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Dieter Hildebrandt:"Vom Eintritt in der Lach und Schieß blieb nicht viel übrig"

SZ: Was gab es für einen Theaterwissenschaftler bei einer Bank zu tun?

Dieter Hildebrandt

Dieter Hildebrandt: zehn Mark für die ersten Auftritte.

(Foto: ddp)

Hildebrandt: Ich musste auf Rechenmaschinen den Lastenausgleich für Vertriebene ausrechnen. Meine Familie war ja selbst betroffen und hatte in Schlesien einen Bauernhof mit 100 Morgen verloren. Mein Vater bekam dafür ganze 5000 Mark. Wir Studenten hatten uns geeinigt, täglich höchstens 20 Formulare zu bearbeiten. Das war schnell gemacht. Und so habe ich dort angefangen, heimlich Texte zu schreiben.

SZ: Wann wurden Sie zum ersten Mal für Ihre Kunst bezahlt?

Hildebrandt: Als wir in Schwabing anfingen zu spielen, haben wir einen Hut aufgestellt. Da waren hin und wieder zehn Mark drin. Vier Wochen lang durfte unsere Truppe in einem kleinen Kabarett auftreten. Am ersten Abend habe ich meiner späteren Frau 60 Mark auf die Hand gelegt. Wir schauten uns dieses Geld wie ein Wunderwerk an.

SZ: 17 Jahre lang traten Sie in der Münchner Lach- und Schießgesellschaft auf. Was brachte da ein Abend?

Hildebrandt: Der Eintritt betrug drei Mark. Es war zwar immer ausverkauft, aber es gingen nur 130 Personen rein. Das Geld haben wir geteilt: drei Mann Band, vier Mann auf der Bühne und der Regisseur. Da blieb nicht viel übrig.

SZ: Sind Sie deshalb zum Fernsehen?

Hildebrandt: Nein, das Fernsehen ist zu uns gekommen. Aber wenn wir die Gagen, die wir bekamen, heute nennen würden, würden wir uns blamieren. Ab 1962 sind wir jedes Jahr dreimal auf Tournee gegangen und verdienten gutes Geld.

SZ: Gab es damals Tabus für Kabarettisten?

Hildebrandt: Der Bundespräsident Lübke, der sich in aller Welt blamierte mit Redeanfängen wie "Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Neger". Der war ein absolutes Tabu, den sollte man als Staatsoberhaupt nicht kritisieren. Vor einem Auftritt 1964 erfuhr ich, dass die SPD mit Herbert Wehner an der Spitze beschlossen hatte, den CDU-Mann Lübke wieder zu wählen - und dass Wehner das Willy Brandt aufgedrückt hatte. Da habe ich gesagt, das muss doch wirklich nicht sein. An diesem Abend saß Brandt bei uns in der ersten Reihe. Ich habe alles gegen Lübke abgelassen, was mir einfiel. Ich sagte: Mir wird immer wieder gesagt, dass der Bundespräsident ein Tabu ist. Aber ich muss Ihnen sagen, auf Dauer ist mir ein Tabu als Bundespräsident zu wenig. Brandt hat sich die Schenkel gehauen und totgelacht. Das war im Fernsehen zu sehen. Hätte Brandt nicht tun sollen - meinte Wehner.

SZ: Welcher Politiker ist zurzeit der wertvollste für Kabarettisten?

Hildebrandt: Brüderle ist ein sehr begabter Komiker. Er ist ein Sprachrohr seiner eigenen Verwirrung.

SZ: Sie sagten einmal, Politik ist der kleine Spielraum, den die Wirtschaft ihr lässt.

Hildebrandt: Das habe ich vor 25 Jahren auf der Bühne gesagt. Die Reihenfolge der Mächtigen ist heute immer noch dieselbe: Ganz oben ist der Bundespräsident, später folgen Bundeskanzler und Verfassungsrichter und die Deutsche Bank. Das ist alles richtig - bis auf die Reihenfolge. In dem Moment, in dem der Chef der Deutschen Bank sich gütig zeigt und der Politik aus dem Loch hilft, muss man vorsichtig sein. Man darf sich nicht helfen lassen, denn er wird den Zinsfuß drin haben, in der Tür.

SZ: Zurzeit arbeiten Sie an der Fortsetzung der Kultserie "Kir Royal" in Berlin. Wie gut zahlt Regisseur Helmut Dietl?

Hildebrandt: Über die Gage haben wir überhaupt noch nicht geredet. Ich finde den Dietl sehr gut. Mir gefällt der Stoff.

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