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Medizin:Erkältung und Grippe - der Preis der Nähe

"Enge Kontakte vermeiden" - das empfiehlt das für den Gesundheitsschutz in Deutschland zuständige Robert-Koch-Institut im Winter.

(Foto: mauritius images)
  • Der wichtigste Grund für die Häufung von Grippe und Erkältung im Winter: Menschen verbringen mehr Zeit in geschlossenen Räumen und überfüllten Bahnen.
  • Wenn es kalt wird, halten sich zudem die meisten Viren länger, sie sind in trockener Luft stabiler und können die Menschen besser anstecken - und plötztlich sind beinahe alle krank.
  • Dabei ist längst nicht jede Erkältung eine Grippe - und auch der Einfluss der Kälte auf beide Leiden wird kolossal überschätzt.

Etliche Verluste sind zu beklagen. Das gepflegte Taschentuch aus feinem Stoff, mit Monogramm oder Spitze, befindet sich seit Jahren auf dem Rückzug. Statt als diskretes Zeichen für Stil und Manieren gilt es mittlerweile als fiese Keimschleuder in der Hosentasche. Vorbei die Zeiten, in denen François Truffaut seinen schniefenden Filmhelden nach einem Taschentuch fragen und auf das Angebot eines Kleenex empört entgegnen ließ: "Nein, nein, ich schnäuze mich niemals in Papier."

Wer heute so reagieren und das Wegwerf-Taschentuch ablehnen würde, hätte schnell den Ruf als Sonderling weg. Er wäre zudem eine ähnliche Rarität wie der Galan, der wie zur Goethe-Zeit noch das - möglichst blütenweiße - Stofftaschentuch mit Spitze als gut gehütetes Liebespfand und erotischen Wink benutzen würde. Othello wurde aufgrund eines verlorenen Taschentuchs gar zum Mörder der Geliebten.

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Viren

Was wirklich gegen Erkältung hilft

Bereits eine Nacht mit zu wenig Schlaf erhöht das Erkältungsrisiko deutlich. Aber es gibt Möglichkeiten, sich zu schützen.

Aber das ist vorbei. Heute gelten Sauberkeit und Hygiene als höchstes Gut. Der eingängige Werbeslogan "Wisch und weg" bringt es auf den Punkt. Statt edler Fazinetel mit Monogramm sieht man allenthalben benutzte Papiertaschentücher die Müllbehälter in Bahnen, Bussen und Büros verstopfen. Der Rotz hinterlässt seine unansehnlichen Spuren im öffentlichen Raum. Aber vielleicht ist die schnelle Entsorgung auch gut so, wenn die nächste Grippewelle droht und sich Menschen mit Triefnase und bellendem Husten von einem Infekt zum nächsten röcheln. Dann ist die Wahl Krankheit oder Kultur womöglich nicht mehr so wichtig.

Zu viel Zeit in geschlossenen Räumen und überfüllten Bahnen

Im Winter stellt sich die Frage allerdings drängender. Das hat eine Reihe von Gründen: Wenn es kalt wird, halten sich die meisten Viren länger, zudem sind sie in trockener Luft stabiler und können die Menschen besser anstecken. Zugleich sind die Atemwege in der kalten Jahreszeit anfälliger, und die Abwehrkräfte haben im Winter weniger gegen mikrobielle Eindringlinge zu bieten als im Sommer.

Der wichtigste Grund für die Häufung von Grippe wie von Erkältungsleiden ist allerdings, dass Menschen im Winter mehr Zeit in geschlossenen Räumen und überfüllten Bahnen verbringen, die noch dazu schlecht belüftet sind. "Schließlich muss für das Entstehen einer Grippewelle erstens eine genügend große Anzahl an empfänglichen Personen in der Bevölkerung vorhanden sein und zweitens bei den oben genannten Bedingungen ein genügend großer Eintrag an infektiösen Patienten in die empfängliche Bevölkerung erfolgen", schreibt das für Seuchenschutz zuständige Robert-Koch-Institut (RKI) in dürrer Wissenschaftsprosa.

100 Erreger

und mehr können Erkältungen hervorrufen. Zu den Symptomen zählen Halsschmerzen, Schupfen, Heiserkeit und Husten, seltener indes erhöhte Temperatur oder gar Fieber. Solche sogenannten "grippalen Infekte" verlaufen meist harmlos. Die echte Grippe wird indes von einem der vielen Influenza-Viren verursacht. Die Krankheit beginnt meist plötzlich, ist begleitet von Fieber, Kopfweh und Gliederschmerzen oft auch Reizhusten. Aber längst nicht alle Infizierten müssen auch alle Symptome zeigen.

Dabei ist längst nicht jede Erkältung eine Grippe - und auch der Einfluss der Kälte auf beide Leiden wird kolossal überschätzt. Ein "grippaler Infekt" hat mit der echten Grippe, der Influenza, nichts zu tun. Die Leiden werden von verschiedenen Erregern verursacht, die Grippe durch Influenza-Viren, die jedes Jahr die Maskerade wechseln und deshalb schwer zu erwischen sind. Sie geht oft mit einem heftigen Krankheitsgefühl einher, dazu kommen Gliederschmerzen, Ermattung für ein bis zwei Wochen und manchmal quälender Reizhusten.

"Während ein Drittel schwere Symptome hat, geht die Grippe bei einem weiteren Drittel mit Beschwerden wie bei einer Erkältung einher - und ein Drittel hat kaum Symptome", sagt Udo Buchholz, der für das RKI Atemwegserkrankungen erforscht. Bei älteren Menschen und chronisch Kranken kann als Komplikation eine Lungenentzündung entstehen und zu lebensbedrohlichen Verläufen führen.