaben wirklich zu erfüllen und am Menschen zu arbeiten. Sie könnten Verbände wechseln, Medikamente rechtzeitig verabreichen und alten Patienten auch mal die Beine eincremen; sie könnten Menschen beim Gesundwerden helfen und beim Sterben begleiten - und mit ihrer Wertschätzung nach Hause gehen.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Abo kündigen
  • Kontakt und Impressum
  • AGB