Alternativmedizin Homöopathie ja, Impfung nein?

Die unmittelbaren Gefahren mögen gering sein. "Der Schaden durch Alternativmedizin in der Schwangerschaft und danach ist eher indirekt", sagt Ernst. Die Frauen hielten die Mittel für wirksam und sicher, weil sie das ja schließlich in einem Krankenhaus bekommen haben.

Gefährlich werde der Hang vieler Hebammen zur Alternativmedizin dann in der Impfphase des Kindes, kritisiert Ernst. 2008 untersuchten Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts (RKI) die Einstellungen deutscher Hebammen zu Impfungen. Relevant ist das, weil 368 von 549 befragten Hebammen (66 Prozent) angaben, dass sie die Eltern zum Thema Impfen informieren.

Hebammen, die in den zwei Jahren vor der Befragung durch RKI-Mitarbeiter eine Fortbildung zur Alternativmedizin besucht hatten, befürworteten seltener Impfungen für Kinder. Knapp 20 Prozent gaben an, dass homöopathische Behandlungen Impfungen überflüssig machen könnten. Etwa die Hälfte stimmte der Aussage zu, wonach Kinderkrankheiten wie Masern für die Entwicklung eines Kindes wichtig seien. Ein Viertel der Hebammen lehnte eine Impfung gegen Masern ab. "Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass die Schwere der Masern - insbesondere das Risiko von Spätfolgen bei Maserninfektionen im Säuglingsalter - von Hebammen unterschätzt wird", schreiben die RKI-Mitarbeiter.

Hebammen müssten besser darüber informiert werden, welche Probleme und Komplikationen mit komplementären Therapien einhergehen können, fordert Karsten Münstedt vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Gemeinsam mit Kollegen untersuchte er den Gebrauch alternativer Medizin in Geburtskliniken in Nordrhein-Westfalen. Auch er kommt zu dem Schluss: Meistens werden die Therapien von Hebammen angeboten und fast immer gibt es keine Belege für die Wirksamkeit.

Es handele sich um traditionelles Wissen, das durch Erfahrung ausreichend überprüft worden sei, lautet das Gegenargument des stolzen und vielleicht auch etwas störrischen Berufsstandes der Hebammen. "Auf evidenzbasierte Medizin lasse ich mich nicht ein", sagt etwa Stadelmann, "wir Hebammen kommen aus der Erfahrungsmedizin und was seit Jahrzehnten erfolgreich ist, kann nicht falsch sein."