bedeckt München 22°
vgwortpixel

Covid-19:Brauchen wir mehr Herdenimmunität?

Coronavirus - Großbritannien

Ein nahezu leerer U-Bahnsteig in London: Auch Großbritannien schränkt mittlerweile das öffentliche Leben ein.

(Foto: Kirsty Wigglesworth/dpa)
  • In Großbritannien und den Niederlanden brachten Regierungsberater eine Strategie ins Spiel, die darauf setzt, dass Menschen schnell Immunität gegen Covid-19 erlangen.
  • Politisch war das nicht durchsetzbar.
  • Wissenschaftler diskutieren den Ansatz kontrovers.

Als der neue Erreger aus der Familie der Coronaviren auf den Menschen übersprang, fand er Bedingungen vor, die für ihn nicht besser hätten sein können. Kein Mensch war in der Lage, sich gegen das Virus zu wehren, es konnte mühelos durch Straßen und über Plätze fegen und auf seinem Weg jeden Beliebigen infizieren. Denn niemand war immun gegen den neuen Erreger.

Doch je mehr Menschen Sars-CoV-2 infiziert, umso stärker ändert sich die Lage. Denn dann - so zumindest hoffen Experten derzeit - haben immer mehr Menschen ihr Immunsystem im Umgang mit dem neuen Erreger trainiert und können ihn effektiv bekämpfen. Damit werden sie wahrscheinlich so schnell nicht wieder erkranken und das Virus auch nicht mehr an andere weitergeben. Sars-Cov-2 würde auf seinem Weg durch die Gesellschaft immer öfter abgefangen und unschädlich gemacht. Irgendwann würde der Erreger nicht mehr genug neue Opfer finden, die er noch infizieren kann.

Schätzungen gehen davon aus, dass dieser Punkt dann erreicht ist, wenn zwischen 50 und 70 Prozent der Menschen immun sind. Die Zahlen beruhen auf der Beobachtung, dass jeder Infizierte das Virus durchschnittlich auf zwei bis drei weitere Menschen überträgt. Sind nun aber mehr als zwei der drei Menschen in seiner Umgebung immun, gerät das Virus in die Sackgasse. Es wäre der Anfang von seinem Ende. Dieses Phänomen wird Herdenimmunität genannt. Es ist zunächst nichts weiter als eine biologische Entwicklung.

Zum politischen Thema wurde es allerdings, weil einige hochrangige Experten andeuteten, man könne diese Entwicklung womöglich forcieren. Patrick Vallance, Englands oberster wissenschaftlicher Regierungsberater, hatte davon gesprochen, dass das Land "etwas Herdenimmunität aufbauen" sollte. In den Niederlanden hatte Jaap van Dissel, oberster Virologe am Reichsinstitut für Volksgesundheit und Umwelt gesagt: "Der Gedanke ist: Wir wollen das Virus kontrolliert unter jenen sich verbreiten lassen, die damit wenig Probleme haben."

"Hoch unethisches Experiment"

Die meisten Beobachter deuteten die Aussagen als Zeichen, dass die Regierungen in erster Linie auf eine Strategie dieser Art setzten: Menschen mit geringem Risiko für schwere Covid-19-Verläufe sollten die Infektion möglichst schnell durchmachen und damit immun werden. Solange sollten die besonders gefährdeten Menschen - Ältere und bereits anderweitig Erkrankte - geschützt werden, in dem man sie von den anderen fernhält. Das würde auch bedeuten, dass weniger drastische Einschränkungen des öffentlichen Lebens nötig wären. Politisch gab es in Großbritannien und den Niederlanden sofort starken Gegenwind; schnell hieß es aus beiden Ländern, dass man die Herdenimmunität nicht als Ziel, sondern eher als willkommenes Nebenprodukt der Seuchenkontrolle betrachtet. Es wurden rasch strengere Maßnahmen beschlossen.

In der Wissenschaft dagegen wurde das Vorhaben kontrovers diskutiert. Mindestens vier öffentliche Briefe erschienen allein in Großbritannien. Unter anderen warnte die britische Gesellschaft für Immunologie, dass noch gar nicht bekannt ist, ob Covid-19 tatsächlich eine längere Immunität hinterlässt. Viel zu viele Fragen über das Zusammenspiel zwischen Sars-CoV-2 und dem Immunsystem seien noch offen. In einem anderen Schreiben kritisierten Hunderte verschiedener Forscher, dass die Idee der Herdenimmunität so viele Erkrankte hervorbringen würde, dass das Gesundheitssystem rasch an seine Grenzen gelangen würde; am Ende müsste man viele vermeidbare Todesopfer beklagen. Auch aus dem Ausland kam harsche Kritik. Stuart Tangye, australischer Immunologe, nannte die Überlegungen "ein hoch unethisches Experiment", das katastrophale Konsequenzen haben könnte.

Auf der anderen Seite konnten einige Wissenschaftler dem Ansatz durchaus etwas abgewinnen. Ihre Hauptsorge ist, dass die frühen, strikten Maßnahmen, die viele Länder jetzt verhängen, die Epidemie nicht verlangsamen, sondern nur um einige Wochen oder Monate verschieben. Irgendwann muss das normale Leben wieder aufgenommen werden. Wenn aber bis dahin keine Immunität in der Bevölkerung erreicht wird, nehme die Epidemie sofort wieder an Fahrt auf, sagt beispielsweise Thomas House, Statistiker der Universität Manchester, der Simulationen zu verschiedenen Covid-Szenarien erstellt hat.

Aktuelles zum Coronavirus - zweimal täglich per Mail oder Push-Nachricht

Alle Meldungen zur aktuellen Lage in Deutschland und weltweit sowie die wichtigsten Nachrichten des Tages - zweimal täglich mit SZ Espresso. Unser Newsletter bringt Sie morgens und abends auf den neuesten Stand. Kostenlose Anmeldung: sz.de/espresso. In unserer Nachrichten-App (hier herunterladen) können Sie den Espresso oder Eilmeldungen auch als Push-Nachricht abonnieren.

Martin Hibberd, Londoner Infektionsspezialist, weist darauf hin, dass in etwa neun Monaten die nächste Grippe-Saison beginnt. Es wäre wünschenswert, wenn bis dahin viele Menschen eine Immunität gegen Covid-19 hätten. Doch wie genau die richtige Balance aussehen könnte, mit der einerseits Menschen die Krankheit rasch durchstehen, gleichzeitig aber das Gesundheitssystem nicht überlastet wird, ist nicht sicher zu bestimmen.

Sicher ist, dass eine echte Herdenimmunität in Sichtweite ist, sobald ein wirksamer Impfstoff zur Verfügung steht. Wenn ausreichend Menschen damit geschützt werden, ebbt die Pandemie ab. Nur dürfte bis dahin aber noch mindestens ein Jahr vergehen.

© SZ.de/cvei
Medizin Die wichtigsten Fachbegriffe zu Covid-19

Coronavirus

Die wichtigsten Fachbegriffe zu Covid-19

Letalität? Primärfall? Latenzzeit? Was die wissenschaftlichen Ausdrücke der Epidemiologen bedeuten.   Von Berit Uhlmann

Zur SZ-Startseite