Familie Mehr Bauchgefühl in der Erziehung

Kinder, die zu wenig schlafen, benehmen sich schlechter, haben Forscher herausgefunden. Echt jetzt?

(Foto: imago/Westend61)

Braucht man wirklich eine wissenschaftliche Begründung für das gemeinsame Familienessen oder ausreichend Schlaf? Manchmal wäre Intuition besser als vermeintliche Expertise.

Kommentar von Tina Baier

Wissenschaft ist wichtig, zweifellos. Aber es gibt Bereiche, in denen man nicht ständig von den neuesten Erkenntnissen der Forscher belästigt werden will. Das Familienleben zum Beispiel und im Besonderen die Kindererziehung. Zumindest bei vielen Untersuchungen der vergangenen zwei Wochen fragt man sich nämlich schon, ob die Forscher das wirklich ernst meinen.

Australische Wissenschaftler haben etwa herausgefunden, dass sich Kinder, die zu wenig schlafen, oft "schlecht benehmen". Ach nee! Alle Eltern, die sich jemals mit einem müden und quengeligen Kleinkind durch einen langen Tag geschleppt haben, würden dem sofort zustimmen. Aber muss so etwas nach allen Regeln der Kunst wissenschaftlich untersucht werden? Ein anderes Team ist zu der glorreichen Erkenntnis gekommen, dass es besser ist, dreijährigen Kindern vorzulesen, als sie "elektronische Medien konsumieren" zu lassen. Echt jetzt? Wer hätte das gedacht?

Anders als viele Eltern sind sich die Wissenschaftler trotz ihrer aufwendigen Untersuchung noch nicht ganz sicher: Das Vorlesen scheint die Nachtruhe zu verbessern, betonen sie. Hmm. Also vielleicht doch erst mal abwarten und das Kind weiter bis zum Umfallen daddeln lassen? Bis die Forscher Gewissheit haben, kann es allerdings dauern. Dazu braucht es wahrscheinlich eine Langzeitstudie so wie die kanadischer Wissenschaftler, die sich nach fast zehn Jahren Forschung jetzt sicher sind: Kinder, die gemeinsam mit ihrer Familie essen, die also so etwas wie ein Familienleben haben, fühlen sich "sowohl körperlich als auch geistig besser".

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Man kann sich auch ohne wissenschaftliche Begründung mit seinen Kindern unterhalten

Das ist eigentlich nur noch zu toppen durch eine Studie, die zugegebenermaßen schon vor längerer Zeit erschienen, aber trotzdem unvergessen ist. Ein Forscherteam hat damals entdeckt, dass Kinder, die schwimmen können, seltener ertrinken. Wie sie das herausgefunden haben, mag man sich gar nicht so genau vorstellen.

Abgesehen davon, dass die Ergebnisse solcher Studien Banalitäten sind, ist eine Erziehung nach dem neuesten wissenschaftlichen Stand auch sonst nicht zu empfehlen. Auf diesem Gebiet ist es dann doch besser, sich auf das aus wissenschaftlicher Sicht wahrscheinlich gar nicht existierende Bauchgefühl zu verlassen. Und sich zum Beispiel mit seinem Kind abends noch eine halbe Stunde zu unterhalten - auch wenn es schon spät ist und es dann nicht die vorgeschriebene Anzahl von Stunden schläft.

Benimmt es sich dann am nächsten Tag in der Schule schlecht, kann man sich ja wieder mithilfe der Wissenschaft rechtfertigen. Forscher haben nämlich nachgewiesen, dass die Luftverschmutzung zur Folge hat, dass Teenager sich danebenbenehmen.

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