Medizin:Wie gefährlich sind Röntgen-Untersuchungen für Kinder?

Medizin: Ärzte sollten CT-Untersuchungen nur zurückhaltend anordnen - besonders, wenn die Patienten Kinder sind.

Ärzte sollten CT-Untersuchungen nur zurückhaltend anordnen - besonders, wenn die Patienten Kinder sind.

(Foto: Paul VanPeenen/imago images)

Eine Computertomografie ist oft unverzichtbar, doch sie erhöht das Leukämie-Risiko. Was Fachleute raten.

Von Hanno Charisius

Wenn der Körper krank ist, bleibt manchmal nur der Computertomograf (CT), um die Ursache zu finden: Dann wird der Körper mit Röntgenstrahlen durchleuchtet. Der Nutzen des Verfahrens in der Diagnostik ist unumstritten. Klar ist aber auch, dass zu große Strahlenmengen das Risiko erhöhen, an Krebs zu erkranken. Auch aus diesem Grund wird eine CT-Untersuchung von Ärztinnen und Ärzten nicht leichtfertig angeordnet.

Nun bemisst eine groß angelegte internationale Studie erstmals, wie groß das Risiko für Kinder ausfällt, infolge einer CT-Untersuchung an Blutkrebs zu erkranken. Wie das EPI-CT Konsortium im Fachjournal Nature Medicine schreibt, wurden Daten von fast 900 000 Personen in die Untersuchung einbezogen, die vor ihrem 22. Geburtstag mindestens eine CT-Untersuchung hatten. 790 von ihnen entwickelten Blutkrebs. Die Ergebnisse zeigen laut den Forschern "einen klaren Zusammenhang" zwischen der Strahlendosis auf das Knochenmark und dem Risiko, eine Form von Blutkrebs zu entwickeln.

Eine Dosis von 100 Milligray erhöhte das Risiko, an Blutkrebs zu erkranken, um den Faktor 3. Die Einheit Milligray (mGy) gibt an, wie viel Energie das Körpergewebe aufnimmt, während es einer Strahlenquelle ausgesetzt ist. Bei einer heute üblichen Untersuchung nimmt das Knochenmark eine durchschnittliche Dosis von etwa acht mGy auf; diese erhöht das das Blutkrebsrisiko von Kindern demnach um etwa 16 Prozent. Das bedeutet, dass bei 10 000 Kindern, die sich einer CT-Untersuchung unterziehen, damit zu rechnen ist, dass ein oder zwei von ihnen innerhalb von zwölf Jahren nach einer CT-Untersuchung eine Form von Blutkrebs entwickeln.

Kinder reagieren empfindlicher auf Strahlung als Erwachsene

Das EPI-CT-Projekt wurde von der Krebsagentur IARC der Weltgesundheitsorganisation koordiniert und von der EU finanziert. Epidemiologische Studien haben wiederholt gezeigt, dass Kinder empfindlicher auf Strahlung reagieren als Erwachsene. Zum einen ist das sich entwickelnde Gewebe anfälliger für Strahlenschäden, zum anderen erhöht die noch bevorstehende, lange Lebensspanne von Kindern das Gesamtrisiko, strahlungsbedingt zu erkranken. Die Folgen geringer Strahlungsdosen treten - wenn überhaupt - erst viele Jahre nach der Exposition auf. Auch aus diesem Grund wurden in die EPI-CT-Auswertung nur solche Erkrankungen aufgenommen, die zwei Jahre nach einer CT-Untersuchung auftraten. Im vergangenen Jahr hatte die Gruppe eine Datenanalyse über den Zusammenhang von CT-Untersuchungen und Hirntumoren bei Kindern veröffentlicht. Demnach sei bei einem von 10 000 Kindern, die mindestens einmal per CT untersucht wurden, in den folgenden fünf bis fünfzehn Jahren mit einem Hirntumor zu rechnen.

Forschende, die nicht an der Untersuchung beteiligt waren, loben die neue Studie. Sie leiste einen wertvollen Beitrag zum bestehenden Wissen, sagt Malcolm Sperrin vom Institute of Physics and Engineering in Medicine (IPEM) im englischen York. Das berechnete Risiko ist aber auch nicht höher als zuvor angenommen wurde. Man müsse dieses Risiko im Kontext mit dem diagnostischen Nutzen der bildgebenden Verfahren sehen, sagt Sarah McQuaid vom IPEM. Ein medizinischer Scan könne nur gerechtfertigt werden, wenn der Nutzen die potenziellen Risiken überwiege. Wie die EPI-CT-Gruppe betont auch sie, wie wichtig es sei, die Strahlendosis so gering wie möglich anzusetzen. "Durch kontinuierliche Bemühungen in diesem Bereich können die Risiken noch weiter reduziert werden."

In Deutschland werde insgesamt schon "recht restriktiv" mit CT bei Kindern und Jugendlichen umgegangen", sagt Hajo Zeeb, Leiter der Abteilung Prävention und Evaluation am Leibniz-Institut für Präventionsforschung und Epidemiologie (BIPS) in Bremen. "Insofern bestätigt die vorliegende Studie diese Praxis und kann gegebenenfalls an manchen Praxen oder Kliniken noch mal für zusätzliche Klarheit und zu Anstrengungen führen."

Überrascht ist der Fachmann nicht von den neuen Daten, sie stützten viele frühere Untersuchungen. Auch die neue Studie habe jedoch Schwächen. So wurden nicht in allen untersuchten Teilgruppen weitere Einflussfaktoren auf das Krebsrisiko berücksichtigt. Doch dies sei bei einer internationalen Studie dieser Art normal, die notwendigen Informationen stünden einfach nicht überall zur Verfügung.

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