Asiatische Grippe:Gefährliches Virus versehentlich an Tausende Labors verschickt

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Ein US-Labor hat Proben mit Erregern vom Stamm der asiatischen Grippe an Forschungslabore weltweit verschickt. Experten beklagen einen "schrecklichen Fehler", denn: An dem Erreger starben in den 50er Jahren über eine Million Menschen. Und die Weltgesundheitsorganisation (WHO) warnt, dass sich die Epidemie von damals wiederholen könnte.

Die Mehrheit der Bevölkerung habe keine Abwehrkräfte gegen das Virus, sagte der WHO-Grippeexperte Klaus Stöhr der Washington Post: "Wir sind besorgt."

Klaus Stöhr, AP

Besorgt: WHO-Grippeexperte Klaus Stöhr.

(Foto: Foto: AP)

Da der Virus Ende der 60er Jahre verschwand, haben nach 1968 geborene Menschen der WHO zufolge keine oder kaum Antikörper gegen diesen Virustyp.

Sollte es in einem der betroffenen Labore einen Arbeitsunfall geben und sich Laboranten anstecken, könnten diese die Bevölkerung infizieren, erklärte Stöhr: "Und das könnte der Beginn einer globalen Epidemie sein."

Laut WHO wurden die Virenstämme ab dem vergangenen Oktober von der US-Forschungseinrichtung College of American Pathologists (CAP) zu Routinetests an 3747 Labore in 18 Ländern verschickt.

Die meisten betroffenen Labore befinden sich in Nordamerika, aber auch Einrichtungen in Asien, Europa, dem Nahen Osten und Südamerika bekamen Proben. In Deutschland erhielten nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) sechs Forschungseinrichtungen die Virenstämme. Betroffen sind Labore in Hessen, Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz.

Erst Ende März bemerkte ein kanadisches Labor den Irrtum und alarmierte die WHO. Die Weltgesundheitsorganisation forderte alle Wissenschaftler auf, die H2N2-Viren aus Sicherheitsgründen sofort zu vernichten. In Deutschland sei dies bereits geschehen, sagte die Sprecherin des Robert-Koch-Instituts, Susanne Glasmacher.

Nach WHO-Angaben werden normalerweise nur Proben aktuell grassierender Grippeviren vom Typ A zu Testzwecken verschickt.

Die US-Behörden hätten Ermittlungen dazu aufgenommen, wie es zu dem Fehler der US-Forschungseinrichtung kommen konnte, sagte WHO-Sprecherin Cheng. Es sei "etwas ungewöhnlich, dass sie einen Virusstamm von 1957 wählten", um ihn an die Labore weltweit zu versenden.

WHO-Grippeexperte Stöhr sprach von einer "unklugen und unglücklichen" Entscheidung. Der US-Grippeexperte Robert Webster beklagte den "schrecklichen, schrecklichen Fehler".

Laut WHO gibt es bisher keine Hinweise darauf, dass sich Mitarbeiter in den Labore mit dem hochinfektiösen Virus angesteckt hätten. Wenn die in derartigen Forschungseinrichtungen vorgeschriebenen Sicherheitsvorkehrungen eingehalten würden, sei die Gefahr gering, dass sich jemand infiziere.

"Auch das Risiko für die allgemeine Bevölkerung wird als gering eingestuft", erklärte die Weltgesundheitsorganisation.

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