bedeckt München
vgwortpixel

Behandlungsfehler:Die Geburtshilfe leidet unter den hohen Schadenssummen

Auch der Medizinrechtler Wolfgang Putz lobte, dass Gerichte inzwischen auch die langfristigen Kosten der Pflege anerkennen sowie den Verdienstausfall, den ein Patient durch eine missglückte Behandlung erleidet. Auch hohe Summen seien damit gerechtfertigt: Bei einem Top-Manger, der durch eine Schnarchoperation zum Wachkomapatienten wurde, forderten die Anwälte anfangs neun Millionen Euro, am Ende zahlten die Versicherungen immerhin fünf. Was dem einzelnen Kranken zusteht und hilft, kann damit das System in Nöte bringen.

Die Folgen spüren dann auch wieder die Patienten. Beispiel Geburtshilfe: Niedergelassene Ärzte begleiten Patientinnen immer seltener zur Entbindung. Dieses Belegarztsystem, bei dem die Frau während der Geburt von ihrem vertrauten Gynäkologen betreut wird, "ist kaputt gemacht worden", klagt Anwalt Ratzel. Geburten werden überwiegend von Klinikärzten durchgeführt, die über das Krankenhaus abgesichert sind. Die Kliniken ihrerseits schließen zunehmend kleinere Abteilungen und konzentrieren die Geburtshilfe in großen Einheiten, die mehr Erfahrung und Equipment garantieren sollen. Die Frauen treffen auf das, was sich viele für die erste Begegnung mit dem Kind gerade nicht wünschen: weiter entfernt liegende Krankenhäuser, lange Flure, eine anonyme Atmosphäre und wechselndes Personal. Die Individualität der Geburt gehe verloren, sagt Giesen, zumal auch Hausgeburten immer weniger lukrativ für die Hebammen seien.

Wer versichert die Ärzte und Hebammen noch?

Einig sind sich alle Beteiligten, dass sich die Spirale aus mehr und immer höheren Schadensersatzforderungen und steigenden Versicherungssummen weiter drehen wird. Die Hebammen haben sich nach lautstarkem Protest erkämpft, dass sie von 2012 an einen Ausgleich für die Prämienerhöhungen bekommen. Doch ein weiteres Problem ist ungelöst. Versicherer ziehen sich vom Markt zurück. Für Hebammen gibt es in ganz Deutschland nur noch zwei Anbieter. Für Kliniken sind bundesweit fünf und einige regionale Versicherer auf dem Markt, sagt Christoph Heppekausen von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft und fragt: "Droht uns ein Anbieter-Oligopol oder gar -Monopol?"

Versicherer, die derzeit überhaupt noch neue Kunden aufnehmen, versuchen ihr Risiko zu mindern. So will die Versicherungskammer Bayern (VKB) ihren Kunden dabei helfen, Fehler zu vermeiden, wie der VKB-Arzthaftungsexperte Jürgen Müller berichtet. Sein Haus biete den Kunden an, die Strukturen und Abläufe im Krankenhaus auf mögliche Fehlerquellen hin zu untersuchen.