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Seuchen:Hausgemachte Gefahren

Ob Schweinegrippe oder eine andere Erkrankung: Pandemien können jederzeit entstehen, denn unsere Lebensweise bereitet ihnen den Nährboden.

Berit Uhlmann

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H1N1, Seuchengefahr, AFP

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Das Schweinegrippe-Virus war nur einer von Dutzenden neuen Erregern, die in den vergangenen 35 Jahren entdeckt wurden. Ebola, Aids, die Legionärskranheit, Sars oder die Vogelgrippe kamen in die Welt und niemand weiß, welche Leiden noch folgen werden. Experten gehen davon aus, dass es weitere neue oder veränderte alte Krankheiten geben wird. Denn trotz aller wissenschaftlichen Fortschritte schafft der Mensch auf vielen Teilen der Welt ideale Brutstätten für Krankheitserreger, die sich im globalen Dorf schnell verbreiten können. Ein Überblick über die Seuchengefahren.

Foto: AFP

Massentierhaltung Geflügelzucht, China, AFP

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Massentierhaltung

Das Vogelgrippe-Virus H5N1 ist einer der Erreger, den der Mensch in seinem Fleischhunger selbst ausgebrütet hat. Die Grippe nahm ihren Anfang in China, wo Milliarden Hühner oft unter katastrophalen hygienischen Bedingungen zusammenleben. Die Schweinegrippe wiederum entstand möglicherweise in einer großen Zuchtanlage in Mexiko.

Anlagen, die Tausende Tiere und ihre Exkremente auf engstem Raum zusammenpferchen, sind so etwas wie riesige Petrischalen, in denen sich Krankheitserreger rasant vermehren. Hinzu kommt: In den Zuchtanlagen und Schlachtereien halten sich Arbeiter - anders als etwa der Kleinbauer in seinem Stall - den ganzen Tag über auf und setzen sich damit permanent der Gefahr aus, infiziert zu werden.

Foto: Käfighühner in China/AP

BSE Rinderkeulung, Seuchengefahr, dpa

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Dubiose Fütterungsmethoden

BSE gilt als Paradebeispiel: Der Mensch zwang pflanzenfressenden Rindern Fleischnahrung auf, die mit Krankheitserregern infiziert war. Dies war höchstwahrscheinlich die Ursache für den Rinderwahnsinn und dessen menschlicher Variante, einer neuen Form der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Rund 200 Menschen starben, Zehntausende Rinder wurden geschlachtet. Die Erkrankung breitete sich nicht in großem Maßstab aus, doch mit Sicherheit weiß niemand, ob die Gefahr nun ausgestanden ist.

Ein weiteres Problem der Tierzucht ist die Verfütterung von Antibiotika. Während in der EU mittlerweile strenge Regeln gelten, werden in den USA rund 70 Prozent aller Antibiotika an Tiere verabreicht, der Großteil davon vorbeugend. In chinesischen Geflügelbatterien sind sogar schon antivirale Medikamente unter das Hühnerfutter gemischt worden.

Die Folge: Erreger werden zunehmend resistent gegen Medikamente. Sie erhalten einen Selektionsvorteil und breiten sich dadurch schneller aus. Befallen sie Menschen, gibt es unter Umständen keine Mittel gegen sie.

Foto: Rinderkeulung nach BSE-Ausbruch/dpa

Armut in Afrika, Seuchengefahr, dpa

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Armut

Nicht mehr als 23 US-Dollar stehen im Schnitt pro Jahr für die Behandlung eines Menschen in Entwicklungsländern zur Verfügung, sagt Stefan Kaufmann, Direktor des Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie. Dies reicht bei weitem nicht, um die grassierenden Krankheiten - allen voran Aids - zu bekämpfen. So ist beispielsweise in Simbabwe innerhalb von nur 20 Jahren die Lebenserwartung von 60 Jahren auf etwas über 30 Jahre gesunken. Vielen afrikanischen Entwicklungsländern fehlt es zunehmend an Arbeitskräften, die Produktivität schrumpft und damit nehmen auch die Mittel ab, die für das Gesundheitswesen zur Verfügung stehen.

Entwickeln sich hier neue Krankheiten, kann niemand mit einer raschen Eindämmung rechnen.

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Bürgerkrieg, Runanda, Seuchengefahr, AP

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Bewaffnete Konflikte

Der Spanischen Grippe von 1918 ebnete der Erste Weltkrieg den Weg: Die Menschen waren geschwächt, Soldaten in den Kasernen zusammengepfercht. Am Ende tötete die Grippe 50 Millionen Menschen.

Auch heute bieten bewaffnete Konflikte einen Nährboden für Seuchen. So starben Mitte der neunziger Jahre innerhalb von wenigen Wochen rund 50.000 Flüchtlinge aus Ruanda an Cholera, die sich rasant in den überfüllten Flüchtlingslagern ausbreitete.

In vielen Armeen dieser Welt ist Aids deutlich stärker verbreitet als in der Normalbevölkerung. Verwundungen, Vergewaltigungen und Drogenmissbrauch mit mangelnder Hygiene sind die Ursachen. Auch Wunderreger breiten sich in Kriegsgebieten rasch aus. So brachten beispielsweise britische und US-Soldaten aus dem Irakkrieg den hochresistenten Wunderreger Acinetobacter baumannii mit nach Europa.

Foto: ein Opfer bewaffneter Konflikte in Uganda/AP

Tierhandel, Indonesien, Affen, Seuchengefahr, AFP

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Tierhandel

Nur Waffen- und Drogenhandel sind lukrativer: Der illegale Handel mit Tieren ist laut Umweltorganisation WWF der drittgrößte Zweig der organisierten Kriminalität. Der Handel mit exotischen Tieren - ob legal oder illegal - birgt Gesundheitsgefahren. Auf Flughäfen, in Zoohandlungen und bei privaten Züchtern treffen unterschiedliche Tiere aufeinander, die in der Natur niemals in Kontakt kommen würden. So können Krankheitserreger ungeahnte Entwicklungen und Wege nehmen.

2003 beispielsweise erkrankten Dutzende US-Amerikaner an Affenpocken, einer eigentlich nur in Afrika vorkommenden Krankheit. Die Erreger waren über Riesenratten aus Gambia eingeschleppt worden, waren dann in Zoohandlungen auf Hunde übergesprungen und befielen anschließend ahnungslose Hundehalter.

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Labor, Seuchengefahr, AP

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Labor als Brutstätte

2005 erhielten Tausende Labors in 18 Ländern seltsame Sendungen. Versehentlich hatte ein US-Labor ihnen den Erreger der Asiatischen Grippe zugeschickt, an dem 1957 über eine Million Menschen gestorben waren. Dieser Zwischenfall blieb ohne Folgen, andere nicht: 2004 starb eine Forscherin in Russland, nachdem sie sich bei der Arbeit mit Ebola-Viren angesteckt hatte.

In Labors passieren nicht nur Unfälle, sie können auch Kriminelle anlocken. 2001 wurden in den USA Briefe mit Anthrax-Erregern verschickt, 22 Menschen steckten sich an, fünf starben. Verantwortlich soll ein US-Wissenschaftler gewesen sein.

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Malaria, dpa

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Erderwärmung

Das West-Nil-Virus - ein ursprünglich in Afrika beheimateter Erreger - ist mittlerweile in den USA verbreitet. Inzwischen gibt es Fälle auch in Österreich, Ungarn und Bulgarien. Die globale Erwärmung erleichtert es exotischen Erregern wie diesem Virus, die vormals kühleren Zonen zu erobern.

Malaria könnte davon am stärksten profitieren. Fachleute schätzen laut Seuchenexperte Kaufmann, dass ein Temperaturanstieg um zwei Grad das Malaria-Gebiet so vergrößert, dass einige hundert Millionen Menschen mehr als heute gefährdet sind.

Foto: dpa/picture-alliance

(sueddeutsche.de/beu/bön/bgr)

© sueddeutsche.de/beu
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