Neuer Diagnosekatalog DSM-5 ADHS bis ins Erwachsenenalter

Zur Diagnose der verbreiteten Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung ADHS genügt es in Zukunft, dass die Symptome bis zum 12. Lebensjahr das erste Mal auftreten; im DSM-IV musste dies bereits bis zum siebten Geburtstag geschehen sein. Betont wird nun auch, dass ADHS bis ins Erwachsenenalter anhalten kann.

Weitere Änderungen: Nach bisheriger Praxis durfte ein Arzt in den ersten zwei Monaten nach einem Trauerfall keine Depression diagnostizieren; diese Ausnahme ist jetzt abgeschafft. Bei Suchterkrankungen wird nicht mehr zwischen Missbrauch und Abhängigkeit unterschieden, werden die Diagnoseschwellen gesenkt. Fallen die im Alter üblichen Gedächtnis- und Denkstörungen etwas stärker aus, gelten sie künftig als "minore neurokognitive Störung".

Darüber hinaus wurden einige neue Diagnosen eingeführt: "Binge Eating "- periodische Fressanfälle ohne folgendes Erbrechen - und starke prämenstruelle Beschwerden gelten jetzt offiziell als krankhaft; ebenso stehen jetzt das Messie-Syndrom, die Spielsucht und exzessives Sich-Kratzen im Katalog.

Seitdem vor etwa zwei Jahren die ersten Entwürfe dieser Änderungen kursierten, tobt ein heftiger Streit, ob hier mithilfe des Diagnosekatalogs die Gesellschaft weiter psychiatrisiert und medikalisiert werden soll. Als "traurigen Tag für die Psychiatrie" bezeichnete ausgerechnet Allen Frances das Erscheinen von DSM-5. Der emeritierte Professor der Duke University verantwortete einst DSM-IV, führt jetzt aber einen Kreuzzug gegen das Nachfolgewerk. Seiner Ansicht nach wird es zu Millionen falschen Krankheitsdiagnosen führen.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN) warnt vor einer "Ausweitung von Krankheitsentitäten und damit Versorgungsansprüchen" im DSM-5. Es bestehe die "Gefahr der Pathologisierung von alltäglichen Leidenszuständen sowie von natürlichen Anpassungs- und Alterungsprozessen". In der guten Absicht, niemanden zu übersehen, so DGPPN-Präsident Wolfgang Maier von der Universität Bonn, entstehe die Gefahr einer Überdiagnostik, die zulasten der wirklich Kranken gehe.