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Coronavirus:Auswärtiges Amt: Südtirol meiden - Was Reisende und Rückkehrer wissen müssen

Inzwischen zählt das Robert-Koch-Institut auch Südtirol zu den Coronavirus-Risikogebieten. Antworten auf die wichtigsten Fragen.

Das Auswärtige Amt verschärft seine Reisehinweise für Italien. Es rät nun von nicht erforderlichen Reisen auch in die Provinz Südtirol sowie die Regionen Emilia-Romagna und Lombardei ab. Zuvor galt dies nur für die lombardische Provinz Lodi sowie die Stadt Vo' in Venetien. Das Robert-Koch-Institut (RKI) hatte am Donnerstagabend auch die Provinz Bozen/Südtirol in Italien zum Coronavirus-Risikogebiet erklärt. Ein entsprechender Vermerk findet sich auf der Webseite.

Südtirol ist bei deutschen Urlaubern ein beliebtes Wander- und Wintersportziel. Die Entscheidung des RKI sorgt dort für Unverständnis. Der Präsident des Südtiroler Hotelier- und Gastwirteverbands, Manfred Pinzger, sprach von einem "Dolchstoß" für den Tourismus. Die Südtiroler Hotellerie wird seit Wochen von einer heftigen Stornierungswelle infolge von Covid-19 getroffen.

In Südtirol selbst gibt es bislang zwei bestätigte Coronavirus-Fälle. Die von der Regierung in Rom zuletzt angeordneten Quarantäne- und Hygienemaßnahmen wurden auch von der Bozener Landesregierung umgesetzt. Kindergärten, Schulen und Universitäten sollen - wie in ganz Italien - bis Mitte des Monats geschlossen bleiben. Nach Angaben des baden-württembergischen Sozialministeriums sind in dem Bundesland allerdings 39 Personen erkrankt, die sich zuvor in der autonomen Provinz aufgehalten hatten. Die Landesregierung in Stuttgart rief am Donnerstag alle Reiserückkehrer aus Südtirol auf, vorläufig zu Hause zu bleiben. Dies gelte für jeden, der sich innerhalb der vergangenen 14 Tage in Südtirol aufgehalten habe.

Mit einem eigenen Buskonvoi mit deutschen Ärzten und Rettungsassistenten ließ die Stadt Osnabrück 55 Kinder aus einer Skifreizeit zurück nach Norddeutschland bringen. An einigen deutschen Schulen, zum Beispiel in München, wurden Kinder, die die Faschingsferien in Südtirol verbracht haben, mittlerweile vom Unterricht ausgeschlossen. In Hoya (Niedersachsen) müssen 23 Zwölftklässler und drei Lehrer nach einer Skifreizeit in Südtirol zwei Wochen lang in häusliche Quarantäne.

Was ist unter dem Begriff "Risikogebiet" zu verstehen?

Laut Erklärung des Robert-Koch-Instituts in Berlin (RKI) sind das Gebiete, in denen eine fortgesetzte Übertragung von Mensch zu Mensch vermutet werden kann. Das RKI benutzt verschiedene Indikatoren, um ein Risikogebiet zu identifizieren. Dazu zählen die Erkrankungshäufigkeit, die Entwicklung der täglich gemeldeten Fallzahlen, Maßnahmen, die in der Region ergriffen werden wie zum Beispiel die Quarantäne ganzer Städte oder Gebiete. Auch exportierte Fälle gehen in die Bewertung ein. "Die Situation wird jeden Tag neu bewertet, bei Bedarf werden die Risikogebiete angepasst", schreibt das RKI.

Welche Regionen sind aktuell als Risikogebiete geführt?

Auf der Webseite des RKI sind die Coronavirus-Risikogebiete stets aktuell gelistet. Momentan gehören dazu:

  • in China: Provinz Hubei und die Stadt Wuhan
  • in Iran: Provinz Ghom, Teheran
  • in Südkorea: Provinz Gyeongsangbuk-do (Nord-Gyeongsang)
  • in Italien: Provinz Bozen/Südtirol, Region Emilia-Romagna, Region Lombardei und die Stadt Vo' in der Provinz Padua in der Region Venetien.

Warum wurde Südtirol jetzt als Risikogebiet eingestuft?

Laut RKI wurden aus den Bundesländern vermehrt Erkrankungen von Personen übermittelt, die vorher in der Region Südtirol/Bozen waren - aktuell mindestens 34 Fälle, die zuvor in Südtirol waren, von insgesamt 106 Fällen mit Reisenanamnese Italien.

Was müssen Rückkehrer aus Risikogebieten beachten?

War jemand in einem Risikogebiet unterwegs, sollte er oder sie sich zunächst selbst beobachten. Spürt man in den kommenden zwei Wochen Symptome wie Husten, Schnupfen oder Fieber, sollte man Kontakt zu anderen Menschen meiden, auf Hygiene beim Niesen und Husten achten und den Arzt oder das Gesundheitsamt anrufen, um weitere Schritte und einen möglichen Test zu besprechen. Nur nach telefonischer Voranmeldung (dabei Hinweis auf die Reise geben!) sollten Betroffene zum Arzt gehen.

Auch Rückkehrer aus einem Risikogebiet, die (noch) keine Symptome spüren, sollten enge Kontakte zu anderen Menschen vermeiden, um diese zu schützen.

In Baden-Württemberg hat die Landesregierung Reiserückkehrer aus Südtirol aufgerufen, wegen des neuartigen Coronavirus generell vorläufig zu Hause zu bleiben. Dies gelte für jeden, der sich innerhalb der vergangenen 14 Tage in Südtirol aufgehalten habe, teilte das Sozialministerium am Freitag in Stuttgart mit.

Auch das bayerische Kultusministerium fordert derzeit Schüler, die aus solchen Gebieten zurückkehren, generell dazu auf, dem Unterricht zunächst fernzubleiben. "Schülerinnen und Schülern, die innerhalb der letzten 14 Tage in einem Risikogebiet waren, wird angeraten, unabhängig von Symptomen unnötige Kontakte zu vermeiden und, sofern das möglich ist, zu Hause zu bleiben." Die Regelungen seien "selbstredend auf neue Risikogebiete anzuwenden". Das bayerische Gesundheitsministerium empfahl am Freitagnachmittag explizit: Alle Kinder, die sich in den vergangenen zwei Wochen in Südtirol aufgehalten haben, sollten nächste Woche zu Hause bleiben.

Was bedeutet die Einstufung für bevorstehende Reisen?

Die veränderte Einschätzung der Lage in Südtirol betrifft viele Deutsche, die dort soeben ihren Urlaub verbracht haben oder dies in nächster Zeit vorhaben. Im vergangenen Winterhalbjahr 2018/19 zählte das Landesinstitut für Statistik in Bozen 5,2 Millionen Übernachtungen deutscher Gäste.

Eine amtliche Reisewarnung des Auswärtigen Amts liegt für Südtirol weiterhin nicht vor, auch wenn dieses nun von nicht erforderlichen Reisen abrät (die aktuellen verschärften Reisehinweise für Italien finden sich hier). Allerdings, so der Reiserechtsexperte Paul Degott, sei "das Robert-Koch-Institut quasi das Auswärtige Amt für Epidemien". Für Menschen, die eine Pauschalreise in ein betroffenes Gebiet stornieren möchten und dabei nach deutschem Recht "erhebliche Beeinträchtigungen" am Zielort nachweisen müssten, sei die Einstufung des RKI demnach ein "sehr starkes Indiz, in einem solchen Fall vergleichbar mit einer Reisewarnung".

Auch wenn sich das Auswärtige Amt nun den Einschätzungen des RKI angeschlossen hat, bedeute das jedoch noch kein automatisches Recht auf kostenlose Stornierung. Bei der Abwägung, ob man als Pauschalreisender eine solche einfordern könne, müsse man auch jetzt noch die konkret geplanten Reiseaktivitäten berücksichtigen - zum Beispiel den Unterschied zwischen einer Bergwanderung in einem einsamen Gebiet oder einem Skiurlaub in einem belebten Wintersportort. Wer wiederum auf eigene Faust mit Auto, Bus oder Bahn in eine selbstgebuchte Unterkunft reisen wollte und dies nun nicht mehr tun will, muss laut Degott darauf hoffen, dass die örtlichen Vertragspartner wie etwa Vermieter oder Skiliftbetreiber Kulanz zeigen oder nach italienischem Recht dazu verpflichtet sind.

Für den Südtiroler Tourismus kommt die Einstufung des RKI zu einer denkbar ungünstigen Zeit, während der noch laufenden Skisaison und wenige Wochen vor Ostern. Das dortige Nachrichtenportal Tageszeitung.it (Neue Südtiroler Tageszeitung) bezeichnet die Einstufung "eine Hiobsbotschaft" für Südtirols Touristiker. Die Nachrichtenseite stol.it wiederum nennt die Entscheidung des RKI "schwer zu verstehen" - die Ansteckungsketten etwa bei deutschen Urlaubsrückkehrern seien unklar.

© SZ.de/hach/ihe/aner
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