Süddeutsche Zeitung

Terroropfer:Die Not nach dem Trauma

Durch Zufall gerät eine junge Ärztin in die Katastrophe auf dem Berliner Breitscheidplatz. Sie hilft sofort, wird selbst aber mit quälenden Gefühlen allein gelassen. Sie ist nicht die Einzige.

Als in der Notaufnahme der Berliner Charité der Katastrophenfall ausgerufen wird, hat Shufan Huo die schwerste Stunde ihres Lebens bereits hinter sich. In verschmutzter Kleidung, das Blut gerade erst von den Händen gewaschen, wartet sie darauf, dass ihre Freunde sie abholen. Dann wird sie das erste Mal erzählen, was von nun an für lange Zeit ihr Thema sein wird: dass sie dem Tod unerwartet nahe kam.

Die zierliche Frau mit dem offenen und wachen Blick hatte nur ein wenig Feststimmung atmen wollen, als sie am Ende eines langen Arbeitstages spontan über den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz schlendert. Niemand weiß, dass sie in der Nähe der Gedächtniskirche steht, als der Attentäter im Sattelschlepper so dicht an ihr vorbeirast, dass ein Luftzug sie hart im Gesicht trifft.

Einen Moment lang hat Huo den Impuls, zu flüchten, raus aus dieser Szenerie, die sie in den ersten Sekunden als irreal wahrnimmt und die sich kurz darauf in ihrer Monstrosität offenbart. Holztrümmer, Tannenbäume, Glassplitter, dazwischen Menschen. Viele laufen von Angst getrieben weg, manche liegen regungslos am Boden. Da wird der jungen Frau klar, dass der Moment für jenen Satz gekommen ist, der ihr noch immer nicht ganz routiniert über die Lippen geht: "Ich bin Ärztin." Erst im Sommer hatte die in Deutschland geborene und aufgewachsene Frau ihr Medizinstudium abgeschlossen und seither in der Forschung gearbeitet. Sie ist 26 Jahre alt.

Neben ihr bringt ein Mann eine verwundete Frau in die stabile Seitenlage. Huo kniet sich zu den nächstliegenden Verletzten, prüft Atmung und Herzschlag, tröstet, versucht, mit ihren bloßen Händen Winterkleidung zu zerreißen, um Wunden anschauen zu können. Später erst kommen die Sanitäter und reichen ihr medizinische Ausrüstung und Handschuhe. Nur sind diese Handschuhe viel zu groß, Huo streift sie wieder ab.

Die junge Frau hat schmale Hände, die sich in die Ärmel ihres Strickpullis zurückziehen, als sie später ihre bedrückendsten Erinnerungen schildert. Sie berichtet vom verzweifelten Schreien der Angehörigen. Von Menschen, die im Jargon der Rettungskräfte als schwarz kategorisiert sind. Schwarz heißt tot. Und doch beugt sich Huo auf dem Platz vor der Gedächtniskirche ganz nahe zu ihnen. Alle Sinne angespannt, hofft sie, dass es vielleicht doch noch ein Fünkchen Grau gibt. Aber da ist nichts.

Man bittet sie, einer verletzten Frau zwei Zugänge zu legen, über die Flüssigkeit und Medikamente in die Blutbahn gelangen können. Die erste Nadel sitzt auf Anhieb, bei der zweiten trifft sie die Vene nicht. Sie arbeitet unter Zeitdruck, die Patientin muss schnell in die Klinik. Huo bietet an, sie zu begleiten. Im Rettungswagen verlässt sie den Ort des Attentats.

Zu diesem Zeitpunkt arbeitet die Rettungssanitäterin Diana Wieprich noch immer auf dem Breitscheidplatz. Auch sie war nur durch Zufall in diese Katastrophe geraten. In Zivilkleidung, mit Handtasche und Stiefeletten nimmt sie sich jener Aufgabe an, die den ersten Rettungskräften in solchen Situationen zukommt: die Opfer sichten und die Dringlichkeit ihrer Behandlung beurteilen. Das bedeutet, alle, auch die schwersten, die nahezu unerträglichen Verwundungen genau untersuchen zu müssen und immer wieder auch Menschen zu sehen, für die jede Hilfe zu spät kommt. Man weiß, dass die seelischen Belastungen für die allerersten Helfer an einer Unglücksstelle am größten sind.

Die Regel "Du sollst nicht töten" gilt plötzlich nicht mehr als selbstverständlich

An diese Art Not denkt niemand, als Huo die verletzte Frau in den Schockraum der Charité-Notaufnahme bringt. Die junge Helferin wird nun nicht mehr gebraucht. Ohne viele Worte bittet man sie vor die Tür. Freunde holen sie schließlich ab und bringen sie nach Hause.

Am nächsten Morgen ist die Welt der jungen Ärztin eine andere. Nun setzen mit aller Macht die Gedanken an die Menschen ein, denen sie geholfen hat. War sie überhaupt hilfreich? Sie fährt erneut in die Notaufnahme, sie möchte herausfinden, wie es der Frau aus dem Rettungswagen geht. Die Patientin hat die Nacht nicht überlebt. Huo erfährt keine Einzelheiten. Sie kann nur grübeln, sie fragt sich immer wieder, ob sie dieses Schicksal nicht hätte abwenden können. Hätte eine zweite Nadel die Frau vielleicht gerettet? In ihrem Kopf läuft jede Entscheidung, jeder Handgriff von Neuem ab - ohne Ergebnis, ohne Trost und Sinn. Denn ein Trauma folgt keiner Logik.

Als Trauma bezeichnen Psychologen die tiefen Risse in jenen Grundannahmen, ohne die das Leben auf Dauer kaum zu ertragen ist. Plötzlich ist es nicht mehr selbstverständlich, dass der Körper am Abend noch so unversehrt ist wie am Morgen. Dass Menschen nach verlässlichen Regeln handeln, deren oberste lautet: Niemand wird dich töten. Wenn diese Sicherheiten schwinden, kann die Psyche sehr heftig reagieren. Die Umgebung erscheint unwirklich, der Alltag weit weg. Trauer, Schuldgefühle, Unruhe und Angst treten auf.

Shufan Huo sorgt sich nun auch wegen Infektionen. Sie denkt an das Blut, das auf ihre Hände und selbst auf ihr Gesicht gelangt ist. Die Tränen fließen bereits, als sie in der Notaufnahme nach der Ansteckungsgefahr fragt. Die Antwort ist wenig mehr als ein Achselzucken. Sie läuft weinend hinaus in das schockgefrorene Berlin. Ihr Freund rät ihr, sich um psychologischen Beistand zu kümmern. "Von allein wäre ich nicht darauf gekommen", sagt sie später.

Huos Hausarzt kann sie wegen des Infektionsrisikos beruhigen. Doch zu ihren Fragen nach einer psychologischen Notfallversorgung muss er passen. Sie meldet sich bei der Polizei, vielleicht kann ihre Zeugenaussage nützlich sein. Sie fragt auch bei diesem Telefonat nach psychologischer Hilfe und wundert sich selbst ein bisschen, dass schon zwei Stunden später ein Seelsorger auf ihrer Couch sitzt. Sie sprechen über ihre Gefühle von Schuld und Verantwortung, und das ständige Kreisen der Gedanken lässt ein Stück weit nach.

Dass sie noch am Leben ist, fühlt sich an wie eine zweite Chance. Da ist eine große Dankbarkeit. Es ist aber auch eine große Bürde

Weihnachten fährt die junge Frau zu ihrer Familie. Sie denkt an die Verkettung von Zufällen, die dazu geführt haben, dass sie genau in jener Sekunde an jenem Ort war, nur einen Lufthauch vom Tod entfernt. Dass sie noch immer am Leben ist, fühlt sich an wie eine zweite Chance. Da ist eine große Dankbarkeit, eine irre Empfänglichkeit für diese Weihnachtswunderstimmung. Da ist der Vorsatz, dieses fast schon verlorene Leben zu nutzen und genießen. Aber da ist auch eine große Sensibilität für jede Kleinigkeit, die diese perfekte Feierlichkeit zerstören könnte. Es ist eben auch eine Bürde, wenn das Leben wie ein Weihnachtsgeschenk erscheint, das mit der Mahnung überreicht wird, sich seiner doch bitteschön würdig zu erweisen.

Ihr Körper rebelliert. Sie hat keinen Appetit mitten in der Üppigkeit der Festessen. Sie schläft schlecht. Ihre Stimmung schwankt. Es kommt zu Streit. Ihre Familie reagiert mit Verständnis. Und doch gibt es den Moment, da sie spürt, dass sie sich jetzt in das Leid fallen lassen könnte.

Eine Rettungssanitäterin wird zum Gehen gedrängt. Niemand fragt, wie es ihr geht

Wie schnell ein Trauma-Opfer seine Sicherheit wiedergewinnt, hängt von sehr vielen Faktoren ab. Von der seelischen Stabilität, dem Ausmaß und der Art der Katastrophe, aber auch von dem, was im Anschluss passiert. Wer sozialen Beistand erfährt, Erlebnisse teilen kann und die Umwelt als wohlwollend erlebt, hat eine günstigere Prognose, den Alltag nach spätestens vier Wochen wieder sicher zu bewältigen. Doch nicht jeder schafft das. Bis zu ein Drittel aller Trauma-Opfer entwickeln eine posttraumatische Belastungsstörung. Ihre Unruhe bleibt bestehen, in Flashbacks und Alpträumen drängen sich Erinnerungen auf. Die Erkrankten versuchen, alles zu meiden, was die Gedanken an das Erlebte weckt. Manche schotten sie sich dabei vom Leben ab.

Huo erlebt viel Anteilnahme von Freunden, Bekannten und Angehörigen. Es ist ihr gar nicht so wichtig, was diese Menschen zu ihr sagen, sondern dass sie den Kontakt zu ihr halten. Langsam kehren Appetit und Schlaf zurück. Sie geht wieder arbeiten. Doch noch immer schieben sich Erinnerungen vom Weihnachtsmarkt in ihren Alltag, die sie auch mit den engsten Freunden nicht teilen kann. Noch einmal organisiert sie selbst sich ein Gespräch mit einer Seelsorgerin. Auch dieses Treffen ist tröstlich, doch ihr Wunsch nach Kontakt zu anderen Helfern verhallt. Dabei, so sagt sie es später, "hatte ich ein großes Bedürfnis, irgendwo eingebunden zu sein". Sie weiß nicht, dass Diana Wieprich und weitere Helfer vom Weihnachtsmarkt längst begonnen haben, nach ihr zu suchen.

Vielleicht hat Deutschland bislang einfach so viel Glück gehabt, dass fehlender Zugang zur Krisenintervention nicht als drängendes Problem wahrgenommen wurde. Viele unterschiedliche Institutionen kümmern sich um die psychosoziale Notfallversorgung, ohne übergreifende Struktur und Koordination. So bekommen zwar die hauptamtlich arbeitenden Einsatzkräfte mittlerweile eine gute psychologische Unterstützung von ihren Arbeitgebern. Für alle anderen aber ist es bisweilen nur Zufall, ob sie die nötige Hilfe für ihre Seele erhalten.

Huo schafft es schließlich allein. Vier Wochen nach dem Anschlag sind die körperlichen Symptome verschwunden. Sie ist so weit, noch einmal die Orte jenes Abends zu besuchen. Der Warteraum der Notaufnahme leuchtet hell durch den trüben Nachmittag. "Das Personal dort war wohl auch überfordert", sagt sie nun. Sie läuft über die blitzblank aufgeräumte Fläche vor der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz und legt weiße Rosen nieder. Ein letzter Blick über die regennassen Steine: "Der Platz sieht so klein aus, damals war er die Welt." Dann wendet sie sich zum Gehen. Es scheint, als sei die Geschichte hier zu Ende.

Einen Tag später erfährt Huo, dass sie nicht die einzige Übersehene in diesem Einsatz war. An jenem Tag gelingt es der Rettungssanitäterin Diana Wieprich endlich, Shufan Huo aufzuspüren. Die 24-Jährige erzählt, wie sie - kaum waren die Verletzten vom Weihnachtsmarkt versorgt - zum Gehen gedrängt wurde. Der Breitscheidplatz war nun ein Tatort. Niemand fragte sie nach Verletzungen oder Stresssymptomen, niemand interessierte sich auch nur für ihren Namen.

Wieprich ging und funktionierte. Doch mehr und mehr quälte sie ein Gefühl der Isolation. "Die Welt dreht sich weiter, und es wird erwartet, dass du dich mit drehst." Nur wenige Menschen verstanden, dass sie auch Wochen später oft erschöpft und traurig war. In der ganzen Zeit wurde ihr, der ehrenamtlichen und nicht offiziell zum Einsatz gerufenen Helferin, keinerlei Hilfe angeboten.

Für die beiden Frauen ist diese Erfahrung bitter - und höchst beunruhigend. Sie wissen mittlerweile, dass neben ihnen noch eine Altenpflegerin und zwei, vielleicht auch drei Ärzte freiwillig und ohne irgendeine Anbindung auf dem Breitscheidplatz geholfen haben. "Vielleicht sitzen sie nun irgendwo ganz allein mit ihren quälenden Erinnerungen."

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Quelle:
SZ vom 11.02.2017
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