Medizingeschichte:Ein halbes Leben in Quarantäne

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1907 ermittelte ein Hygieniker die Ursache mehrerer Typhus-Ausbrüche - und besiegelte gleichzeitig ein Frauenschicksal - das der "Typhus-Mary".

(Foto: gemeinfrei)

New York, um 1900: Eine Köchin steckt mehrere Familien mit Typhus an - und muss deshalb 26 Jahre in Isolation verbringen. Offen bleibt bis heute die Frage: Wie viel soziale Verantwortung kann man von Infizierten erwarten?

Von Berit Uhlmann

An einem Nachmittag im März 1907 verließ Mary Mallon ihre Arbeit in einem Wagen. Auf ihr saß eine Ärztin des Gesundheitsamtes - entschlossen, jeden Widerstand niederzuringen. Abgekämpft erreichten die beiden Frauen das Willard Parker Hospital, New Yorks Klinik für Infektionskrankheiten. Die Fahrt markierte das Ende einer epidemiologischen Untersuchung, deren Verlauf rational, deren Ziel aber wenig durchdacht war.

Begonnen hatte alles in den langen Augusttagen des Vorjahres, als in einem Ferienhaus auf Long Island die Sommergäste erkrankten. Eine Tochter, zwei Dienstmädchen, dann die Mutter, eine weitere Tochter und der Gärtner: insgesamt sechs Angehörige des elfköpfigen Haushaltes streckte ein großes Elend nieder, mit hohem Fieber, Kopfschmerzen, Ausschlag und Magenbeschwerden. Die Diagnose lautete Typhus.

Typhus war wegen seiner Zähigkeit gefürchtet. Wer sich die Krankheit zuzog, lag wochenlang danieder, etwa jeder Zehnte starb. Es gab Häuser und ganze Dörfer, in denen der Typhus wie ein Geist in den Gemäuern festhing. Hartnäckig, unerklärlich suchte er immer wieder Menschen heim. Und so waren von der Diagnose auch die Besitzer des Ferienhauses auf Long Island aufgeschreckt. Sie engagierten den New Yorker Hygieniker George Soper, auf dass er ihre Immobilie untersuche.

Soper ging die Liste der Verdächtigen durch: Alle Wasserquellen waren negativ auf Typhusbakterien getestet worden. Auf den Speiseplänen standen nur Lebensmittel, die auch anderswo im Ort gegessen wurden, ohne dass irgendjemand erkrankt war. Die Objekte auf dem Anwesen boten keine Spur, resümierte Soper, also blieben die Menschen. Indem er fragte und bohrte, erfuhr er, dass drei Wochen vor Beginn der Erkrankungswelle eine neue Köchin eingestellt worden war. Es war Mary Mallon. Dass die Angestellte selbst gesund war, verwirrte Soper nicht sonderlich. Er hatte von der Möglichkeit gehört, dass Menschen über Monate oder gar Jahre Typhus-Keime ausscheiden können, manchmal ohne zu wissen, dass sie sich infiziert hatten. Stille Träger oder Dauerausscheider nennt man sie heute.

Typhus

Das Bakterium Salmonella Typhi wurde bereits 1880 entdeckt. Es wird durch kontaminiertes Wasser oder Lebensmittel übertragen. Infektionen können sehr schwer, aber auch mild verlaufen und dennoch stille Träger hervorbringen. Heute wird die Krankheit mit Antibiotika behandelt, durch die Medikamente können selbst Dauerausscheider die Erreger loswerden. Bis dahin dürfen Träger des Bakteriums auch heute nicht in Lebensmittelbetrieben arbeiten. Mittlerweile gibt es eine Impfung. Dennoch erkranken jährlich noch immer bis zu 20 Millionen Menschen an Typhus; etwa 150 000 sterben. Und es könnte schlimmer werden. Die Bakterien werden zunehmend resistent. In Pakistan breiten sich Erreger aus, gegen die fast kein Antibiotikum mehr hilft. BEU

Soper begann, was man im Englischen shoe-leather epidemiology nennt, eine detektivische Fußarbeit auf den Spuren der Köchin. Am Ende hatte er acht Familien ausfindig gemacht, bei denen sie während der zurückliegenden zehn Jahre gearbeitet hatte. In sieben von ihnen hatte der Typhus gewütet, hatte insgesamt 26 Menschen erkranken lassen und ein Kind getötet. Soper war sich ziemlich sicher, dass er die erste Dauerausscheiderin Amerikas entdeckt hatte, dass ihm eine Veröffentlichung in einer Fachzeitschrift gewiss war, vielleicht sogar ein Buch. Er brauchte nur noch einen letzten Beweis - und so betrat er die Küche der Mary Mallon. Es war der Moment, als die Geschichte der Köchin eine hässliche Wendung nahm.

Der Hygieniker beschrieb sich selbst als "epidemic fighter". Aus seinen Texten spricht selbstbewusstes, wenn nicht gar selbstgefälliges Wissen und ein großes Vertrauen in die neuen Erkenntnisse der Infektionsmedizin. Ihre Anhänger hatten die wirren Theorien von den krankmachenden Dünsten abgeschüttelt und Keime als Krankheitserreger identifiziert. Das Labor war Zentrum und Richtschnur ihrer Arbeit, die sie gerne mit Kriegsmetaphern beschrieben. Für Soper war Mary Mallon eine "lebende Petrischale", eine "Bedrohung der Gemeinschaft", ein Mensch, bei dem man "Gewalt braucht, und zwar viel davon". Mag sein, dass er seine Worte anders gewählt hätte, wären seine Begegnungen mit der Köchin nicht so finster verlaufen.

Soper betrat also Mallons Arbeitsplatz in einem Brownstone in der New Yorker Park Avenue und teilte der Köchin ohne lange Rede seinen Verdacht mit. Dass es ihr an Toilettenhygiene mangele, sie Krankheit und Tod über ihre Arbeitgeber bringe und er nun Proben wolle: Stuhl, Urin, Blut. Die Köchin, die sich an keine ernste Erkrankung in ihrem knapp 40 Jahre währenden Leben erinnern konnte, reagierte eindeutig: Sie zückte die Tranchiergabel. Als ein zweiter Besuch nicht glücklicher endete, wandte sich der Hygieniker an das Gesundheitsamt der Stadt New York. So rückte schließlich eine Ärztin in Polizeibegleitung aus und fuhr die Köchin ins Krankenhaus. Dort lieferten die Proben den Beweis, Mallon schied große Mengen Typhus-Bazillen aus. Der Ausbruch war aufgeklärt. Klar aber war wenig.

Mary Mallon wurde freigelassen - und alles begann von Neuem

Medizingeschichte: Mary Mallon in einer Zeitungs-Illustration von 1909.

Mary Mallon in einer Zeitungs-Illustration von 1909.

(Foto: gemeinfrei)

Was sollte man mit der Frau tun? Was mit all den anderen? Denn obwohl die Köchin als "Typhus Mary" berühmt wurde, war sie kein Einzelfall. Die Behörden schätzten korrekt, dass etwa drei Prozent aller Typhus-Erkrankten zu stillen Trägern werden, allein in New York kamen damals jährlich 100 neue Keimträger hinzu; insgesamt dürften mehr als 2000 in der Stadt gelebt haben. Es gab keinerlei Regeln für all diese Schicksale.

Das Gesundheitsamt entschied, dass Mary in Isolation müsse. Drei Jahre verbrachte sie in einer Quarantäneklinik auf einer kleinen Insel im East River mit Blick auf Industrieanlagen und die Bronx. Ihr Heim ein Bungalow mit abblätternder Farbe, ihre Gesellschaft ein Fox Terrier. Man probierte einige Behandlungen aus; doch die Proben blieben positiv. Als ein neuer Chef die Gesundheitsbehörde übernahm, ließ er die Köchin schließlich unter der Auflage frei, nie mehr mit Lebensmitteln zu arbeiten.

Fünf Jahre später ereignete sich in einem anderen New Yorker Krankenhaus ein Typhus-Ausbruch, 25 Menschen erkrankten. Am Herd stand wieder Mary Mallon. Damit war die Geduld der Behörden endgültig erschöpft. Mallon wurde erneut in die Hütte gezwungen.

Mary Mallon, Typhus Mary

Mary Mallon fühlte sich nach eigenen Angaben kerngesund. Dennoch wurde sie in ein New Yorker Quarantäne-Krankenhaus gebracht. Insgesamt 26 Jahre ihres Lebens verbrachte sie dort.

(Foto: mauritius images/Science Source)

Und doch bleiben Fragen. Denn die Frau war auch mit ihrer Renitenz kein Einzelfall. Die Medizinhistorikerin Judith Walzer Leavitt beschreibt in ihrem Buch "Typhus-Mary" zwei ähnliche Fälle, beides Männer, die sich nicht an ihre Auflagen hielten und doch mit Verwarnungen davonkamen. Wahrscheinlich, vermutet die Forscherin, weil sie die Brotverdiener ihrer Familien waren. Mary Mallon dagegen war alleinstehend. Soper hatte die Öffentlichkeit wissen lassen, dass sie zur Zeit ihrer ersten Festnahme nicht einmal eine Wohnung hatte. Nachts habe sie Asyl bei einem "unehrenhaften Mann" gefunden, dessen Tagwerk der Gang zum Saloon an der Ecke war. Mallon war außerdem eine Fremde, eine Einwanderin aus Irland, ihr Gebaren, nach allem, was man über sie lesen kann, weit entfernt von weiblichem Liebreiz. Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Befunde, dass Erwartungen und Vorurteile in die Entscheidungen einflossen, denen juristische und ethische Kriterien fehlten.

Und es mangelte auch an dem Verständnis, das sehr viel später australische Forscher formulierten: "Soziale Verantwortung und ökonomische Unsicherheit vertragen sich schlecht." Das gilt auch in neueren Zeiten, wie ein Fall zeigt, der sich Ende der 1980er-Jahre im US-Bundesstaat Maryland zutrug. In einem Fast-Food-Restaurant wurde eine stille Trägerin als Ursache eines Typhus-Ausbruchs identifiziert. Man bat sie, der Arbeit fern zu bleiben, sich einer Antibiotika-Behandlung zu unterziehen und sich dann erneut untersuchen zu lassen. Die junge Frau aber warf die Tabletten weg, sie nützten nichts, die Fahrten zum Infektionsspezialisten seien zu lang und überhaupt: Wozu sollte das Ganze dienen? "Die Bastards" von der Fast-Food-Schenke hätten sie bereits gefeuert. Sie heuerte einfach in einem anderen Restaurant an.

Etwa 50 Jahre zuvor, am Weihnachtsmorgen 1932, fand ein Lieferbote Mary Mallon bewegungslos auf dem Fußboden ihrer Quarantäne-Hütte. Ein Schlaganfall hatte sie gelähmt. Als Pflegefall lebte sie noch sechs weitere Jahre in der Einrichtung. Insgesamt verbrachte sie 26 Jahre ihres Lebens in weitgehender Isolation, ein Schicksal, das keinem anderen Typhus-Träger ihrer Stadt zuteil wurde.

Ihr Begräbnis beschrieb Soper als "eine Veranstaltung mit ebenso ironischen und pathetischen Elementen". Nicht mehr als neun Menschen saßen versprengt in einem großen Kirchensaal. In den Zeitungen gab es einen Aufruf nach möglichen Erben, denn die Köchin hatte eine kleine Summe hinterlassen. Es kam nie jemand, sie abzuholen.

In dieser Serie beschreibt die Redaktion Wissen der SZ außergewöhnliche Krankheitsausbrüche. Alle Folgen unter: www.sz.de/ausbruch

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