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Corona-Pandemie:Wie verhalten sich Wissenschaftler jetzt privat?

Couple kissing with protective face mask standing against acrylic wall model released Symbolfoto SASF00120

Auf Umarmungen will ein Viertel der befragten Fachleute auch in diesem Winter nicht verzichten - wenn es sein muss, eben mit Maske.

(Foto: Sr.Stocker/imago images/Westend61)

In einer Umfrage geben 242 Epidemiologinnen und Epidemiologen Einblicke in ihr ganz persönliches Verhalten während der Corona-Pandemie - und erklären, warum Händeschütteln auch früher schon keine gute Idee war.

Von Markus Grill, Teresa Roelcke und Ralf Wiegand

In gewöhnlichen Jahren ist die Frage, ob es Schnee zu Weihnachten gibt, die entscheidende. 14 Tage vorher beginnen die Spekulationen, wie sich Hochs und Tiefs wohl verschieben werden, ob die Luft über den Atlantik kommt oder doch eher aus Skandinavien. In diesem Jahr ist das aber nur ein untergeordnetes Thema, die zentrale Frage ist: Gibt es zu Weihnachten Besuch? Kommt Oma Emma aus Kassel, was machen wir mit Onkel Günther aus Schwanewede? Große Familie oder kleiner Kreis? Stille Nacht oder hoch die Tassen?

Die Stimmen einzelner Virologen und vieler Politiker sind dazu inzwischen wohlbekannt - Epidemiologen treten hingegen viel weniger in Erscheinung. Dabei sind sie es, die die Häufigkeit des Auftretens von Krankheiten untersuchen, berechnen und auch die sozialen Auswirkungen eines solchen Phänomens wie der Corona-Pandemie miteinbeziehen. Die Süddeutsche Zeitung, NDR und WDR haben daher in einer Umfrage das ganz persönliche Verhalten von Epidemiologinnen und Epidemiologen aus Deutschland abgefragt: Wie verhalten sie sich jetzt, wann werden sie Dinge wieder tun, die sie derzeit vermeiden? Angeschrieben wurden insgesamt rund 800 Wissenschaftler, 242 haben mitgemacht und zwischen dem 12. und 18. November 2020 insgesamt 44 Fragen zu ihrem Alltag in Zeiten der Pandemie beantwortet.

"Weihnachten kann problematisch werden"

Die Mehrheit von ihnen wird demnach dieses Weihnachten im kleinen Kreis feiern; nur 13 Prozent werden dieses Jahr "mit der Großfamilie Weihnachten feiern", 61 Prozent dagegen wollen das erst "in mehr als einem Jahr" wieder tun. "Weihnachten kann problematisch werden, wenn wir das so machen, wie wir es bisher gewohnt sind", sagt Prof. Dr. Eva Grill vom Institut für medizinische Informationsverarbeitung, Biometrie und Epidemiologie (IBE) der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität. Vernünftig und sicher sei es, sich an den Festtagen so weit wie möglich einzuschränken, also im kleinsten Kreis zu feiern. Sie feierten normalerweise jedes Jahr mit Tanten, Onkel, Großmutter, "das machen wir dieses Jahr nicht". Ihre persönliche Erwartung an Weihnachten 2020: "Vor allem schlafen und essen, das Jahr war ziemlich anstrengend."

Dass der Handschlag als Begrüßungsritual inzwischen ausgedient hat, stellt für Epidemiologen größtenteils überhaupt kein Problem dar. Ohnehin würden viele ihrer Kolleginnen und Kollegen auch in normalen Wintern keine Hände schütteln, sagt Eva Grill, wegen des generellen Infektionsrisikos. "Das hat sich jetzt so etabliert. Ich weiß nicht, ob sich das wieder einbürgern wird, dass man sich wieder die Hände schüttelt." Unter allen antwortenden Expertinnen und Experten würden derzeit nur sieben Prozent sich zur Begrüßung die Hand schütteln, in der Pandemie sei das "ein absolutes No-Go", so der Hamburger Mediziner Tobias Abt; elf Prozent wollen es sogar nie wieder tun. Kurze Umarmungen im engsten Familien- und Freundeskreis, wenn alle symptomfrei sind und eventuell mit Maske, trauen sich fast ein Viertel der Befragten auch in diesem Winter.

Die New York Times hat eine ähnliche Umfrage bereits mehrmals gemacht, zuletzt befragte sie rund 700 US-amerikanische Epidemiologinnen und Epidemiologen zu ihrem Verhalten in den vergangenen 30 Tagen, sie befragte sie vor Thanksgiving und bereits einmal im Sommer, zwischen erster und zweiter Welle in den USA. Damals machten 511 Fachleute mit, von denen 14 Prozent angaben, dass sie noch Hände schütteln würden.

Ähnlich zurückhaltend wie bei Weihnachten zeigen sich die Wissenschaftler auch beim Thema Skiurlaub. Nur 13 Prozent würden in den nächsten drei Monaten Skifahren gehen, auch wenn das möglich wäre; 22 Prozent in drei bis zwölf Monaten und 49 Prozent erst wieder in mehr als einem Jahr.

Mehr als die Hälfte würde erst in einem Jahr wieder Urlaub außerhalb Europas machen

Große Unterschiede gibt es bei der Wahl der Verkehrsmittel. Mit dem Flugzeug würden in den kommenden drei Monaten nur jeder fünfte fliegen, mit der Bahn hingegen mehr als die Hälfte reisen. Urlaub in Deutschland würden derzeit 41 Prozent machen, im europäischen Ausland aber nur 17 Prozent. Außerhalb Europas würden 64 Prozent der Epidemiologen erst in "mehr als einem Jahr" wieder Urlaub machen.

In der Umfrage von SZ, NDR und WDR hatten die Fachleute die Gelegenheit, online und anonym zu antworten und ihre Antworten mit Kommentaren zu versehen. Manche erlaubten, sie zu zitieren und machten sich in den Antworten mit einem Code identifizierbar. Aus den Bemerkungen geht hervor, dass viele Fachleute ihr Verhalten vom persönlichen Sicherheitsgefühl abhängig machen: Hat die Bahn ein gutes Hygienekonzept? Sind die Abstände in Restaurants groß genug? Kann ich den Raum, in dem ich mit einem Freund zu Abend esse, ausreichend lüften? Treffen "im kleinen Kreis" definieren die meisten mit zwei bis allerhöchstens zehn Personen aus nicht mehr als zwei Haushalten, Begegnungen draußen ziehen sie generell solchen in geschlossenen Räumen vor.

Für riskant halten die meisten Fachleute den Besuch von Fitnessstudios oder die Teilnahme an Hallensport. Nur 26 Prozent von ihnen würden das in den kommenden drei Monaten noch tun. "Ich habe meinen Fitnessstudio-Vertrag gekündigt", sagt Eva Grill von der LMU München. "Aber ich würde es sehr begrüßen, wenn die Sportplätze für die Allgemeinheit offen wären und wenn es mehr Plätze im Freien gäbe, an denen man Sport an Geräten machen kann."

Für weniger problematisch halten die meisten derzeit einen Besuch beim Friseur (würden 74 Prozent machen), auch einen Termin beim Arzt, ohne dass es sich um einen Notfall handelt, würden 76 Prozent auch jetzt vereinbaren.

Etwa die Hälfte die Epidemiologen würde derzeit eine Abendeinladung im kleinen Kreis annehmen, knapp die andere Hälfte erst in drei bis zwölf Monaten. Zu denjenigen, die so eine Einladung im Moment nicht annehmen würden, gehört auch Prof. Dr. Hans-Georg Kräusslich, Leiter der Virologie an der Universität Heidelberg. Auch ins Restaurant würde Kräusslich "aktuell und in den nächsten Monaten nicht gehen", sondern erst "ab Frühjahr bei möglicher Außenbewirtschaftung oder bei deutlichem Rückgang der Neuinfektionen".

Die Hälfte würde in drei bis zwölf Monaten wieder zu einer Beerdigung oder einer Hochzeit gehen, ein Drittel würde das auch jetzt schon wieder machen, wobei die Teilnahme an einer Beerdigung größere Zustimmung erfährt. "Hochzeitsfeiern kann man verschieben, Beerdigungen nicht. Besuche bei Beerdigungen halte ich auch für psychologisch wichtiger", kommentierte einer diese Frage.

Die Bereitschaft, sich impfen zu lassen, sobald ein Impfstoff hierzulande zur Verfügung steht, ist sehr hoch: Nur acht von 237 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die auf die Frage "Wann lassen Sie sich impfen?" geantwortet haben, kreuzten "nie" an - 46 Prozent würden sich schon in diesem Winter impfen lassen, weitere 37 Prozent binnen eines Jahres. Britta Büchler, Epidemiologin an der Uni Mainz , ist zuversichtlich, was die Nebenwirkungen angeht: "Eine Zulassung in Deutschland ist mit so vielen Prüfungen verbunden und die Hürden sind so hoch, dass ich mir hier keine Sorgen mache."

Die Antwortmöglichkeit "trifft auf mich nicht zu" wurde aus den Ergebnissen übrigens jeweils herausgerechnet. So schrieb ein Wissenschaftler auf die Frage nach Friseurbesuchen knackig ins Kommentarfeld: "Glatze!"

© SZ
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