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Die großen Erbfälle: Geld - Macht - Hass:Die Milliarden der alten Dame

Der Streit um das Erbe der reichsten Frau Frankreichs, Liliane Bettencourt, enthüllt kuriose Details aus dem Leben der Pariser High-Society. Es geht um Dandys, Politiker und geheime Tonaufnahmen.

Sie wohnen schräg gegenüber, vermeiden es aber, sich zu sehen. Und sie reden auch nicht mehr miteinander, höchstens über ihren Anwalt. Nur wenn der Verwaltungsrat von L'Oréal im Anwesen von Liliane Bettencourt in Neuilly-sur-Seine tagt, dann sitzt auch ihre Tochter oder deren Mann mit am Tisch. "Für mich ist sie wie etwas Lebloses", sagt die 87 Jahre alte Erbin des weltweit größten Kosmetikkonzerns über ihre Tochter, "sie soll sich um ihre eigenen Dinge kümmern und nicht meinen Tod beschleunigen."

FRANCE-POLITICS-PROBE-BETTENCOURT

Der Streit zwischen L'Oreal-Inhaberin Liliane Bettencourt  und ihrer Tochter Françoise Bettencourt-Meyers wird unschön. Geheime Tonaufnahmen des Butlers könnten den Fall entscheiden.

(Foto: AFP)

Die Tochter, Françoise Bettencourt-Meyers, sieht ihre Mutter als "Opfer einer tragischen Geschichte". "Es ist meine Aufgabe als einzige Tochter, sie zu beschützen", sagt die 57-Jährige. Um sie zu schützen, will sie ihre Mutter, die reichste Frau Frankreichs, entmündigen. Sie hält sie für unzurechnungsfähig.

Im Zentrum jener "tragischen Geschichte" steht ein Mann namens François-Marie Banier. Banier ist 25 Jahre jünger als Liliane Bettencourt, Künstler, Fotograf, Maler, Romancier. Ein Dandy, ein Paradiesvogel. Auf Fotos sieht man, wie er als junger Mann neben Berühmtheiten wie Salvador Dalí, Prince Charles oder Samuel Beckett posiert. Er trägt weiße Anzüge, liebt das Verrückte, die Männer, die Frauen, das Mondäne, den Jet-Set.

Ist Madame von Sinnen?

Liliane Bettencourt lernt er 1969 kennen. Fast 20 Jahre vergehen, bis er sie ein folgenreiches zweites Mal trifft, diesmal um sie zu fotografieren. Angezogen von seiner Persönlichkeit macht Liliane Bettencourt ihm in den Jahren darauf Geschenke im Wert von einer Milliarde Euro: Lebensversicherungen, Gemälde, Schmuck. Offenbar schenkt sie ihm auch ein Stadtpalais in Paris, in dem er mit seinem Freund lebt. Ob sie ihm auch die Seychellen-Insel D'Arros vermacht hat, ist unklar. Und sie verschafft ihm bei L'Oréal einen mit 400.000 Euro im Jahr dotierten Beratervertrag.

Ist Madame von Sinnen? "Ihre Großzügigkeit ist gewollt, resolut und kalkuliert", sagt Banier. Die Insel wolle er gar nicht, weil sie voll von Moskitos und umgeben von Haien sei. Auch die Einladungen von Johnny Depp auf dessen Inseln lehne er stets ab. Er schildert in Interviews aber auch, wie schwer es sei, Madames Angebote auszuschlagen. Hat er die alte Dame manipuliert? "Ich habe ihr geraten, das Weingut Cheval-Blanc, die Fotoagentur Ilford und die Zeitung Libération zu kaufen und den Sitz von L'Oréal ins Zentrum von Paris an die Seine zu verlagern. Nichts von alldem hat sie gemacht", antwortet er darauf.

Die Tochter zeigt ihn Ende 2007 an, zwei Wochen nach dem Tod ihres Vaters. Auch das verübelt die Mutter ihr. Damals kursieren Gerüchte, Bettencourt wolle Banier adoptieren und ihn als Universalerben einsetzen. Die alte Dame weigert sich, ihre geistige Zurechnungsfähigkeit untersuchen zu lassen. Es vergehen Monate, Jahre des juristischen Hickhacks. Anfang Juli 2010 beginnt endlich der Prozess der Tochter gegen den Günstling. Die Tochter sagt, die eine Milliarde sei ihr egal; sie wolle das Geld an karitative Einrichtungen spenden. Aber was ist mit dem Rest des Erbes? Nach nur einem Tag beendet das Gericht den Prozess.

Was die alte Dame im Schilde führt

Tonbandmitschnitte sind aufgetaucht, die der Butler der Multimilliardärin heimlich von ihr gemacht hat. Auf 28 CDs hat er ihre Gespräche mit Vertrauten gebrannt. Kompromittierendes geht daraus hervor, für die Erbin, aber auch für die politische Elite im Land. Aus dem Erbstreit wird eine Politaffäre um Steuerhinterziehung und illegaler Parteienfinanzierung. Die Aufnahmen zeigen, dass die alte Dame schwerhörig und vergesslich ist. Auch ein antisemitischer Scherz ihres Vermögensverwalters ist vor dem Hintergrund der Familiengeschichte bemerkenswert und für den Erbstreit aufschlussreich.

Beide plaudern über die italienische Industriellenfamilie Agnelli und den Erben John Elkann. "Ist das ein jüdischer Name?", fragt Bettencourt. "Ja", antwortet ihr Vermögensverwalter und lacht, "es ist schon komisch, die gehen immer dorthin, wo das Geld ist." Bettencourts Tochter hat 1984 Jean-Pierre Meyers geheiratet, den Enkel eines in Auschwitz ermordeten Rabbiners. Meyers ist heute der stellvertretende Vorsitzende des Verwaltungsrats von L'Oréal. Die Katholikin Bettencourt-Meyers beschäftigt das Verhältnis zwischen Judentum und Christentum seit langem und schreibt mehrere Werke darüber. Sie zieht auch ihre beiden Söhne im jüdischen Glauben auf.

Ihr Großvater, Eugène Schueller, der Gründer des Kosmetikimperiums, war unter der deutschen Besatzung Kollaborateur. Er finanzierte rechtsextreme Geheimorganisationen. Ihr Vater, André Bettencourt, leitete von 1940 bis 1942 die vom Berliner Propagandaministerium unterstützte Wochenzeitschrift La Terre Française. Ihrem Großvater konnte nie etwas nachgewiesen werden und ihr Vater wurde nach dem Krieg ein gemäßigter konservativer Politiker und Minister. L'Oréal arbeitete seine Vergangenheit nie auf. Nur einmal, bezeichnenderweise auf Druck von Bettencourt-Meyers und ihrem Mann, kündigte die Familie einem L'Oréal-Führungsmitglied, der im Krieg ein wichtiger Kollaborateur gewesen sein soll.

Die alte Dame hat mit ihrem Schwiegersohn nicht das beste Verhältnis. Sie glaubt, er habe ihre Tochter gegen sie aufgestachelt, um an die Macht bei L'Oréal zu kommen und das schillernde französische Unternehmen an den Schweizer Nestlé-Konzern zu verkaufen. Solange sie lebt, ist der Verkauf praktisch ausgeschlossen. Ihren 30-prozentigen Aktienanteil an L'Oréal hat sie zwar faktisch über die Gesellschaft Téthys schon an ihre Tochter abgetreten. Aber noch hat sie das Stimmrecht und damit die Kontrolle und könnte ihr Testament noch ändern. Acht Prozent ihres auf mehr als 15 Milliarden Euro veranschlagten Vermögens hat sie offenbar schon an Banier abgetreten. Und wer weiß, was die alte Dame im Schilde führt? Es ist eine Frage, die die Tochter umzutreiben scheint. Gelänge es ihr, ihre Mutter zu entmündigen, hätte sie eine Sorge weniger.

© SZ vom 31.07./01.08.2010/stl/mel

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