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Arbeitsmarkt:Durchstarten auf der Durststrecke

Derzeit trifft die Krise auf dem Arbeitsmarkt gut Ausgebildete besonders hart, doch in manchen Berufen sollen bald schon wieder Fachkräfte fehlen.

Alexander Mühlauer

Ausbildung verhindert Einbildung, so lautet ein Aphorismus aus dem Jahr 1898. Leider hat eine gute Ausbildung auch immer die Einbildung gefördert, als Abiturient oder Hochschulabsolvent auf dem Arbeitsmarkt eine gute Startposition zu haben. Nun, im Krisenjahr 2009, scheint es für Hochqualifizierte nicht mehr so einfach zu sein, einen Job zu finden. Nach einer Untersuchung des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) schnellte die Zahl der arbeitslosen Abiturienten innerhalb eines Jahres um fast 25 Prozent in die Höhe (siehe Grafik). "Auch eine gute schulische Ausbildung schützt längst nicht mehr vor Arbeitslosigkeit", sagt Wilhelm Adamy, Leiter der Abteilung Arbeitsmarktpolitik beim DGB-Bundesvorstand.

Die Wirtschaftskrise trifft weltweit vor allem junge Erwachsene. Wie hierzulande sind auch in Großbritannien zwar weniger Akademiker arbeitslos als Facharbeiter oder Ungelernte - aber auch dort steigt die Zahl der Hochqualifizierten ohne Job. Noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg waren mehr britische Uni-Absolventen ohne Beschäftigung. Dabei haben die meisten von ihnen alles richtig gemacht: schnelles Studium, zahlreiche Praktika, mindestens einen Auslandsaufenthalt - trotzdem haben viele keine Aussicht auf eine Anstellung.

Auch in den Vereinigten Staaten trifft die Krise junge Menschen härter als andere. Nur knapp 20 Prozent aller Absolventen, die sich dieses Jahr um einen Arbeitsplatz beworben haben, hatten Erfolg. Vor zwei Jahren waren es 52 Prozent. Das ergab eine Studie der National Association of Colleges and Employers. "Sie machen ihren Abschluss in einer Welt voller Angst und Unsicherheit", sagte der amerikanische Vizepräsident Joe Biden jüngst zu Absolventen der Syracuse University im Bundesstaat New York.

In Deutschland sieht es kaum besser aus. Seit November 2008 ist die Zahl der Arbeitslosen bei den unter 25-Jährigen um 26 Prozent gestiegen. Fast 290.000 Hochschulabsolventen drängten 2008 auf den Arbeitsmarkt. In diesem Jahr werden allein 35.000 Ökonomen auf Jobsuche gehen. Zu viele für das derzeitige Stellenangebot. "Die Hochschulabsolventen haben es sehr schwer unterzukommen. Im Augenblick ist Durststrecke angesagt", sagt Claudia Eckstaller, Professorin für Betriebswirtschaft an der Hochschule München. Bis vor kurzem hätten Absolventen noch gute Chancen bei Zeitarbeitsfirmen gehabt, so die Expertin für Personalwesen, aber auch dort seien die Stellenangebote massiv geschrumpft. "Und wenn entlassen wird, dann trifft es vor allem die Jungen, die sind am leichtesten zu kündigen", erklärt Eckstaller.

Arbeit ist nicht alles, aber ohne Arbeit ist alles nichts

Wer wegen der Krise seinen Job verliert oder erst gar keinen findet, erlebt, was es heißt, nicht gebraucht zu werden. "Arbeit ist nicht alles, aber ohne Arbeit ist alles irgendwie nichts", sagt der Dortmunder Soziologe Ronald Hitzler. Wer einen Job hat, ist aktiv. Arbeit stattet Menschen mit sozialem Status aus und verschafft soziale Kontakte.

"Mittlerweile ist die Arbeit als Identitätsstifter immer wichtiger geworden. Wichtiger sogar als die regionale oder familiäre Herkunft", sagt Jeanne Rademacher, Psychologin von der Universität Magdeburg. Deshalb gehe der Verlust von Arbeit auch oft mit einer Identitätskrise einher, münde manchmal in Depressionen oder Ängstlichkeit. Wer nicht mehr arbeitet, verliert sich selbst. Nur wenige können den Verlust des Jobs gut verkraften. "Es gibt Menschen, die mit neuartigen oder unlösbaren Situationen umgehen können, die blühen auf", sagt Psychologin Rademacher, "solche Menschen sind gesegnet."

Es gibt immer Jobs

Wie es aussieht, ist das Erwerbsleben heute geprägt durch Jobwechsel, Jobverluste, Weiterbildungen, Umschulungen. Und so müssen sich viele die Frage nach Identität und Sinn immer wieder stellen: Wer bin ich, was will ich?

Der Sorge, dass es trotz allem Bemühen leider nicht mit dem Job klappt, widersprechen Daten aus vergangenen Krisenzeiten. Selbst im Jahr 2005, als die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland erstmals über die Fünf-Millionen-Marke stieg, wurden Daten des Instituts der deutschen Wirtschaft zufolge mehr als 6,3 Millionen Arbeitsverträge unterschrieben. Auch in ökonomisch schwierigen Zeiten gibt es Jobs.

Die Unternehmen müssen früher sagen, wen sie benötigen

Und so rechnet die Beratungsagentur Prognos mit einem Fachkräftemangel - spätestens in 20 Jahren. Allein in Bayern könnten dann 1,5 Millionen Arbeitskräfte fehlen - ein Viertel des bundesweiten Bedarfs. Am größten werde der Mangel bei Ärzten, Mathematikern und Naturwissenschaftlern ausfallen. Insgesamt haben aber, so das Ergebnis der Studie, Akademiker weit bessere Aussichten als Nicht-Akademiker. Die Gefahr eines Fachkräftemangels kann Claudia Eckstaller von der Hochschule München nicht ganz nachvollziehen. Die Unternehmen müssten eben früher sagen, wen sie benötigen: "Wer nicht rechtzeitig sagt, wen er braucht, der kann auch nicht damit rechnen, dass er ihn kriegt."

So schwer die Krise auch auf den Arbeitsmarkt durchschlagen wird, Hochqualifizierte sind nach wie vor in einer komfortablen Situation. Sie haben immer noch weit bessere Chancen auf eine Anstellung als Geringqualifizierte. Das beweisen Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Das Fazit einer im September vorgestellten OECD-Studie ist eindeutig: Ein Hochschulabschluss lohnt sich immer - und verringert das Risiko, arbeitslos zu werden.

© SZ vom 13.10.2009/holz
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