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Impfung mit mRNA-Vakzinen:Mehr Nutzen als Risiko

Corona-Impfstoff von Biontech/Pfizer

Auch in der EU ist das Biontech-Vakzin für Jugendliche ab zwölf Jahren zugelassen.

(Foto: Paul Zinken/dpa)

Trotz einiger Fälle von Herzmuskelentzündung nach der Impfung mit den Vakzinen von Biontech oder Moderna empfehlen die US-Behörden weiter die Impfung ab zwölf Jahren.

Von Christina Berndt

Das Risiko ist erhöht, aber der Nutzen ist noch sehr viel höher. Das ist die Quintessenz der US-Gesundheitsbehörde CDC zur Covid-Impfung von jungen Menschen. Deren Impfkommission ACIP hatte sich am Mittwoch mit den Fällen von Herzmuskelentzündung (Myokarditis) und Herzbeutelentzündung (Perikarditis) nach der Corona-Impfung mit einem mRNA-Impfstoff beschäftigt.

Das Fazit: Offenbar begünstigt die Impfung mit einem der mRNA-Vakzine von Biontech oder Moderna das Auftreten von Herzmuskelentzündungen, wie dies Ende April schon erste Daten aus Israel gezeigt hatten. Auch in Deutschland hatten einzelne Geimpfte von diesem Problem berichtet. Den CDC-Daten zufolge traten unter den gut zwei Millionen zwölf- bis 17-jährigen Jungs, die in den USA mit einem der mRNA-Vakzine geimpft wurden, 128 Fälle von Myo- oder Perikarditis auf; zwei Fälle wären normal gewesen. Unter den 4,3 Millionen geimpften Männern zwischen 18 und 24 Jahren waren es 219 statt der zu erwartenden vier bis fünf Fälle. Weniger stark erhöht war das Risiko für die Männer zwischen 25 und 49 Jahren und für junge Frauen zwischen 12 und 24 Jahren.

Damit trat unter den zwölf- bis 17-jährigen männlichen Teenagern eine Herzmuskelentzündung auf 16 000 Impfdosen auf; bei den 18- bis 24-jährigen Männern eine auf 20 000 Dosen, bei den Männern zwischen 25 und 49 Jahren eine auf 133 000 Dosen und bei den Mädchen zwischen zwölf und 17 Jahren eine auf 115 000 Dosen.

Der Grund für die häufigeren Herzprobleme nach Impfung ist noch nicht klar

Doch die Fälle verliefen laut CDC in der Regel milde. Der Nutzen der Impfung übersteige daher auch für junge Menschen das Risiko um ein Vielfaches, folgerte die Behörde, die die Impfung ab 12 Jahren weiterhin ausdrücklich empfiehlt. Während eine Million Zweitimpfungen bei männlichen Teenagern zwischen zwölf und 17 Jahren etwa 56 bis 69 Herzmuskelentzündungen verursachen, würden sie gleichzeitig 215 Krankenhauseinweisungen, 71 Behandlungen auf der Intensivstation und zwei Todesfälle durch Covid-19 verhindern. "Das Nutzen-Risiko-Verhältnis zeigt eine positive Balance für alle Altersgruppen und Geschlechter", so die CDC.

Gleichwohl sollen die Impfstoffe mit einem Warnhinweis versehen werden, wie ein Mitarbeiter der US-Arzneimittelaufsicht FDA während des Treffens ankündigte. Geimpfte und ihre Eltern sollten aufmerksam werden, wenn die jungen Menschen unter Schmerzen in der Brust, Kurzatmigkeit oder dem Gefühl leiden, dass das Herz schneller oder unregelmäßig schlage oder ab und zu Aussetzer macht.

Der Mechanismus für das Auftreten von Myokarditis nach der mRNA-Impfung ist unklar. Zu Herzmuskelentzündungen können auch Infektionen führen, sie sind auch eine Komplikation nach einer Ansteckung mit Sars-CoV-2. Angenommen wird, dass die Viren ebenso wie die Impfung unter Umständen zu einer überschießenden Immunreaktion führen können, die das Herz angreift. Junge Menschen mit ihrem besonders aktiven Immunsystem könnten daher gefährdeter sein.

Da die beobachteten Fälle von Myo- und Perikarditis zum überwiegenden Teil erst nach der zweiten Impfdosis aufgetreten sind, wird in Israel darüber nachgedacht, bei Teenagern die zweite Spritze wegzulassen. Forscher um Nadav Davidovitch von der Ben-Gurion-Universität des Negev haben bei der erneuten Analyse der Zulassungsdaten für den Biontech-Impfstoff herausgearbeitet, dass Zwölf- bis 15-Jährige schon zwei Wochen nach der ersten Dosis sehr gut vor Covid-19 geschützt sind. In der Studie steckte sich keiner der Teenager mehr mit Sars-CoV-2 an.

Die zweite Spritze erhöhe die Immunogenität der Impfung in dieser Altersgruppe nur noch "wenig, wenn überhaupt", sagte Davidovitch der Jerusalem Post, der Immunschutz vor Covid-19 nimmt durch die zweite Impfdosis also kaum noch zu. Deshalb könne man mit Blick auf das erhöhte Risiko für eine Myokarditis womöglich besser auf die Zweitimpfung verzichten, sagte der Epidemiologe, der dem Covid-19-Beraterstab der israelischen Regierung agenhört - auch wenn das Risiko für eine Myokarditis insgesamt gering sei. Dieser Strategie könnte allerdings die Delta-Variante einen Strich durch die Rechnung machen. Zumindest Erwachsene sind nach nur einer Impfung kaum noch vor Delta geschützt.

Hinweis der Redaktion: In einer früheren Version hieß es, Jugendliche seien der Studie zufolge schon durch die erste Impfung zu 100 Prozent geschützt. Diese Formulierung ist falsch. Richtig ist: Unter den geimpften 12- bis 15-Jährigen traten in der Studie ab der dritten Woche nach der ersten Impfung keine Infektionsfälle mehr auf, was rechnerisch eine Wirksamkeit der ersten Impfung von 100 Prozent ergibt. Zudem wurde präzisiert, dass Nadav Davidovitch von Immunogenität und nicht von Immunschutz sprach. Immunogenität ist abdie Eigenschaft des Impfstoffes, eine Immunantwort auszulösen, und führt somit zum Immunschutz.

ch nur einer Impfung kaum noch vor Delta geschützt.

© SZ
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