Medizinethik:Gerechtigkeit für Familie Lacks

Medizinethik: Ein Gemälde der Henrietta Lacks im nach ihr benannten Gemeindezentrum in Baltimore.

Ein Gemälde der Henrietta Lacks im nach ihr benannten Gemeindezentrum in Baltimore.

(Foto: IMAGO/Kim Hairston/ZUMA Wire)

Zellen der 1951 gestorbenen Krebspatientin Henrietta Lacks werden bis heute in der Forschung verwendet - ihr Einverständnis hatte sie nie gegeben. Nun hat sich die Familie mit dem Unternehmen geeinigt, das an den HeLa-Zellen verdient hat.

Von Hanno Charisius

Henrietta Lacks starb 1951 im Alter von 31 Jahren, doch ihre Zellen leben bis heute. Kurz vor ihrem Tod war die Mutter von fünf Kindern mit Gebärmutterhalskrebs ins Johns-Hopkins-Hospital in Baltimore eingeliefert worden. Ein Arzt entnahm der Afroamerikanerin ohne ihre Einwilligung eine Gewebeprobe und erschuf daraus eine unsterbliche Zelllinie, die noch heute in Laboren auf der ganzen Welt für die medizinische Forschung genutzt wird.

Die Geschichte der sogenannten HeLa-Zellen steht heute beispielhaft für Rassismus und Ungerechtigkeit in der Medizingeschichte. Was der Arzt tat, war damals durch das Gesetz gedeckt. Die Hinterbliebenen der Verstorbenen kämpften jahrzehntelang nicht nur um Anerkennung des Unrechts, das damals getan wurde, sondern seit 2021 auch vor Gericht um Entschädigung durch das Unternehmen Thermo Fisher, das die HeLa-Zellen in ein kommerzielles Produkt verwandelte und damit Milliarden verdiente. Am Dienstag erklärten nun die Anwälte der Hinterbliebenen Lacks', man habe sich mit dem Unternehmen außergerichtlich geeinigt. Über die Details wurde Stillschweigen vereinbart. Doch beide Seiten zeigten sich in einer Pressekonferenz zufrieden mit der Vereinbarung.

HeLa-Zellen haben zur Entwicklung von Impfstoffen beigetragen

Im Jahr 2010 wurde die Geschichte von Henrietta Lacks und ihren Zellen weithin bekannt. Im später auch verfilmten Buch The immortal Life of Henrietta Lacks zeichnet die US-Journalistin Rebecca Skloot nicht nur die Geschichte der unsterblichen Zellen nach, sondern beschreibt auch die Folgen für die biomedizinische Forschung, die Familie und die ganze Menschheit. Denn HeLa-Zellen haben unter anderem zur Entwicklung von Impfstoffen beigetragen, die bis heute viel Leid abgewendet haben.

Medizinethik: Anwalt Ben Crump, Mitte, mit der Familie von Henrietta Lacks nach der Einigung.

Anwalt Ben Crump, Mitte, mit der Familie von Henrietta Lacks nach der Einigung.

(Foto: IMAGO/Amy Davis/ZUMA Wire)

So waren HeLa-Zellen maßgeblich bei der Entwicklung des ersten Polio-Impfstoffs. Die Vakzine musste an menschlichen Zellen getestet werden, bevor Freiwillige sie bekamen. Dafür waren die unsterblichen Krebszellen die perfekten Kandidaten. Gentechnisch veränderte HeLa-Zellen dienen als Testobjekte für die Entwicklung von antiviralen Medikamenten etwa gegen das Immunschwächevirus HIV.

Auch an mindestens einem Nobelpreis waren die Zellen beteiligt. In den 1980er-Jahren entdeckte der deutsche Virologe Harald zur Hausen Viren in den Zellen, mit denen auch er im Labor arbeitete, er identifizierte sie als Humane Papillomviren (HPV) und erkannte, dass sie die Art von Gebärmutterhalskrebs verursachen, an der Henrietta Lacks einst gestorben war. Gegen diese Viren gibt es mittlerweile Impfungen, und zur Hausen, der im Mai verstarb, wurde 2008 für seine Arbeiten mit dem Medizinnobelpreis geehrt.

An den Zellen kann man auch Alterung erforschen - weil sie ewig jung bleiben

Und schließlich helfen Henrietta Lacks' Zellen zu verstehen, wie Zellen altern. Denn sie selbst tun es schließlich nicht, weshalb sie gute Vergleichsobjekte sind und geeignete Werkzeuge, um das Altern auf der Ebene der Biomoleküle zu studieren. Erst Anfang der 1960er-Jahre gelang es, eine zweite unsterbliche Zelllinie aus menschlichem Gewebe zu erschaffen - aus Lungengewebe eines abgetriebenen Fötus. Die Zellen werden WI-38 genannt und sind ebenfalls noch heute Helfer in der Forschung.

Medizinethik: Eine Illustration der berühmten HeLa-Zellen.

Eine Illustration der berühmten HeLa-Zellen.

(Foto: IMAGO/Science Photo Library)

Als im Jahr 2013 erstmals das komplette Genom der HeLa-Zellen entziffert wurde, kam es zu einem Eklat. Die Forschenden hatten die Erbgutdaten veröffentlicht, ohne mit den Nachkommen der unfreiwilligen Zellspenderin zu sprechen. Dabei wurden damit auch genetische Informationen der Nachkommen bekannt, Hinweise auf Erbkrankheiten könnten zum Beispiel in den Sequenzdaten stecken. Aus diesem Grund wurden die genetischen Daten zunächst wieder zurückgezogen, die Zustimmung wurde eingeholt, und Lacks' Erben wachen inzwischen darüber, wofür diese Informationen verwendet werden.

Im Jahr 2021, 70 Jahre nach ihrem Tod, ehrte die Weltgesundheitsorganisation in Genf Henrietta Lacks. Sie sei ausgenutzt worden, sagte WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus während der Zeremonie. Er schlug einen Bogen zur anhaltenden medizinischen Benachteiligung der Armen in der Welt. So sei die HPV-Impfung in reichen Ländern problemlos verfügbar, werde aber nur in weniger als einem Viertel der ärmsten Länder angeboten.

Am Dienstag, dem Tag der Einigung zwischen der Familie Lacks und Thermo Fisher, wäre Lacks 103 Jahre alt geworden. Er könne sich kein besseres Geschenk vorstellen, als der Familie und vor allem Henrietta Lacks ein bisschen Respekt und Würde zurückzugeben, sagte einer der Anwälte.

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