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Alternativmedizin:Globulisierung des Kreißsaals

Kaiserschnitte verteilen sich regional sehr unterschiedlich.

Die Geburt eines Kindes ist mit vielen Ängsten besetzt. Um ja keine Fehler zu machen, greifen viele Schwangere zu Mitteln, die als sanft, natürlich und deshalb sicher gelten. Doch am Nutzen alternativer Heilverfahren bestehen Zweifel.

(Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa)

Viele Hebammen suggerieren, ohne Homöopathie, Aromatherapie, Akupunktur oder andere sogenannte alternative Behandlungen könne kein Kind zur Welt kommen. Schwangere lassen sich häufig darauf ein, weil diese Mittel als natürlich und dadurch automatisch als sicher gelten. Aber stimmt das überhaupt?

In der 34. Schwangerschaftswoche nimmt der Wahnsinn Schwung auf. Von dieser Zeit an sollte die Frau täglich drei bis vier Tassen Himbeerblättertee trinken, einen Esslöffel geschrotete Leinsamen essen und den Damm regelmäßig mit einer Mischung aus Johanniskraut- und Weizenkeimöl unter Zugabe von Muskatellersalbei- und Rosenöl massieren.

Akupunkturtermine zur Geburtsvorbereitung könnten nicht schaden, und wer sichergehen will, gönnt sich Heublumendampfsitzbäder und nimmt regelmäßig das Homöopathikum Caulophyllum ein. Bei Stimmungsschwankungen sollen Pulsatilla-Globuli helfen, die eigene Mitte wieder zu finden.

Auch das ungeborene Kind kommt nicht ohne Therapie davon. Wenn es sich in der Steißlage befindet, dann werden Räucherstäbchen zwischen den Zehen der Mutter abgebrannt. Moxibustion nennt sich das und soll helfen, den Embryo zu drehen, weil über den Blasen-Nieren-Meridian ein positiver Einfluss auf die Uterusmuskulatur ausgeübt werde. Wenn schließlich dem künftigen Vater flau wird, während sich seine Frau im Schein einer Rosenquarzlampe im Wehenschmerz krümmt, dann stehen in Deutschlands Kreißsälen oft Bach-Blüten-Notfall-Tropfen bereit.

Willkommen in der Welt werdender Eltern; willkommen in der Welt der Alternativmedizin. Sehr oft treten Globuli und andere umstrittene Therapieformen mit dem Kontakt zu einer Hebamme in das Leben werdender Eltern - oder in Form des Dauerbestsellers "Die Hebammen-Sprechstunde" von der freiberuflichen Hebamme Ingeborg Stadelmann, in dem viele der oben erwähnten Behandlungen empfohlen werden.

"Hebammen sind Multiplikatoren der Alternativmedizin, sie betreiben zum Teil die schlimmste Quacksalberei mit ihren Patienten", schimpft Edzard Ernst, Professor für Komplementärmedizin an der britischen Universität Exeter. Wer zuvor ein Leben ohne homöopathische Globuli, ohne Aromaöle und ohne andere umstrittene Therapiekonzepte gelebt hat, wird mit Beginn einer Schwangerschaft und nach der Geburt von derlei Ideen belagert.

Natürlich ist die Begleitung durch eine Hebamme sehr wertvoll für junge Eltern und natürlich drängt nicht jede Geburtshelferin Frauen ihre Therapiekonzepte auf. Bestätigen die vorliegenden Daten den streitbaren Professor Ernst also überhaupt?

Es sieht so aus - die Komplementär- und Alternativmedizin ist unter Hebammen tatsächlich besonders beliebt. Es werden Kräutertees und -öle empfohlen, obwohl teils weder Wirksamkeit noch Sicherheit bewiesen sind; es werden Mittelchen und Therapien für Zipperlein gegeben, die nicht behandlungswürdig sind. So wird eine Pathologisierung der Schwangerschaft unter den Schlagworten sanft, natürlich und ganzheitlich betrieben - und gleichzeitig die konventionelle Medizin verteufelt.

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Studien belegen den Eindruck

Für eine Übersichtsarbeit im Fachmagazin Women and Birth (online) werteten Wissenschaftler um Helen Hall von der Pflege- und Hebammenschule der australischen Monash University kürzlich Studien aus den USA, Großbritannien, Deutschland und weiteren Ländern aus.

"Die Ergebnisse zeigen, dass komplementäre und alternative Medizin unter Hebammen weit verbreitet ist", schreibt Hall. Je nach ausgewerteter Studie wendeten 65 bis 100 Prozent der befragten Hebammen alternative Therapien an. Bis zu 96 Prozent verwiesen Frauen zudem an andere Anbieter alternativer Therapien. Eine Schwangerschaft scheint weltweit der Einstieg in die Alternativmedizin zu sein - und Hebammen geben häufig die Starthilfe.

Für Deutschland haben die Mediziner André Beer und Thomas Ostermann Zahlen vorgelegt. Sie schrieben vor einigen Jahren mehr als 1000 Geburtskliniken an und baten sie, Fragebögen zu dem Themenkomplex auszufüllen. 481 Einrichtungen antworteten.

94,1 Prozent dieser Kliniken bieten Schwangeren demnach Akupunktur zur Geburtsvorbereitung an, 83 Prozent verabreichen ihren Patientinnen homöopathische Globuli. "Homöopathische Arzneimittel werden in der Schwangerschaft, zur Geburtsvorbereitung, unter der Geburt und im Wochenbett, vornehmlich durch Hebammen, vermehrt eingesetzt", schreibt Beer, Chefarzt der Abteilung für Naturheilkunde der Klinik Blankenstein.

In Deutschland und den meisten anderen westlichen Ländern wird alternative Medizin ohnehin vor allem von Frauen angewendet. Während einer Schwangerschaft steigt die Attraktivität solcher Therapien enorm.

Viele wollen in dieser Zeit aus Angst vor Nebenwirkungen und Beeinträchtigung des Kindes keine Medikamente einnehmen und wenden sich stattdessen den Mitteln zu, die als natürlich und dadurch automatisch als sicher gelten - manchmal zu Unrecht. Laut Umfragen nehmen 70 Prozent der Frauen während der Schwangerschaft Globuli und Co. in Anspruch.

"Frauen fühlen sich von einer Hebamme besser betreut, wenn die etwas macht oder ihnen etwas gibt. Das ist bei einem Arzt nicht anders", sagt Regine Knobloch, beratende Hebamme beim Deutschen Hebammenverband. In Deutschland spiele auch der Wettbewerb unter Hebammen eine Rolle, sagt Knobloch. Wer in der Begleitung von Schwangeren oder der Wochenbettbetreuung keine Homöopathie, Aromatherapie oder ähnliche Verfahren anbiete, finde womöglich weniger Kundinnen.

Der Einsatz alternativer Therapien sei "kongruent mit der Philosophie von Hebammen", schreibt Helen Hall etwas sperrig. Was das heißt? "Viele sehen sich in der Tradition alter Kräuterfrauen, die Hebammen früher waren", sagt Knobloch. "Gleichzeitig fechten Hebammen seit mindestens dem 18. Jahrhundert einen Macht- und Verteilungskampf mit der Ärzteschaft aus", sagt der Historiker Robert Jütte, der zur Geschichte der Alternativmedizin forscht. Hebammen waren lange Zeit von Ärzten weitgehend entmachtet worden.

In der Alternativmedizin hat der Berufsstand verlorenes Territorium zurückerobert. Hebammen sehen sich teils in der Tradition "weiser Frauen", die einst verfolgt wurden und deren medizinisches Wissen unterdrückt wurde. "Da kann man historische Parallelen zur heutigen Nähe von Hebammen zur Komplementärmedizin ziehen", sagt Jütte. Die meisten dieser Therapien vermarkten sich als unterdrückte Außenseiterverfahren - und wer es wagt, die Konzepte zu kritisieren, gilt schnell als Knecht der Pharmalobby.

"Wir müssen auf die Frauen zugehen"

Wenn so viele Schwangere nach alternativen Therapien fragen und dies die Frauen beruhigt, spricht das vielleicht für deren Einsatz. In Abstufungen wird diese Meinung - wohlgemerkt stets nur für einzelne Therapien - vertreten. Klaus Friese, Direktor der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe sowie der Hebammenschule der Universität München, sagt: "Wir müssen auf die Frauen zugehen. Ich bin Schulmediziner, aber die Akupunktur habe ich an unserem Klinikum mit eingeführt, und wenn die Hebammen das Risiko dabei im Auge haben, kann ich damit leben."

Naturheilkundler Beer übt hingegen Kritik daran, dass viele Therapien so häufig angewendet werden, für die es keine Wirksamkeitsbelege gebe. "Besonders der Einsatz von Akupunktur und Homöopathie erstaunt, weil Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit im Bereich der Gynäkologie und der Geburtshilfe fehlen." Zudem kritisiert Beer, dass Hebammen oft für viele der von ihnen angebotenen Verfahren nur schlecht ausgebildet seien.

Die meisten Hebammen hätten sich ihr Wissen über alternative Therapien privat angeeignet, berichten auch die Forscherinnen um Helen Hall in ihrer Übersichtsarbeit. Durch diese Mittel ließen sich medizinische Interventionen verhindern, schreibt Hall aber auch - eines der zentralen Argumente der Befürworter der Komplementärmedizin. Die sogenannte Schulmedizin betreibe mit Wehenschreibern, Ultraschall und anderen Geräten eine "Pathologisierung der Schwangerschaft", so der Vorwurf. Dem setzen Hebammen das Bild einer natürlichen, sanften und ganzheitlichen Alternativmedizin entgegen.

Kritiker sehen darin einen gravierenden Widerspruch. "Eine Pathologisierung der Geburt kann auch mit alternativen Arzneien stattfinden", sagt Beer. Durch Kügelchen, Kräuter, Nadelungen und andere Eingriffe werde suggeriert, dass etwas behandlungsbedürftig sei. So werden selbst in Universitätskliniken Wehwehchen, die keinen Krankheitswert haben, sondern einfach normale Begleiterscheinungen einer Schwangerschaft sind, mit Kügelchen und Co. behandelt. "Häufig würde einfach ein bestärkendes Gespräch helfen", sagt Hebamme Regine Knobloch.

Die Beweise für die Wirksamkeit vieler in der Geburtshilfe und der Vor- und Nachsorge von Schwangeren angewendeten Verfahren sind mager. Der Naturheilkundler Beer untersuchte schon vor einigen Jahren das Homöopathikum Caulophyllum, eines der am häufigsten angewendeten Globuli in der Schwangerschaft.

Angeblich erleichtert es die Geburt, weil es den Muttermund auflockere und die Wehentätigkeit bei vorzeitigem Blasensprung anrege. Beer überprüfte diese Annahmen in einer doppelt verblindeten Studie, einer Untersuchung also mit hohem methodischen Wert. Die Globuli schnitten dabei nicht besser ab als ein Scheinmedikament, das zum Vergleich gegeben wurde. Immerhin schaden die wirkstofffreien homöopathischen Zuckerkügelchen nicht.

Im Falle von Himbeerblättern lässt sich das nicht so leicht behaupten: Die Wirksamkeit dieser Kräuter ist umstritten und die Sicherheit während einer Schwangerschaft nicht geklärt. Das gelte auch für Mönchspfeffer sowie Nachtkerzen- oder Rizinusöl, die während einer Schwangerschaft ebenfalls gerne empfohlen werden, berichtet Leala Watson von der Universität Exeter.

Homöopathie ja, Impfung nein?

Die unmittelbaren Gefahren mögen gering sein. "Der Schaden durch Alternativmedizin in der Schwangerschaft und danach ist eher indirekt", sagt Ernst. Die Frauen hielten die Mittel für wirksam und sicher, weil sie das ja schließlich in einem Krankenhaus bekommen haben.

Gefährlich werde der Hang vieler Hebammen zur Alternativmedizin dann in der Impfphase des Kindes, kritisiert Ernst. 2008 untersuchten Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts (RKI) die Einstellungen deutscher Hebammen zu Impfungen. Relevant ist das, weil 368 von 549 befragten Hebammen (66 Prozent) angaben, dass sie die Eltern zum Thema Impfen informieren.

Hebammen, die in den zwei Jahren vor der Befragung durch RKI-Mitarbeiter eine Fortbildung zur Alternativmedizin besucht hatten, befürworteten seltener Impfungen für Kinder. Knapp 20 Prozent gaben an, dass homöopathische Behandlungen Impfungen überflüssig machen könnten. Etwa die Hälfte stimmte der Aussage zu, wonach Kinderkrankheiten wie Masern für die Entwicklung eines Kindes wichtig seien. Ein Viertel der Hebammen lehnte eine Impfung gegen Masern ab. "Diese Ergebnisse verdeutlichen, dass die Schwere der Masern - insbesondere das Risiko von Spätfolgen bei Maserninfektionen im Säuglingsalter - von Hebammen unterschätzt wird", schreiben die RKI-Mitarbeiter.

Hebammen müssten besser darüber informiert werden, welche Probleme und Komplikationen mit komplementären Therapien einhergehen können, fordert Karsten Münstedt vom Universitätsklinikum Gießen und Marburg. Gemeinsam mit Kollegen untersuchte er den Gebrauch alternativer Medizin in Geburtskliniken in Nordrhein-Westfalen. Auch er kommt zu dem Schluss: Meistens werden die Therapien von Hebammen angeboten und fast immer gibt es keine Belege für die Wirksamkeit.

Es handele sich um traditionelles Wissen, das durch Erfahrung ausreichend überprüft worden sei, lautet das Gegenargument des stolzen und vielleicht auch etwas störrischen Berufsstandes der Hebammen. "Auf evidenzbasierte Medizin lasse ich mich nicht ein", sagt etwa Stadelmann, "wir Hebammen kommen aus der Erfahrungsmedizin und was seit Jahrzehnten erfolgreich ist, kann nicht falsch sein."