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Corona-Impfung:Was die Stiko-Empfehlung zu Astra Zeneca bedeutet

Wer schon eine Spritze Astra Zeneca erhalten hat, soll als zweite Dosis einen mRNA-Impfstoff bekommen. Aber wie wirksam ist die Impfung dann? Und was bedeutet das für diejenigen, die schon zweimal Astra bekommen haben? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Von Julia Bergmann und Christina Berndt

Nachdem sich die Delta-Variante des Coronavirus auch in Deutschland rasant ausbreitet, hat die Ständige Impfkommission (Stiko) am Donnerstag ihre Impfempfehlung angepasst. Menschen, die bereits eine erste Spritze mit dem Präparat von Astra Zeneca bekommen haben, wird nun zu einer Zweitimpfung mit einem mRNA-Impfstoff von Biontech oder Moderna geraten - unabhängig vom Alter. Welche Erkenntnisse haben zu der geänderten Empfehlung geführt, und was müssen Betroffene jetzt wissen?

Warum hat die Stiko ihre Empfehlung geändert?

Anlass ist eine lang erwartete Publikation einer britischen Forschergruppe um Matthew Snape von der Universität Oxford. Die Wissenschaftler untersuchten mithilfe von 830 Probanden, welche Abfolge der Impfstoffe von Astra Zeneca und Biontech welche Immunantwort gegen das Coronavirus hervorruft. Diese Ergebnisse hat die Stiko zum Anlass genommen, ihre Empfehlung zu überarbeiten. Denn es hat sich gezeigt, dass die sogenannte heterologe Impfung aus einer Erstimpfung mit Astra Zeneca und der Zweitimpfung mit Biontechs Comirnaty im Vergleich zu einer zweifachen Impfung mit Astra Zeneca zu einer "deutlich überlegenen" Immunantwort führt. Das teilte die Stiko am Donnerstag mit. Da die Vakzine von Biontech und Moderna von ihrem Prinzip her ähnlich sind, wird davon ausgegangen, dass auch Moderna statt Biontech für die zweite Spritze verwendet werden kann.

Welche Regelung galt zuvor?

Wegen sehr seltener, aber schwerwiegender Fälle von Blutgerinnseln im Gehirn (sogenannte Hirnvenenthrombosen) vor allem bei jüngeren Menschen hatte die Stiko am 31. März die Empfehlung ausgesprochen, den Astra-Zeneca-Impfstoff nur noch an über 60-Jährige zu verabreichen. Menschen unter 60 Jahren, die schon eine erste Impfung mit dem Medikament von Astra Zeneca erhalten hatten, hatte die Stiko zu einer zweiten Impfung mit dem Vakzin von Biontech oder Moderna geraten. Nun gilt diese Empfehlung unabhängig vom Alter. Damals wurde die Entscheidung anders als jetzt also nicht mit einer besseren Immunantwort nach der Injektion zweier verschiedener Wirkstoffe begründet. Belastbare Studienergebnisse dazu lagen zu diesem Zeitpunkt noch nicht vor.

Sollten Patienten, die einen Termin für eine Zweitimpfung mit dem Astra-Zeneca-Impfstoff haben, jetzt umplanen?

Die neue Empfehlung könne derzeit schon überall dort umgesetzt werden, wo ausreichend mRNA-Impfstoff zur Verfügung steht, erklärte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bei einer Pressekonferenz am Freitag. Das sei noch nicht in allen Impfzentren und Praxen der Fall und werde wohl noch einige Tage dauern. Impflinge können sich auch weiterhin für eine Zweitimpfung mit dem Astra-Zeneca-Vakzin entscheiden. Auch die zweifache Impfung damit sei wirksam und sicher.

Die neue Empfehlung gelte "vorbehaltlich der Rückmeldungen aus dem noch zu eröffnenden Stellungnahmeverfahren", hieß es. Was bedeutet das?

Wenn die Stiko eine Entscheidung fällt, legt sie diese verschiedenen wissenschaftlichen und medizinischen Fachgesellschaften vor, die mit der Thematik zu tun haben. In diesem Fall sind das zum Beispiel die Deutsche Gesellschaft für Immunologie und die Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin. Diese haben die Möglichkeit, Anmerkungen und Kommentare zu geben. Wenn sie fachliche Einwände geltend machen, berät die Stiko darüber und passt ihre Empfehlung möglicherweise an. Das Stellungnahmeverfahren dauert etwa zwei Tage. Die Veröffentlichung der Empfehlung und der wissenschaftlichen Begründung wird für die kommende Woche erwartet.

Wie unterscheiden sich die Impfstoffe von Astra Zeneca, Biontech und Moderna?

Es gibt verschiedene Arten von Covid-19-Impfstoffen. Mit allen Impfstoffen wird das Immunsystem trainiert, um das Coronavirus im Fall einer Infektion schnell erkennen und bekämpfen zu können. Fast alle Vakzine präsentieren dem Körper dazu das Stacheleiweiß (Spike-Protein), welches das Coronavirus wie eine Krone auf seiner Oberfläche trägt. Mithilfe des Spike-Proteins bindet sich das Virus an menschliche Körperzellen und befällt diese. Wenn sich das menschliche Immunsystem gegen dieses Protein richtet, kann es den Befall von Körperzellen durch das Virus unterbinden und das Virus unschädlich machen.

In ihrer Konstruktion aber unterscheiden sich die verschiedenen Impfstoffe erheblich voneinander. Bei dem Vakzin von Astra Zeneca handelt es sich um einen Vektorimpfstoff, der auf einem Virus beruht. Diesem hat man das Gen für das Spike-Protein eingefügt. Die Viren dienen lediglich als Vehikel (Vektoren), um diese wichtige Botschaft in die menschlichen Zellen zu bringen. Die Zellen produzieren dann anhand der im Impfstoff enthaltenen Erbinformation das Eiweiß des Coronavirus und mobilisieren so das Immunsystem.

Die Präparate von Biontech und Moderna gehören zu den mRNA-Impfstoffen. Bei diesem Ansatz wird dem Menschen kein inaktiviertes Virus gespritzt, um das Immunsystem anzuregen, sondern ein Stück mRNA, das die Bauanleitung für das Spike-Protein des Coronavirus enthält.

Warum ist eine Kombination aus beiden Wirkstoffen offenbar wirksamer als zwei Impfungen mit dem Vektorimpfstoff von Astra Zeneca?

Die beiden Impfstoffe lösen etwas anders geartete Immunantworten aus. Der Biontech-Impfstoff führt zu einer etwas stärkeren Bildung von Antikörpern als das Astra-Zeneca-Vakzin. Dafür führt Letzteres zur Bildung von mehr T-Zellen. Beide Immunantworten sind wichtig für die Bekämpfung des Coronavirus. Eine Kombination führt daher zu einer "besonders starken Immunantwort", wie Christine Falk sagt, die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Immunologie. Allerdings ist die Reihenfolge nicht gleichgültig. Zuerst Biontech und dann Astra hat in der Studie aus Oxford nicht so gute Ergebnisse erzielt. Die T-Zell-Hilfe müsse zuerst kommen, sagt Falk.

Ist der Schutz nach zweimaliger Impfung mit Astra Zeneca überhaupt groß genug?

Ja. In der Regel muss man sich keine Sorgen machen, wenn man diese Impfung bereits erhalten hat. "Die Stiko empfiehlt die Kreuzimpfung jetzt, weil sie besser ist als die Impfung nur mit Astra", sagt der Immunologie-Professor Carsten Watzl von der TU Dortmund. "Das heißt nicht, dass die doppelte Impfung mit Astra schlecht ist." Daten aus Großbritannien, wo vornehmlich Astra Zeneca verimpft wird, zeigen, dass der Schutz durch diesen Impfstoff vor schweren Verläufen und Tod weiterhin exzellent ist - auch gegen die hochansteckende Delta-Variante. Für Menschen mit besonders schwachem Immunsystem wie Hochbetagte, Organtransplantierte oder Krebskranke könnte allerdings eine dritte Impfung mit einem mRNA-Impfstoff sinnvoll sein, sagt die Immunologin Christine Falk. Ob man gut genug auf die Impfung reagiert hat, könne mithilfe eines speziellen Antikörpertests beim Hausarzt überprüft werden, sagt Falk.

Ist der Impfstoff von Astra Zeneca damit wertlos?

Nein, das ist er nicht. Der Impfstoff könnte als Erstimpfung in einer Kombination mit Biontech oder Moderna sogar einen besonders hohen Stellenwert erlangen. Denn die Kombination ist zur doppelten Impfung mit Biontech mindestens gleichwertig, wenn nicht sogar etwas überlegen. "Die Reihenfolge Astra und dann Biontech ist eine richtig gute Strategie", sagt Christine Falk, "mindestens so gut wie zweimal Biontech." Zu bedenken ist zudem, dass in der Studie aus Oxford der Impfabstand für alle Kombinationen jeweils nur vier Wochen betrug. Die zweifache Impfung mit Astra Zeneca entfaltet ihr höchstes Potenzial aber mit einem Abstand von neun bis zwölf Wochen. Hätte man diesen Abstand untersucht, wäre die zweifache Astra-Zeneca-Impfung besser ausgefallen. In Anbetracht der Ausbreitung der Delta-Variante, gegen die die erste Impfung anders als gegen frühere Varianten keinen guten Schutz bietet, ist eine besonders schnelle doppelte Impfung allerdings wichtig, auch das hat die Stiko zu ihrer veränderten Empfehlung bewogen.

Wie verträglich ist die Kombi-Impfung?

Mehreren Studien zufolge gilt die Kombi-Impfung als gut verträglich. Laut der Zwischenauswertung einer Studie um den Immunologen Leif Erik Sander von der Berliner Charité fielen die Impfreaktionen in zwei Gruppen vergleichbar aus, von denen eine Gruppe zweimal den Biontech-Impfstoff erhalten hatte und die andere zuerst Astra Zeneca und dann Biontech. Sehr viele Probanden, egal welcher Gruppe sie angehörten, berichteten von milden bis moderaten lokalen Impfreaktionen wie Schmerzen im Arm oder grippeähnlichen Symptomen. In einer früheren Studie des Teams aus Oxford führte die Kombinationsimpfung allerdings etwas häufiger zu grippeähnlichen Symptomen - wahrscheinlich, weil hier der Abstand bei vier Wochen lag, sagt Carsten Watzl. "Schwerere Nebenwirkungen sind für die Kombination hingegen nicht bekannt", so der Immunologe. Hier seien auch keine unangenehmen Überraschungen zu erwarten, denn es handele sich ja nicht um eine gleichzeitige Kombination von zwei Medikamenten. "Wenn man nach vier Wochen mit dem zweiten Impfstoff kommt, ist der erste längst abgebaut. Es ist daher nicht zu erwarten, dass das zu neuen Nebenwirkungen führt, die wir noch nicht kennen."

Welche zeitlichen Abstände sollen zwischen Erst- und Zweitimpfung eingehalten werden?

Die Stiko empfiehlt für Menschen, die mit zwei verschiedenen Impfstoffen immunisiert werden, einen zeitlichen Abstand von mindestens vier Wochen. Die Kombi-Impfung bietet laut Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) bereits nach vier Wochen einen sehr guten Impfschutz mit hoher Wirksamkeit. Dadurch könne das sehr lange Intervall von teils bis zu zwölf Wochen, das bisher galt, verkürzt werden. Im homologen Impfschema, wenn also bei Erst- und Zweitimpfung der gleiche Wirkstoff gespritzt wird, gelten andere Empfehlungen. Drei bis sechs Wochen sollten beim Impfstoff von Biontech zwischen der ersten und zweiten Spritze liegen, vier bis sechs Wochen bei Moderna und neun bis zwölf Wochen bei Astra Zeneca, falls noch jemand zweifach damit geimpft wird.

© SZ/cvei
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