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Corona-Maßnahmen:Schüler leiden massiv unter Schulschließungen

GEW Sachsen zur Öffnung von Kindertageseinrichtungen und Schulen

Bald wieder alles normal? Sachsens Schüler glauben nicht, dass Schule wieder werden kann wie vor Corona.

(Foto: Sebastian Kahnert/dpa)

Vor der Rückkehr zum Normalbetrieb: Eine neue Erhebung aus Sachsen beleuchtet die Folgen des Lockdowns für Kinder.

Von Christina Kunkel

Noch bevor es im sächsischen Innenministerium am Montag um Studien und deren Bedeutung für den Schulunterricht in der Pandemie geht, stellt Wieland Kiess, Direktor der Leipziger Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, eine klare These in den Raum: "Wenn wir Kindern schaden wollen, dann sind Schulschließungen sehr effektiv." Denn neben den Zahlen, die an diesem Tag die Vorstellung einer großen Antikörperstudie an sächsischen Schulen liefern wird, gibt es ja auch noch das, was sich im Blut oder in Nasenabstrichen nicht messen lässt: Was macht es mit Kindern und Jugendlichen, wenn sie wochenlang zu Hause isoliert sind? Dazu haben Wissenschaftler der Leipziger Uniklinik fast 900 Kinder zu Beginn der strengsten Beschränkungen und dann nach vier Wochen erneut befragt.

Ist ein Schulbesuch auch mitten in der Pandemie uneingeschränkt vertretbar?

Wieland Kiess nennt viele der Ergebnisse zwar "erwartbar", aber sie seien eben auch wichtig, wenn man darüber nachdenkt, den Schulbesuch weiter einzuschränken oder gar zu verbieten. Vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien gaben an, unter der Isolation zu leiden. Drei Viertel aller Befragten wünschten sich, wieder zur Schule gehen zu können. Durch die fehlende Tagesstruktur stieg auch die Nutzung von elektronischen Geräten. Vor allem aber machten sich die Kinder Sorgen - und zwar nicht in erster Linie um sich selbst, sondern um ihre Familie. Jedes fünfte Kind sagt sogar, es werde nie wieder so sein wie vor der Pandemie.

Weil Kiess zudem von Erfahrungen berichtet, dass schwere Krankheiten oder Kindesmisshandlungen nicht bemerkt wurden, da sich Eltern während der Beschränkungen nicht in die Krankenhäuser trauten und Betreuer keine Verdachtsfälle melden konnten, stellt sich erneut die Frage: Ist ein Schulbesuch auch mitten in der Pandemie uneingeschränkt vertretbar oder sprechen wissenschaftliche Erkenntnisse dagegen?

Zumindest für die sächsische Staatsregierung ist klar, wie es in den Schulen nach Ende der Sommerferien vom 31. August an weitergehen soll. Die Botschaft lautet: Wir kehren zurück zur Normalität. 485 000 Schüler und Lehrer sollen zurück in die Klassenzimmer, an fünf Tagen in der Woche, nach geltendem Lehr- und Stundenplan. Eine Maskenpflicht gibt es nicht - anders als zum Beispiel in Hamburg, Bayern oder Nordrhein-Westfalen. Es gelte die "uneingeschränkte Schulpflicht". Anstatt einer schrittweisen Öffnung soll es nun in die andere Richtung einen Vier-Stufen-Plan geben. Wo Corona-Infektionen an Schulen auftauchen, soll je nach Zahl der Fälle entweder nur eine Kontaktverfolgung der Infizierten ausreichen oder ab 50 Neuinfektionen an einer Einrichtung eine vorübergehende Schließung verfügt werden. "Schulschließungen wird es auch im neuen Schuljahr geben, aber sie dürfen nur die Ultima Ratio sein und nur punktuell oder regional und zeitlich begrenzt erfolgen", betont Kultusminister Christian Piwarz.

Dabei stützt sich die Landesregierung unter anderem auf eine weitere Untersuchung der Uniklinik Leipzig, welche sie selbst mitfinanziert hat. Darin treffen die Autoren um Wieland Kiess eine klare Aussage: "Es ist angesichts der aktuellen Datenlage richtig, die Schulen in Sachsen wieder zu öffnen und unter Kontrolle die Hygienemaßnahmen zu lockern, um sich wieder einem normalen Schulalltag anzunähern."

Dabei ist es nur eine Rückschau, die die Uniklinik Leipzig mit ihrer Studie liefert. Die Wissenschaftler haben im Mai und Juni in fünf sächsischen Städten 2687 Probanden auf Antikörper gegen Sars-CoV-2 untersucht, 1884 Schüler und Schülerinnen sowie 803 Angestellte an Grundschulen und Gymnasien. Wie auch in einer Untersuchung der Uniklinik Dresden lautet das Fazit der Forscher: In den sächsischen Schulen sei die Infektionslage "unbedenklich". Nur 0,6 Prozent der Untersuchten hatten Antikörper gegen das neuartige Coronavirus im Blut, unter den Schülerinnen und Schülern war der Anteil etwas geringer (0,5 Prozent) als beim Personal (0,8 Prozent). Einen aktuell mit dem Coronavirus Infizierten fanden die Wissenschaftler unter allen Probanden nicht.

Die Forscher folgern: "Zusammenfassend haben wir zum aktuellen Zeitpunkt keinen Hinweis darauf, dass Kinder und Jugendliche besonders häufig Sars-CoV-2 in sich tragen oder getragen haben. Es scheint sogar eher so, dass sich Kinder im Vergleich zu Erwachsenen seltener infizieren." Einen Vergleichswert zur gesamten Bevölkerung in den untersuchten Regionen gibt es jedoch nicht.

Man muss berücksichtigen, wie die Umstände zum Zeitpunkt der Tests in den sächsischen Schulen, aber auch im gesamten Bundesgebiet waren. Im Mai und Juni waren die Schulen noch weit von einem Regelbetrieb entfernt, das Ansteckungsrisiko dürfte allein deshalb schon gering gewesen sein, weil meist in Schichten und Kleingruppen unterrichtet wurde. Zudem war das Infektionsgeschehen nach den Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen im Frühjahr allgemein sehr gering - das Virus hatte nicht die Möglichkeit, sich wieder unbemerkt an zahlreichen Orten zu verbreiten.

Die Forscher wollen im Herbst erneut eine Bestandsaufnahme an sächsischen Schulen machen

Schaut man sich hingegen die aktuellen Infektionszahlen an, zeigt sich ein anderes Bild als noch im Mai oder Juni. Urlaubsrückkehrer und lokale Events haben dazu geführt, dass es überall in Deutschland neue, kleinere Ausbrüche gibt. Und Berichte aus anderen Ländern wie Israel, Australien oder den USA, laut denen Schulen nach ihrer kompletten Öffnung ohne Maskenpflicht durchaus zu Corona-Hotspots wurden, fließen nicht in die Beurteilung der Leipziger Wissenschaftler ein. Auch eine aktuelle Analyse von Wiener Forschern kommt zu dem Ergebnis, dass Schulschließungen extrem effektiv sind - zumindest, was die Eindämmung des Virus betrifft. Zuletzt muss man berücksichtigen, dass Sachsen im Vergleich zu anderen Bundesländern nie ein Corona-Hotspot war.

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All das wissen die Leipziger Forscher und betonen deshalb, im Herbst erneut eine Bestandsaufnahme an sächsischen Schulen machen zu wollen. Erst dann könne man sicher sagen, welche Auswirkungen die Rückkehr zum Regelbetrieb tatsächlich hatte.

© SZ/zint
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