Terroropfer Eine Rettungssanitäterin wird zum Gehen gedrängt. Niemand fragt, wie es ihr geht

Der Breitscheidplatz nach dem Attentat. Ein letzter Blick über regennasse Steine: "Der Platz sieht so klein aus, damals war er die Welt."

(Foto: Regina Schmeken)

Wie schnell ein Trauma-Opfer seine Sicherheit wiedergewinnt, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Von der seelischen Stabilität, dem Ausmaß und der Art der Katastrophe, aber auch von dem, was im Anschluss passiert. Wer sozialen Beistand erfährt, Erlebnisse teilen kann und die Umwelt als wohlwollend erlebt, hat eine günstigere Prognose, den Alltag nach spätestens vier Wochen wieder sicher zu bewältigen. Doch nicht jeder schafft das. Bis zu ein Drittel aller Trauma-Opfer entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung. Ihre Unruhe bleibt bestehen, in Flashbacks und Alpträumen drängen sich Erinnerungen auf. Die Erkrankten versuchen, alles zu meiden, was die Gedanken an das Erlebte weckt. Manche schotten sie sich dabei vom Leben ab.

Huo erlebt viel Anteilnahme von Freunden, Bekannten und Angehörigen. Es ist ihr gar nicht so wichtig, was diese Menschen zu ihr sagen, sondern dass sie den Kontakt zu ihr halten. Langsam kehren Appetit und Schlaf zurück. Sie geht wieder arbeiten. Doch noch immer schieben sich Erinnerungen vom Weihnachtsmarkt in ihren Alltag, die sie auch mit den engsten Freunden nicht teilen kann. Noch einmal organisiert sie selbst sich ein Gespräch mit einer Seelsorgerin. Auch dieses Treffen ist tröstlich, doch ihr Wunsch nach Kontakt zu anderen Helfern verhallt. Dabei, so sagt sie es später, "hatte ich ein großes Bedürfnis, irgendwo eingebunden zu sein". Sie weiß nicht, dass Diana Wieprich und weitere Helfer vom Weihnachtsmarkt längst begonnen haben, nach ihr zu suchen.

Vielleicht hat Deutschland bislang einfach so viel Glück gehabt, dass fehlender Zugang zur Krisenintervention nicht als drängendes Problem wahrgenommen wurde. Viele unterschiedliche Institutionen kümmern sich um die psychosoziale Notfallversorgung, ohne übergreifende Struktur und Koordination. So bekommen zwar die hauptamtlich arbeitenden Einsatzkräfte mittlerweile eine gute psychologische Unterstützung von ihren Arbeitgebern. Für alle anderen aber ist es bisweilen nur Zufall, ob sie die nötige Hilfe für ihre Seele erhalten.

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Huo schafft es schließlich allein. Vier Wochen nach dem Anschlag sind die körperlichen Symptome verschwunden. Sie ist so weit, noch einmal die Orte jenes Abends zu besuchen. Der Warteraum der Notaufnahme leuchtet hell durch den trüben Nachmittag. "Das Personal dort war wohl auch überfordert", sagt sie nun. Sie läuft über die blitzblank aufgeräumte Fläche vor der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz und legt weiße Rosen nieder. Ein letzter Blick über die regennassen Steine: "Der Platz sieht so klein aus, damals war er die Welt." Dann wendet sie sich zum Gehen. Es scheint, als sei die Geschichte hier zu Ende.

Einen Tag später erfährt Huo, dass sie nicht die einzige Übersehene in diesem Einsatz war. An jenem Tag gelingt es der Rettungssanitäterin Diana Wieprich endlich, Shufan Huo aufzuspüren. Die 24-Jährige erzählt, wie sie - kaum waren die Verletzten vom Weihnachtsmarkt versorgt - zum Gehen gedrängt wurde. Der Breitscheidplatz war nun ein Tatort. Niemand fragte sie nach Verletzungen oder Stresssymptomen, niemand interessierte sich auch nur für ihren Namen.

Wieprich ging und funktionierte. Doch mehr und mehr quälte sie ein Gefühl der Isolation. "Die Welt dreht sich weiter, und es wird erwartet, dass du dich mit drehst." Nur wenige Menschen verstanden, dass sie auch Wochen später oft erschöpft und traurig war. In der ganzen Zeit wurde ihr, der ehrenamtlichen und nicht offiziell zum Einsatz gerufenen Helferin, keinerlei Hilfe angeboten.

Für die beiden Frauen ist diese Erfahrung bitter - und höchst beunruhigend. Sie wissen mittlerweile, dass neben ihnen noch eine Altenpflegerin und zwei, vielleicht auch drei Ärzte freiwillig und ohne irgendeine Anbindung auf dem Breitscheidplatz geholfen haben. "Vielleicht sitzen sie nun irgendwo ganz allein mit ihren quälenden Erinnerungen."

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