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Windows-Alternative:Warum es sich jetzt lohnt, Linux auszuprobieren

Rechner ohne Windows: Für wen Linux taugt

Die Idee zum Maskottchen Tux kam Linux-Erfinder Linus Torvalds angeblich in einem australischen Zoo beim Anblick von Zwergpinguinen.

(Foto: Andrea Warnecke/dpa-tmn)

Microsoft macht es künftig leichter, das freie Betriebssystem in Windows zu nutzen. Schluckt der Konzern also Linux? Eher im Gegenteil.

Von Julian Rodemann

Die Windows-Alternative Linux fristet als Betriebssystem für PCs bislang ein Nischendasein. Nur drei bis vier Prozent der Deutschen nutzen es privat. Linux gilt vielen als Betriebssystem der Tüftler und Nerds, kostenlos und schnell, für Laien aber schwer zu verstehen und aufwendig einzurichten. Doch Letzteres könnte sich nun ändern.

Der Grund dafür ist ausgerechnet der Marktführer Microsoft. Das blaue Fenster-Logo von Windows erscheint täglich auf rund 80 Prozent aller privaten Computer in Deutschland. Aber schon jetzt ist es möglich, Linux innerhalb von Windows 10 zu benutzen. WSL, das Windows Subsystem für Linux, startet Linux in einer Art virtuellen Schachtel in Windows. Man nutzt Linux wie ein einfaches Windows-Programm. Das hat den Vorteil, dass Nutzer auf einem Computer mit zwei Betriebssystemen arbeiten und einfach zwischen den Systemen hin- und herwechseln können. Denn viele Programme laufen auf Linux schneller, andere wie Word oder Excel gibt es dagegen nur für Windows.

Linux ausprobieren war noch nie so einfach

Kürzlich verkündete Microsoft, dass die zweite Version des Subsystems - WSL2 - noch weiter ausgebaut wird. Dass der Software-Konzern aus Redmond in Linux investiert, hat einen Grund. "Microsoft laufen in einigen Bereichen schon länger die Entwickler weg", sagt Kristian Kißling vom Linux-Magazin, einem Fachmagazin für Linux-Nutzer. Professionelle Software-Entwickler arbeiten heutzutage überwiegend mit Linux, insbesondere im Cloud-Computing und in Rechenzentren. Einige von ihnen benötigen gelegentlich aber auch Windows, etwa um sich mit Kollegen aus anderen Abteilungen auszutauschen. Eine recht beliebte Lösung hierfür heißt Dual Boot: Auf einem Rechner werden zwei gleichberechtigte Betriebssysteme installiert, und Benutzer wechseln hin und her.

Für diese Nutzer ist das verbesserte WSL eine große Hilfe: Sie können ihr Linux-System nun direkt aus Windows heraus starten. "Dual Boot ist tot", schrieb der Entwickler Dimitris Poulopoulos auf dem Blog Towards Data Science. Auch Gerald Pfeifer, technischer Vorstand beim Open-Source-Unternehmen Suse, sagt, einige Dual-Boot-Nutzer könnten umsteigen. "Jeder weiß, wie ätzend ständiges Booten ist. WSL kann da komfortabler sein", sagt Pfeifer. Dass eingefleischte Linux-Nutzer wegen WSL zu Windows wechseln, hält er aber für sehr unwahrscheinlich.

Kristian Kißling vom Linux-Magazin glaubt sogar, dass das Gegenteil der Fall ist: Windows-Nutzer könnten durch WSL auf den Geschmack von Linux kommen und schon bald die offene Linux-Welt komplett Windows vorziehen. Denn Linux-Systeme gelten als schneller und sicherer, sie können überdies leichter an persönliche Vorlieben angepasst werden. Allerdings kosten Installation und Einrichtung Linux-basierter Betriebssysteme oft Nerven. Das schreckt viele Windows- und Apple-Nutzer ab. Mit dem verbesserten Subsystem sinkt diese Hemmschwelle. Zudem muss Windows nicht erst deinstalliert werden, damit sich Linux testen lässt. Linux einfach auszuprobieren war wohl noch nie so leicht wie heute.

Bei Linux von einem Betriebssystem zu sprechen, ist eigentlich nicht korrekt. Linux bezeichnet eine Familie von unterschiedlichen Betriebssystemen, sogenannten Distributionen, in denen der gleiche Kern steckt. Ubuntu, Debian und Arch zählen zu den bekanntesten. Den Linux-Kernel kann sich im Gegensatz zum NT-Kernel, auf dem Windows basiert, jeder herunterladen. Sein Quellcode ist offen zugänglich. Das Prinzip solcher Open-Source-Software ist einfach: Sie gehört im Grunde allen, jeder kann sie benutzen und verändern.

Auch Max Mehl von der Free Software Foundation Europe, einer Organisation, die sich für offen zugängliche Software einsetzt, sieht die Hürden für den Wechsel zu Linux fallen. Zudem liefert zum Beispiel der chinesische Hersteller Lenovo einige Laptops mittlerweile mit vorinstallierten Linux-Betriebssystemen aus. Ein Grund für die Vorherrschaft von Windows ist schließlich, dass es auf vielen Geräten bereits vorinstalliert ist.

Mit einem Kernel kommen Nutzer nie in Kontakt - doch ohne ihn läuft gar nichts

Microsoft umgarnt Linux schon länger. Azure, die Cloud-Plattform des Konzerns, läuft zu einem großen Teil unter Linux. Die WSL-Offensive passt ins Bild. Und die Verbesserungen sind beachtlich: Während WSL1 noch keinen echten Linux-Kernel benutzte, sondern nur dessen Verhalten simulierte, läuft mit WSL2 ein vollständiger Linux-Kernel verschachtelt in Windows. Ein Kernel ist genau das Stück Software, das direkt mit der Hardware kommuniziert, zum Beispiel mit Tastatur oder Grafikkarte. Wenn man sich die Software eines Computers in mehreren Schichten vorstellt, befindet sich der Kernel ganz unten. Programme wie Internet-Browser bilden die oberste Schicht. Nutzer kommen also nie mit einem Kernel in Kontakt, ohne ihn läuft jedoch gar nichts. Um diesen Kernel - auf Deutsch Systemkern - herum entsteht in mehreren Schichten das Betriebssystem.

"Der Unterschied von WSL1 zu WSL2 ist in etwa wie der zwischen einem Tofu-Burger und einem Rindfleisch-Burger", sagt Gerald Pfeifer von Suse. "Um Linux-Anwendungen laufen zu lassen, braucht man nicht zwingend einen Linux-Kernel. Etwas, das aussieht wie einer, reicht schon." WSL2 kann deshalb deutlich mehr als WSL1, aber auch nicht alles: Beim Zugriff auf Grafikprozessoren geht auch WSL2 noch den Weg über Windows. Eine direkte Einbettung in WSL stehe "auf der Roadmap", sagt eine Microsoft-Sprecherin.

Ob Microsoft mit den WSL-Verbesserungen Linux tatsächlich zu mehr Popularität verhelfen wird, wie Kißling vom Linux-Magazin glaubt, bleibt abzuwarten. Allerdings hat es der Linux-Kernel auch ohne Microsofts Hilfe schon in viele Rechner geschafft: Er steckt in Firmennetzwerken, den meisten Servern und in leicht modifizierter Form auch in Android, dem weltweit populärsten Betriebssystem überhaupt, das auf den meisten Handys läuft. Nicht zuletzt laufen die 500 schnellsten Supercomputer der Welt alle mit Linux.

© SZ

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