Arbeit und Leben:Arbeitszeit von Frauen aufstocken, die der Männer reduzieren

Noch ist das Leben starr aufgeteilt in die Phasen Ausbildung, Arbeit und Ruhestand, doch das Modell stößt an seine Grenzen - ebenso wie die klassische Aufteilung von Erwerbsarbeit und Hausarbeit zwischen Männern und Frauen. Dabei könnte die Berufs- und Familienphase der 30- bis 45-Jährigen entzerrt werden. Man müsste nur die Erwerbsarbeit gleichmäßiger über das Leben verteilen. In der Familienphase wäre die Arbeitszeit geringer, später, wenn die Kinder selbständig sind, wäre sie höher.

Wenn wir dazu die Arbeitszeit von Frauen aufstocken und die der Männer entsprechend reduzieren, würde das Arbeitsvolumen insgesamt nicht sinken. Frauen und Männern bekämen lediglich eine andere Menge davon ab.

Mit einer Normalarbeitszeit von 32 Stunden in der Woche hätten beispielsweise alle, also nicht nur Mütter und Väter, die Möglichkeit, vier Tage in der Woche zu arbeiten. Diese neue Normalarbeitszeit verstehe ich über ein ganzes Arbeitsleben hinweg. Damit wären in bestimmten Lebensphasen längere Arbeitszeiten möglich, etwa direkt nach der Ausbildung oder dem Studium, oder wenn die Kinder aus dem Haus und die eigenen Eltern noch unabhängig sind. Wenn die Familie mehr Zeit erfordert oder man Zeit für sich braucht, werden längere Arbeitszeiten dann mit Abschnitten in kurzer Teilzeit oder mit Unterbrechungen verrechnet.

Es bracht eindeutige Signale der Familienpolitik

Alle Befragungen zeigen: Frauen wollen ihre Arbeitszeit auf eine niedrige Vollzeit erhöhen. Männer wollen ihre Arbeitszeit reduzieren. Sie suchen zunehmend nach Jobs, die ihnen mehr eigene Zeit für die Familie und Freunde lassen als ihren Vätern. Noch schrecken sie davor zurück, ihre Vorstellungen auch umzusetzen. Denn wer im Beruf nicht dauerpräsent ist, gilt als wenig ambitioniert und damit ungeeignet für Chefposten. Wer wüsste das besser als die Frauen?

Wir alle würden von dieser neuen Normalarbeitszeit profitieren, aber auch die Wirtschaft insgesamt. Die Produktivität würde steigen, da die Unternehmen wesentlich stärker auf gut ausgebildete Frauen zurückgreifen könnten. Die Männer wären länger in Jobs zu halten, da sich die Belastungen durch den kontinuierlich hohen Arbeitsstress deutlich verringern ließen. Hierfür braucht es neue Arbeitsformen im Team und in gemeinsamer Führung, viel Kommunikation und Transparenz. Und es braucht eine Familienpolitik, die eindeutige Signale sendet und die Frauen und Männer in ihrem Streben nach einem partnerschaftlichen Lebensmodell unterstützt.

Halten wir den Trend "Vollzeit für alle" nicht auf, erleben wir die hektischen Vorweihnachtswochen über das gesamte Jahr. Will man aber eigene Plätzchen backen, Zeit mit der Familie verbringen, über die Weihnachtsmärkte schlendern, mal gucken und auch mal entspannt etwas füreinander besorgen, dann brauchen wir eine neue Arbeitszeitkultur. Auch um das "Später" für die Zeitungsschnipsel zu haben.

Jutta Allmendinger ist Präsidentin des Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)

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