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Terroropfer:Die Regel "Du sollst nicht töten" gilt plötzlich nicht mehr als selbstverständlich

Breitscheidplatz

Blumen und Kerzen auf den Bürgersteigen kündeten vom Mitgefühl und Entsetzen der Bürger der Stadt.

(Foto: Regina Schmeken)

An diese Art Not denkt niemand, als Huo die verletzte Frau in den Schockraum der Charité-Notaufnahme bringt. Die junge Helferin wird nun nicht mehr gebraucht. Ohne viele Worte bittet man sie vor die Tür. Freunde holen sie schließlich ab und bringen sie nach Hause.

Am nächsten Morgen ist die Welt der jungen Ärztin eine andere. Nun setzen mit aller Macht die Gedanken an die Menschen ein, denen sie geholfen hat. War sie überhaupt hilfreich? Sie fährt erneut in die Notaufnahme, sie möchte herausfinden, wie es der Frau aus dem Rettungswagen geht. Die Patientin hat die Nacht nicht überlebt. Huo erfährt keine Einzelheiten. Sie kann nur grübeln, sie fragt sich immer wieder, ob sie dieses Schicksal nicht hätte abwenden können. Hätte eine zweite Nadel die Frau vielleicht gerettet? In ihrem Kopf läuft jede Entscheidung, jeder Handgriff von Neuem ab - ohne Ergebnis, ohne Trost und Sinn. Denn ein Trauma folgt keiner Logik.

Als Trauma bezeichnen Psychologen die tiefen Risse in jenen Grundannahmen, ohne die das Leben auf Dauer kaum zu ertragen ist. Plötzlich ist es nicht mehr selbstverständlich, dass der Körper am Abend noch so unversehrt ist wie am Morgen. Dass Menschen nach verlässlichen Regeln handeln, deren oberste lautet: Niemand wird dich töten. Wenn diese Sicherheiten schwinden, kann die Psyche sehr heftig reagieren. Die Umgebung erscheint unwirklich, der Alltag weit weg. Trauer, Schuldgefühle, Unruhe und Angst treten auf.

Shufan Huo sorgt sich nun auch wegen Infektionen. Sie denkt an das Blut, das auf ihre Hände und selbst auf ihr Gesicht gelangt ist. Die Tränen fließen bereits, als sie in der Notaufnahme nach der Ansteckungsgefahr fragt. Die Antwort ist wenig mehr als ein Achselzucken. Sie läuft weinend hinaus in das schockgefrorene Berlin. Ihr Freund rät ihr, sich um psychologischen Beistand zu kümmern. "Von allein wäre ich nicht darauf gekommen", sagt sie später.

Huos Hausarzt kann sie wegen des Infektionsrisikos beruhigen. Doch zu ihren Fragen nach einer psychologischen Notfallversorgung muss er passen. Sie meldet sich bei der Polizei, vielleicht kann ihre Zeugenaussage nützlich sein. Sie fragt auch bei diesem Telefonat nach psychologischer Hilfe und wundert sich selbst ein bisschen, dass schon zwei Stunden später ein Seelsorger auf ihrer Couch sitzt. Sie sprechen über ihre Gefühle von Schuld und Verantwortung, und das ständige Kreisen der Gedanken lässt ein Stück weit nach.

Psychotherapie Die Heilkraft des Erzählens
Psychotherapie

Die Heilkraft des Erzählens

Albträume, Flashbacks, Suizidgedanken - Opfer von Krieg und Folter leiden noch Jahre später an traumatischen Belastungen. Eine neue Erzähl-Therapie hilft bei der Heilung.   Von Werner Siefer, Konstanz

Dass sie noch am Leben ist, fühlt sich an wie eine zweite Chance. Da ist eine große Dankbarkeit. Es ist aber auch eine große Bürde

Weihnachten fährt die junge Frau zu ihrer Familie. Sie denkt an die Verkettung von Zufällen, die dazu geführt haben, dass sie genau in jener Sekunde an jenem Ort war, nur einen Lufthauch vom Tod entfernt. Dass sie noch immer am Leben ist, fühlt sich an wie eine zweite Chance. Da ist eine große Dankbarkeit, eine irre Empfänglichkeit für diese Weihnachtswunderstimmung. Da ist der Vorsatz, dieses fast schon verlorene Leben zu nutzen und genießen. Aber da ist auch eine große Sensibilität für jede Kleinigkeit, die diese perfekte Feierlichkeit zerstören könnte. Es ist eben auch eine Bürde, wenn das Leben wie ein Weihnachtsgeschenk erscheint, das mit der Mahnung überreicht wird, sich seiner doch bitteschön würdig zu erweisen.

Ihr Körper rebelliert. Sie hat keinen Appetit mitten in der Üppigkeit der Festessen. Sie schläft schlecht. Ihre Stimmung schwankt. Es kommt zu Streit. Ihre Familie reagiert mit Verständnis. Und doch gibt es den Moment, da sie spürt, dass sie sich jetzt in das Leid fallen lassen könnte.