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Sars-CoV-2:Delta-Variante breitet sich in Deutschland und Europa aus

Bier und wenig Abstand machen es dem Virus einfach: Die Infektionszahlen stiegen in Großbritannien zuletzt wieder rapide an. Das liegt auch an der Delta-Variante, die deutlich infektiöser ist als andere Mutanten.

(Foto: Alberto Pezzali/AP)

Die europäische Seuchenschutzbehörde warnt vor einer rasanten Verbreitung der neuen Corona-Variante. In Deutschland hat sich ihr Anteil im Vergleich zur Vorwoche etwa verdoppelt, auch die absoluten Delta-Fallzahlen sind gestiegen.

Von Hanno Charisius

Das europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten ECDC warnt vor einer ungezügelten Ausbreitung der sogenannten Delta-Variante von Sars-CoV-2. Diese sei leichter übertragbar als die bisher bekannten Varianten und werde diese verdrängen. Die Behörde rechnet damit, dass Delta bereits Ende August 90 Prozent aller Sars-CoV-2-Infektionen in der Europäischen Union verursachen wird. "Neue Sars-CoV-2-Varianten entstehen fortwährend auf der ganzen Welt", sagt ECDC-Direktorin Andrea Ammon. "Einige davon drohen unsere Bemühungen, das Virus einzudämmen, zunichtezumachen und machen sofortiges Handeln nötig."

Delta kann vermehrt auch Menschen infizieren, die erst eine Schutzimpfung gegen das Coronavirus bekommen haben. Erst nach der zweiten Impfung ist die Schutzwirkung groß genug, um 90 Prozent der Infektionen zu verhindern. Diese Daten gelten für die in der EU zugelassenen Impfstoffe, die in zwei Dosen verabreicht werden. Für weitere Impfstoffe liegen bislang nicht genug Daten vor. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass Delta auch im Sommer weit zirkulieren wird, vor allem unter jüngeren Menschen, die bislang nicht geimpft wurden", sagt Ammon. Dadurch wachse etwa für ältere Menschen oder solche mit Vorerkrankungen, die noch keine Gelegenheit für eine Impfung hatten, die Gefahr für einen gefährlichen Krankheitsverlauf.

In der EU wurden laut ECDC etwa 30 Prozent der über 80-Jährigen und 40 Prozent der über 60-Jährigen noch nicht vollständig geimpft. Zu viele Menschen seien noch voll empfänglich für das Virus, sagt Ammon, "wir müssen sie so schnell wie möglich schützen". Dazu sei es notwendig, die Ausbreitung der Viren mit den bekannten Mitteln zu bremsen - Abstand, Masken, keine größeren Menschenansammlungen und so schnell wie möglich möglichst viele Menschen vollständig impfen.

Auch in Deutschland breitet sich die Delta-Variante aus

Die Delta-Variante, die zunächst in Indien entdeckt wurde, ist zwischen 40 und 60 Prozent ansteckender als die Alpha-Variante, die kurz vor dem Jahreswechsel zuerst in England entdeckt wurde. Weil Alpha ansteckender ist als die bis dahin dominierenden Virus-Varianten, gelang es dieser Mutante, bis ins Frühjahr die anderen Typen zu verdrängen. Nun wird Alpha von Delta überrollt. In Großbritannien ist die Inzidenz zuletzt wieder auf über 100 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner gestiegen. Den weitaus größten Teil der Infektionen verursacht dort aktuell die Delta-Variante. Im April waren erste Fälle dieser Variante in Großbritannien nachgewiesen worden. Anfang Mai machte Delta bereits rund ein Viertel der Fälle aus, Anfang Juni gab es fast nur noch Delta-Fälle. Ein Teil des Anstiegs dürfte aber auch auf die ersten Lockerungen der Anti-Virus-Maßnahmen zurückzuführen sein.

Daten aus England und Schottland legen nahe, dass eine Infektion mit der Delta-Variante häufiger eine Behandlung im Krankenhaus notwendig macht. Ins Krankenhaus eingeliefert werden auch Menschen, die bereits doppelt geimpft wurden, doch nicht genug Abwehrkräfte gegen das Virus entwickeln konnten, weil ihr Immunsystem durch Alter oder Krankheit geschwächt ist. Laboruntersuchungen deuten darauf hin, dass mit Delta infizierte Patienten mehr Viren in ihren Atemwegen produzieren als Infizierte mit der Alpha-Variante. Dies könnte auch zu mehr schweren Krankheitsverläufen führen.

Während die Fallzahlen in Deutschland aktuell fast täglich sinken, ist auch hierzulande die Delta-Variante auf dem Vormarsch. Ihr Anteil an den Infektionen ist in den vergangenen Wochen deutlich gestiegen. Wie das Robert-Koch-Institut (RKI) in seinem wöchentlichen Bericht vom Mittwoch angab, machten sie in einer Zufallsstichprobe in der zweiten Juniwoche (KW 23) etwa 15 Prozent aus, ungefähr eine Verdopplung im Vergleich zur Vorwoche. Aus einzelnen Bundesländern kamen am Dienstag noch alarmierendere Zahlen. In Hessen gebe es Anzeichen, dass Delta bereits für über 20 Prozent der Infektionen verantwortlich ist, sagte Landesgesundheitsminister Kai Klose (Grüne) am Dienstag bei einer Pressekonferenz. Bundesweit dürften laut RKI-Stichprobe auch die absoluten Delta-Fallzahlen in allen Altersgruppen mindestens bis Mitte Juni gestiegen sein, obwohl die Gesamtinfektionen zurückgehen. Für die vergangene Woche rechnet das RKI mit weiteren Nachmeldungen.

Werden die Gegenmaßnahmen fallen gelassen, könnten sich die Krankenhäuser im Herbst wieder füllen

In Bayern hat sich die Zahl der bestätigten Infektionen mit der Delta-Variante im Verlauf einer Woche fast verdoppelt. Bisher seien bayernweit 229 Fälle bestätigt, in der vergangenen Woche seien es noch 132 gewesen, sagte Staatskanzleichef Florian Herrmann (CSU) am Dienstag nach einer Kabinettssitzung in München. In einzelnen Laboren betrage der Anteil inzwischen fast ein Viertel.

Auch in Baden-Württemberg breitet sich die Variante aus, während die Zahl der Ansteckungen insgesamt zurückgeht. Der Anstieg bleibt allerdings auf geringem Niveau, wie aus den jüngsten Zahlen des Landesgesundheitsamtes (LGA) vom Dienstag hervorgeht.

Lege man die aktuelle Ausbreitungsdynamik der Delta-Variante zugrunde, dürften Anfang August europaweit 70 Prozent der Neuinfektionen auf ihr Konto gehen, schätzen die Expertinnen und Experten der ECDC. Nur vier Wochen später könnten es bereits 90 Prozent sein. In einem Rechenbeispiel, in dem bis zum 1. September die Hälfte aller Gegenmaßnahmen fallen gelassen werden, erwartet die Behörde einen erneuten Anstieg der Inzidenz in allen Altersgruppen, aber vor allem bei den unter 50-Jährigen. Laut den Modellrechnungen der ECDC könnten sich dann auch die Krankenhäuser wieder füllen und die Zahl der Toten steigen - auf ein Niveau wie im vergangenen Herbst.

Mit Material von dpa

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