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Folgen der Karlsruher Entscheidung zum ESM für Kleinanleger:Verkaufen, bauen, Schulden machen?

Ein "Ja" zum ESM-Rettungsschirm würde die Aktienmärkte in Hochstimmung versetzen, ein "Nein" für Schockstarre sorgen. Was müssen Aktionäre jetzt wissen, was sollen Kleinanleger tun?

Hedgefonds, Banken, Versicherungen und private Investoren warten gespannt auf das Verdikt des Bundesverfassungsgerichts zum Rettungsschirm ESM. Je nachdem, wie sich die Richter entscheiden, werden die Märkte reagieren. Eine Übersicht, worauf Anleger sich gefasst machen müssen:

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Der permanente Rettungsschirm ESM wird mit 700 Milliarden Euro ausgestattet und soll die Gemeinschaftswährung retten. Doch wie funktioniert das Hilfsprogramm? Welche Rolle spielt Deutschland dabei? Und was sagen die Kritiker?

Wie werden die Märkte reagieren, wenn das Gericht den ESM durchwinkt?

Sie werden jubeln. Einen Vorgeschmack darauf gab es in der vergangenen Woche. Als die Europäische Zentralbank am vergangenen Donnerstag beschloss, unbegrenzt europäische Staatsanleihen aufzukaufen, reagierten die Börsen rund um den Globus mit einem Kursfeuerwerk. Am Tag nach dem Beschluss kletterte der deutsche Aktienleitindex DAX zwischenzeitlich auf ein neues Jahreshoch von 7248 Punkten. In New York schloss der Dow Jones so hoch wie seit 2007 nicht mehr.

Besonders zugelegt haben die Kurse von Banken, da die Märkte hoffen, dass nun die Kreditvergabe wieder besser läuft. Die Investoren werteten den Schritt der Notenbank als Durchbruch in der Euro-Rettung. Zweifelsohne werden es die Märkte positiv aufnehmen, wenn die Richter die letzten Zweifel an der Euro-Rettung ausräumen. Dann dürfte der Kurs des Euro steigen, auch Staatsanleihen der Südländer werden profitieren. Fraglich ist, ob die Kurse erneut so stark ansteigen werden wie vergangene Woche. Denn derzeit rechnet kaum jemand damit, dass das Gericht den ESM ablehnt. Die positive Entscheidung dürfte also teilweise bereits eingepreist sein.

Brechen die Finanzmärkte zusammen, wenn das Gericht dem ESM die Zustimmung verweigert?

Ein Nein der Richter würde die Börsen in einen Schockzustand versetzen. Die Frage ist nur, wie lange dieser Zustand anhält. Die Experten sind sich uneins: Carsten Brezski, Chefvolkswirt der ING-Diba warnt, dass die Finanzmärkte "vollständig durchdrehen" würden. Viel gelassener sieht Robert Halver die Lage: "Die Märkte können bis drei zählen. Und da die Europäische Zentralbank (EZB) unmissverständlich klargestellt hat, dass sie den Ländern aus der Patsche hilft, brauchen wir rein technisch den ESM nicht mehr. Daher macht es für die Märkte nicht viel Unterschied, wie das Gericht entscheidet", erklärt der Leiter der Kapitalmarktanalyse der Baaderbank.

Klar ist, dass eine negative Entscheidung Unsicherheit verbreiten würde, und nichts hassen Investoren mehr als das. Wer, wenn nicht der ESM würde Spanien beispringen? Und schon würde abermals spekuliert, ob es in einem der südeuropäischen Länder zu einer Umschuldung kommen könnte. Noch ist den Investoren das Negativbeispiel Griechenland in Erinnerung. Als sich das Land im vergangenen Jahr mit Politik und Banken darauf einigte, einen Teil der Schulden nicht zurückzuzahlen, haben viele Investoren Geld verloren. Kein Wunder, dass diese ein solches Szenario fürchten. Und wie immer, wenn Investoren kalte Füße bekommen, ziehen sie schreckhaft ihr Geld an sich. Für die Kurse von Aktien und Anleihen verheißt das nichts Gutes.

Bleiben die Zinsen niedrig?

Ja, und zwar unabhängig davon, ob das Gericht dem ESM zustimmt oder nicht. Denn derzeit läuft die Wirtschaft in Europa sehr träge. Um die Wirtschaft anzukurbeln, hat die EZB den Leitzins auf 0,75 Prozent gesenkt. Manche Experten glauben, dass es sogar noch weiter nach unten gehen könnte: "Die Zinssenkung kommt in einer der nächsten Sitzungen. Die EZB hält ihr Pulver trocken. Sie wird später nachlegen", sagte Postbank-Chefvolkswirt Marco Bargel. Für Sparer sind niedrige Zinsen ärgerlich, denn sie bekommen kaum Rendite auf ihr Geld.

Ist es dann die richtige Strategie, Schulden aufzunehmen?

Ja und nein. Einerseits ist es von Vorteil, jetzt einen Kredit aufzunehmen, weil es derzeit kaum Geld kostet, sich zu verschulden. Je länger sich die Zinsen vertraglich fixieren lassen, umso besser. Denn so gilt der Vorteil auch dann noch, wenn die Zinsen einmal wieder steigen. Andererseits ist riskant, sich bis über beide Ohren zu verschulden. Das Geld muss schließlich irgendwann zurückgezahlt werden.

Droht Inflation, wenn die Richter den Rettungsschirm durchwinken?

Das Risiko besteht, da durch die Maßnahmen der Notenbank immer mehr Geld in Umlauf kommt. Kurzfristig ist jedoch noch keine Inflation in Sicht, weil die Banken das viele Geld horten und nicht verleihen. Es findet schlicht keine Geldschöpfung statt. Aber das kann sich ändern. Sobald die Banken das Geld investieren - etwa in Agrarrohstoffe oder Öl -, kann die Preisspirale nach oben einsetzen.

Wie kann man sich gegen Inflation absichern?

Aktien, Immobilien, Silber und Gold sind in der Regel ein guter Inflationsausgleich. "Auch wenn die Deutschen Investitionen in Staatsanleihen lieben - mit Aktien lassen sich gerade jetzt weitaus bessere Renditen erzielen", rät Baaderbank-Experte Halver. Schwankungen könne man ausgleichen, indem man regelmäßig zukaufe. Halver hält auch den Goldpreis nicht für überbewertet. Bei Immobilien sollte man jedoch genau hinsehen. In einigen deutschen Städten sind die Preise in den vergangenen Monaten im zweistelligen Prozentbereich gestiegen.

Ist die Krise beendet, wenn die Richter dem Rettungsschirm zustimmen?

Die Investoren sind einfach gestrickt. Für sie ist das Signal der Notenbank eindeutig: Die EZB rettet den Euro um jeden Preis. Ob die Politik das Anleihen-Kaufprogramm der Notenbank nun mit dem ESM flankiert oder nicht, wäre insofern zweitrangig.