Kampf gegen die Masern:Das Virus schwächt das Immunsystem

Die meisten von ihnen tötet das Virus nicht direkt. Es schwächt das Immunsystem für mehrere Wochen. Infizieren sich Patienten dann mit einem Bakterium oder Virus, sind sie ihm hilflos ausgeliefert, besonders dort, wo Mangelernährung und schlechte Hygiene herrschen. Das ist auch der Grund, weshalb Entwicklungsländer die meisten Todesopfer zu beklagen haben. In den am schwersten betroffenen Ländern kann jede zehnte Maserninfektion zum Tod führen.

Aber auch das Masernvirus allein tötet Menschen. So führt in Europa eine von 3000 Ansteckungen zum Tod. Jeder tausendste Patient entwickelt eine Gehirnentzündung, die häufig zu bleibenden Schäden führt. Hinzu kommt eine seltene, aber tödliche Spätfolge: Etwa 18 von 100.000 Kindern, die sich vor ihrem ersten Geburtstag anstecken, entwickeln sechs bis acht Jahre später eine degenerative Erkrankung namens subakute sklerosierende Panenzephalitis (SSPE). "Das Virus wandert vermutlich bei der ursprünglichen Infektion ins Gehirn", sagt Forscherin Griffin. "Aber die neurologischen Symptome machen sich erst Jahre später bemerkbar. Dann ist das Virus über das ganze Gehirn verteilt."

Dabei gibt es einen wirksamen und billigen Impfstoff. Weniger als einen Euro kosten die zwei Dosen, die 98 Prozent der Geimpften vor einer Ansteckung schützen. In Europa wird in der Regel ein Kombinationsimpfstoff genutzt, MMR genannt, der auch gegen Mumps und Röteln schützt. Weil Masern nur im Menschen vorkommen, wäre es damit theoretisch möglich, diese Geißel der Menschheit auszurotten. Mediziner träumen davon seit Jahrzehnten - und der amerikanische Kontinent, auf dem es seit 2002 keine "einheimischen" Masern mehr gibt, hat gezeigt, dass dies möglich ist. Die Europäische Region der WHO, zu der auch Russland, die Ukraine und die Türkei gehören, setzte sich damals zum Ziel, die Krankheit bis 2010 zu verbannen.

Doch der Plan scheiterte kläglich. Obwohl die Zahl der Masernfälle zunächst abnahm, stieg sie von 2009 an wieder. Im September 2010 entschied sich die WHO dafür, das Ziel für Europa auf 2015 zu verschieben. Auch das wirkt kaum realistisch. 37 000 Masernfälle wurden 2011 in der Europäischen Region gemeldet, davon mehr als 30 000 in der EU.

Europäer unterschätzen die Gefährlichkeit des Virus

Einer der Stolpersteine im Kampf gegen die Krankheit: Das Masernvirus ist so ansteckend wie kaum ein anderer Erreger. Um seine Verbreitung zu unterbrechen, müssen deshalb etwa 95 Prozent der Bevölkerung geimpft sein. Das hat sich in Europa als äußerst schwierig herausgestellt. "Wenn wir Menschen fragen, warum sie nicht geimpft sind, hören wir immer wieder, dass sie glauben, die Masern seien keine gefährliche Krankheit, oder dass sie Angst haben vor Nebenwirkungen des Impfstoffes", sagt Ole Wichmann vom Robert-Koch-Institut.

Die Angst vor der Impfung dürfte zumindest teilweise auf den Wakefield-Skandal zurückzuführen sein. Der britische Gastroenterologe Andrew Wakefield hatte 1998 behauptet, der MMR-Impfstoff könne zu Autismus führen. Vor allem in Großbritannien und Irland fiel die Impfrate daraufhin steil ab. Der Zusammenhang zwischen Impfung und Autismus konnte allerdings nie nachgewiesen werden und Wakefields Arbeit wurde als Fälschung enttarnt. Doch sein Vermächtnis ist eine diffuse Angst vor der Masernimpfung und eine Generation von Jugendlichen, die gegen das Virus kaum geschützt ist.

Hinzu kommen Gruppen wie die Anthroposophen und manche Religionsgemeinschaften, die die Impfung aus Überzeugung ablehnen. Auch viele Sinti und Roma sind nicht geimpft. Sie gelten als "schwer erreichbar". In Wirklichkeit gebe man sich nur nicht genug Mühe, sie ins Gesundheitssystem zu integrieren, sagt Robb Butler vom europäischen Regionalbüro der WHO. "Man muss diesen Menschen die Möglichkeit geben, durch die Tür reinzukommen und mit jemandem zu reden, der ihre Sprache spricht, und nicht auf sie herabblickt, als seien sie Bürger zweiter Klasse", fordert er.

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