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Social-Media-App Tiktok:Berühmt oder gemobbt in 15 Sekunden

Die 15-jährige Influencerin Leoobalys

Die 15-jährige Leonie lädt unter dem Pseudonym Leoobalys kurze Tanzvideos in Tiktok hoch. Hier tanzt sie mit sich selbst ein Duett.

(Foto: Screenshot / Instagram/leoobalys)
  • Im Zentrum der App Tiktok stehen 15 Sekunden lange Videos, die Nutzer mit Musik unterlegen können.
  • Das soziale Netzwerk wird unter jungen Menschen immer beliebter. 2018 war Tiktok die beliebteste App für Apple-Geräte.
  • Jugendschützer kritisieren die App.
  • Eltern können die Accounts ihrer Kinder schützen.

Ein Mädchen wippt rhythmisch zu einem Elektrobeat vor der Kamera. Sie überkreuzt die Arme, legt beide Zeigefinger auf die jeweils entgegengesetzten Nasenflügel und öffnet die Arme wieder. Für eine Sekunde sieht es so aus, als hätte das Mädchen Knochen aus Gummi. Der Trick ist uralt, Niveau Pausenclown. Doch unter Tiktok-Usern zieht er. Rund 1,4 Milliarden Mal wurden die Videos der sogenannten #omgchallenge in den vergangenen Monaten aufgerufen. Sie fassen aber auch gut zusammen, was Tiktok ausmacht: Musik, Tanzen und Comedy.

Was ist Tiktok?

Tiktok ist ein soziales Netzwerk. Facebook ist bei Teenagern aus der Mode, bei Tiktok dagegen steigen die Nutzerzahlen gerade bei jungen Menschen. Zentrales Element der App sind kurze, mit dem Handy gedrehte Videos, die der Nutzer mit Musik unterlegen kann. Die Idee: maximal 15 Sekunden Länge. "Make every second count", lautet daher auch Tiktoks Slogan. Jede Bewegung, jede Pointe muss sitzen, denn für Erklärungen bleibt keine Zeit.

Gefällt ein Video, verteilt man durch doppeltes Antippen ein Herz oder folgt dem Nutzer. Das Design der App sorgt dafür, dass man schnell zum nächsten Video kommt: Eine junge Frau bewegt die Lippen synchron zu einem Sketch von Carolin Kebekus und schneidet passende Grimassen, sie bekommt dafür 120 000 Herzen. Ein Wisch nach oben, und das nächste Video wird abgespielt. Zwei maskierte Männer in kanariengelben Jogginganzügen tanzen zu Technomusik in der Fußgängerzone, mehr als 500 000 Herzen.

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Warum ist die App so beliebt?

"Es ist total einfach, nicht nur Videos zu konsumieren, sondern selbst auch welche zu kreieren", sagt Charles Bahr. Der 16-Jährige leitet trotz seines jungen Alters schon eine eigene Marketingagentur. Er wird für Vorträge auf Branchenmessen wie der Re:publica oder der Dmexco eingeladen. Denn Bahr berät Unternehmen, wie man die Generation Z erreicht, also junge Menschen, die nach 1997 geboren sind. Tatsächlich ist das Erstellen und Bearbeiten von Tiktok-Filmchen sehr leicht. Die Videos lassen sich in beliebig vielen Abschnitten schrittweise filmen. Dem Nutzer steht eine ganze Bibliothek von Effekten und Filtern zur Verfügung, um das Video aufzupeppen. Die Gefilmten boxen bunte Schriftzüge weg, anstelle des Gesichts sitzt ein Ei mit Mund und Augen auf den Schultern, Teile eines Videos laufen rückwärts ab. Wahlweise unterlegt man das Video noch mit einem kurzen Soundclip, dem Originalton oder einer Mischung aus beidem.

Charles Bahr

Der 16-jährige Charles Bahr berät Unternehmen dazu, wie man die Generation Z erreicht. Er sagt: Tiktok ist mehr als nur ein Hype.

(Foto: privat)

Die Kernzielgruppe der App sind elf- bis 15-jährige Kinder und Jugendliche, schätzt Bahr. Das Pikante daran: Offiziell ist die Nutzung erst ab 13 Jahren erlaubt. Daran halten sich offenbar nicht allzu viele. "Ich war auch schon viel früher auf Tiktok", sagt die 15-jährige Leonie, die ihren Nachnamen lieber nicht in diesem Artikel lesen will. Ihre rund 700.000 Fans in Tiktok kennen sie vor allem als @leoobalys. "Ich kann dort kreativ sein, egal, ob es um Beauty oder Sport geht." Täglich lädt sie kurze Tanzclips von sich hoch, in denen sie ihre langen Haare in Zeitlupe fliegen lässt. An Tiktok gefalle ihr, dass man so einfach mit anderen Nutzern in Kontakt treten und auf deren Videos reagieren könne. Das geht zum Beispiel mit der Duett-Funktion: In Tiktok befreundete Nutzer können ein Video zur selben Audiospur erstellen, beide Videos werden nebeneinander angezeigt.

Wie viele Menschen nutzen sie?

Im Juni 2018 sollen nach Medienberichten weltweit etwa 500 Millionen Menschen die App jeden Monat genutzt haben - die meisten davon in China. Seitdem dürften die Nutzerzahlen deutlich gestiegen sein. Denn im August fusionierte das Unternehmen die Mitsing-App mit der sehr ähnlichen App Musical.ly. Diese hatte Bytedance im November 2017 für fast eine Milliarde US-Dollar aufgekauft. Musical.ly brachte etwa 100 Millionen aktive Nutzer mit. Wie das Newsportal Digiday berichtet, sollen in Deutschland 4,1 Millionen Menschen Tiktok jeden Monat nutzen.

Dem Marktforschungsunternehmen Sensortower zufolge war Tiktok im vergangenen Jahr in Apples App Store die weltweit beliebteste App. Über den Google Play Store wurden nur Whatsapp, der Facebook Messenger und Facebook häufiger heruntergeladen.