Covid-19:Bessere Überlebenschancen für Covid-Intensivpatienten

Lesezeit: 3 min

Zahl der Covid-Patienten auf Intensivstationen steigt

Ein Intensivpfleger in Schutzausrüstung auf der Intensivstation des Krankenhauses Bethel in Berlin.

(Foto: Kay Nietfeld/dpa)

Die Intensivstationen füllen sich wieder mit neuen Corona-Infizierten, vor allem Männer sind von schweren Verläufen betroffen. Die Sterblichkeit ist im Vergleich zum Beginn der Pandemie gesunken. Doch die dritte Welle könnte das wieder ändern.

Von Christina Berndt

Selbst in der Corona-Zeit gibt es manchmal gute Nachrichten von den Intensivstationen. Es sind die schönen Einzelfälle, die Ärzte und Pflegende dort immer wieder feiern können: Bei all dem Leid, das es auf den Intensivstationen tagtäglich gibt, gibt es auch jeden Tag Covid-Kranke, die nach wochenlangem Ringen mit dem Tod doch noch zurück ins Leben kehren und auf die Normalstation verlegt werden können. In den Statistiken sind diese Fälle zuletzt relativ häufiger geworden. Gerade melden Deutschlands Universitätsklinika, dass die Sterblichkeit ihrer Covid-19-Intensivpatienten nach der ersten Welle deutlich gesunken ist. Während zu Beginn der Pandemie, zwischen Januar und April 2020, noch 21 Prozent der Intensivpatienten verstarben, waren es zwischen Mai und September 2020 nur noch 13 Prozent. Auch die Zahl der beatmeten Patienten, die ihrer Covid-19-Erkrankung erlagen, sank in dieser Zeit - von 40 auf 34 Prozent.

"Bei allen bedrückenden Entwicklungen und der großen Belastung für das Personal ist das immerhin ein positives Signal", sagt Jürgen Schüttler, der Direktor der Anästhesiologischen Klinik am Universitätsklinikum Erlangen und Erstautor der Datenauswertung, für die sich 14 Universitätsklinika zusammengeschlossen und Daten ihrer mehr als 1300 Patienten aus dieser Zeit ausgewertet haben. "Es gelingt uns, die Krankheit besser zu bewältigen und mehr Menschen das Leben zu retten."

Der Grund dafür ist aus Schüttlers Sicht vor allem der Erfahrungsgewinn. "Man hat Stück um Stück dazugelernt, was die beste Therapie ist", sagt der Anästhesist. So werde das anfänglich genutzte Medikament Hydroxychloroquin nicht mehr eingesetzt, dafür wisse man mittlerweile um den Wert von Gerinnungs- und Entzündungshemmern. "Die gewachsene Erfahrung ist ein wesentlicher Grund für die gestiegenen Überlebenschancen", bestätigt auch der Infektiologe Clemens Wendtner, dessen Team an der München Klinik Schwabing fast 2500 Covid-Patienten behandelt hat.

Seit dem Ende der Auswertung hat die Sterblichkeit der schwer betroffenen Patienten Schüttler zufolge nicht wieder zugenommen - auch jetzt nicht, da sich die Mutante B.1.1.7 ausbreitet, die britischen Daten zufolge mit einer erhöhten Letalität einhergeht. "Unsere Zahlen belegen diese Erfahrungen aus Großbritannien noch nicht", so Schüttler. "Was wir aber wohl sehen: Dass die Verschlechterung des Krankheitsverlaufs mit B.1.1.7 eine größere Dynamik hat als mit der alten Virusvariante." Die Infizierten kommen schneller auf die Intensivstation.

Noch etwas hat sich seit dem Sommer 2020 verändert: Die Covid-Intensivpatienten sind mittlerweile jünger, der Effekt der Schutzimpfungen macht sich bemerkbar. "Wir sehen weniger über 80-Jährige", sagt Schüttler, "und dafür mehr Patienten zwischen 50 und 70 Jahren." Dies ist auch in Schwabing bei Clemens Wendtner der Fall: "Wir haben gerade eine Patientin Jahrgang 1984 bei uns und einen weiteren Patienten Jahrgang 1977", sagt Wendtner. "Insgesamt sehen wir eine Verschiebung des Durchschnittsalters um 15 bis 20 Jahre nach unten."

Allerdings waren auch im vergangenen Jahr die Patienten auf den Intensivstationen nicht so alt, wie es das durchschnittliche Sterbealter aller Covid-19-Patienten von über 80 Jahren vermuten ließ. Die 1318 Patienten, die zwischen Januar und September 2020 an den 14 Uniklinika behandelt worden waren, waren im Durchschnitt nur 61 Jahre, die beatmeten Patienten 64 Jahre alt.

Auffällig ist der hohe Anteil von Männern. Dass Männer ein besonders hohes Risiko für einen schweren Covid-Verlauf tragen, bestätigen die Daten der Universitätsklinika somit noch einmal: 64 Prozent ihrer Intensivpatienten waren männlich, unter den beatmeten Patienten waren es sogar 75 Prozent. Deutschlandweit infizierten sich dem Robert-Koch-Institut (RKI) zufolge Frauen und Männer etwa gleich häufig mit Sars-CoV-2. Männer erkranken aber "häufiger schwer und sterben doppelt so häufig wie Frauen", erklärt das RKI. Auch das Risiko, Beatmung zu benötigen, sei für Männer doppelt so hoch wie für Frauen.

"Die Gründe dafür sind noch unklar", sagt Bernhard Zwißler, Direktor der Anästhesiologie am Universitätsklinikum München. Womöglich spielen Vorerkrankungen eine Rolle: So leiden Männer häufiger als Frauen an Herzkreislauferkrankungen, die als erheblicher Risikofaktor für einen schweren Covid-19-Verlauf gelten. Zudem wird Frauen insgesamt eine bessere Immunabwehr zugesprochen.

Es gibt aber auch einen möglichen molekularen Mechanismus: Das Sars-CoV-2-Virus befällt menschliche Zellen über ein Molekül namens ACE2 auf der Oberfläche der Zellen. Dieses Molekül kommt bei Männern in einer höheren Konzentration vor, wie Wissenschaftler vom University Medical Center Groningen im vergangenen Mai herausfanden. Soeben hat eine internationale Arbeitsgruppe unter Beteiligung der Charité und des Helmholtz-Zentrums München gezeigt, dass neben Männern auch Raucher und Ältere besonders viele dieser Türöffner für Sars-CoV-2-Viren auf ihren Zellen haben. Alle diese Gruppen trifft Covid-19 besonders hart. Der Zusammenhang erhärte sich zunehmend, sagt Bernhard Zwißler.

Doch unabhängig vom Grund für den Geschlechterunterschied: Demnächst könnten Männer wie Frauen wieder deutlich häufiger auf ein Intensivbett angewiesen sein. "Die Zahl der belegten Intensivbetten geht schon jetzt steil nach oben", sagt Clemens Wendtner. Ein Ende sei nicht abzusehen, denn diese Zahl läuft den seit dem 11. März drastisch steigenden Infektionszahlen etwa drei bis vier Wochen nach. Wenn die Entwicklung so weitergeht, werden sich auch die guten Überlebenszahlen der Intensivpatienten nicht mehr halten lassen, befürchtet Wendtner: "Sollten wir Kapazitätsprobleme bekommen und die Patienten nicht mehr ausreichend versorgen können, dann wird die Sterblichkeit zwangsläufig steigen."

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