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Tiktok und Oracle:Eher "Verkauf light" als Trump-Megadeal

ILLUSTRATIVE - The app of the social media platform TikTok. Photo: Rob Engelaar / Hollandse Hoogte PUBLICATIONxINxGERxSU

Tiere bringen Klicks: Im Streit um die Video-App Tiktok zeichnet sich offenbar eine Einigung ab.

(Foto: via www.imago-images.de/imago images/Hollandse Hoogte)

Im Streit um die Video-App Tiktok deutet Trump an, dass er trotz aller Drohgebärden einem Kompromiss zustimmen könnte. Doch es gibt noch Hürden für ein chinesisch-amerikanisches Gemeinschaftsunternehmen von Bytedance und Oracle.

Von Christoph Giesen, Peking, und Claus Hulverscheidt

Endgültige Klarheit herrschte am Mittwochnachmittag immer noch nicht, doch wenn man Donald Trumps Andeutungen Glauben schenken mochte, dann stand ein Ende des Hickhacks um die chinesische Tanzvideo-App Tiktok unmittelbar bevor. Wenige Wochen nachdem Trump mit einem Verbot des populären Smartphone-Programms in den USA gedroht hatte, zeichnet sich nun ab, dass die Tiktok-Muttergesellschaft Bytedance ihr Geschäft außerhalb Chinas als Mehrheitseigner in ein neues Unternehmen mit Sitz in den USA einbringen wird. Minderheitsgesellschafter sollen der US-Technologiekonzern Oracle und einige Investmentfirmen werden. Trump sagte, er sei "ein Fan" von Oracle-Chef Larry Ellison, die Beteiligten seien "nah dran an einem Deal".

Der Präsident hatte immer wieder davon gesprochen, dass Bytedance die App in den USA bis zum 15. September abschalten oder an eine heimische Firma verkaufen muss. Zur Begründung erklärte er, Tiktok gebe die Daten seiner meist jungen US-Nutzer an den chinesischen Staatsapparat weiter. Dafür gibt es zwar Indizien, aber keine Beweise. Nicht wenige Experten glauben ohnehin, dass es Trump weniger um die nationale Sicherheit ging als darum, sich im Wahlkampf gegen den demokratischen Präsidentschaftskandidaten Joe Biden als erfolgreicher Macher und entschlossener Kämpfer gegen Chinas Weltmachtstreben zu gerieren.

Das gilt umso mehr, als er die bislang beispiellose Forderung nachschob, ein Milliardenbetrag aus dem Verkaufserlös müsse an die US-Staatskasse fließen. Der sich jetzt anbahnende Kompromiss wäre einer nach dem Geschmack des Präsidenten und entlang des Musters, mit dem er Geschäfte wie Politik oft betreibt: Er stellt schwächeren Verhandlungspartnern eine beinahe unanständige Forderung, um Zugeständnisse herauszuschlagen. Offenbar ist nun vorgesehen, dass Bytedance zwar nicht an Washington zahlt, die neue US-Tochter aber dafür zusagt, 20 000 Arbeitsplätze in den USA zu schaffen. Das ließe sich im Wahlkampf naturgemäß gut verkaufen.

Zugleich soll Oracle die Nutzerdaten speichern und verwalten, um sie dem Zugriff Pekings zu entziehen. Ellisons Konzern wiederum böte sich durch die Beteiligung an Tiktok die Chance, im Geschäft mit Speicherplatz und Rechenleistung über das Internet endlich richtig Fuß zu fassen: Bisher ist Oracle im sogenannten Cloud Computing hinter Amazon, Microsoft, Alibaba und Google weltweit nur die Nummer fünf. Tiktok hat allein in den USA 100 Millionen aktive monatliche Nutzer.

Umgekehrt könnte der Kompromiss auch ein Befreiungsschlag für die Konzernmutter Bytedance sein, die nicht nur von Washington, sondern auch von Peking unter Druck gesetzt wird. Als Reaktion auf Trumps Verbotsdrohung hatte die Volksrepublik Ende August überraschend neue Exportkontrollen eingeführt, die den Verkauf von in China entwickelter künstlicher Intelligenz ins Ausland einschränken. Seither ist es auch Bytedance verboten, den Tiktok-Schlüsselalgorithmus ohne staatliche Zustimmung zu veräußern. Dieser Algorithmus macht die App erst erfolgreich, weil er bestimmt, welcher Nutzer welches Video zu sehen bekommt. An den chinesischen Kontrollen scheiterte auch der Verkauf des US-Geschäfts von Tiktok an Microsoft.

Der nun mit Oracle geplante Vertrag sieht vor, dass bei den chinesischen Behörden keine Exportlizenz beantragt werden muss, weil der Quellcode bei Bytedance verbleibt. Für Peking wäre das durchaus ein Erfolg - und dennoch ist ungewiss, ob der "Verkauf light" genehmigt würde. Seinen Zugriff auf Bytedance behält der chinesische Staat ohnehin, denn er kann jede in der Volksrepublik tätige Digitalfirma jederzeit zur Aufgabe zwingen. Die unausgesprochene Drohung: Wer nicht gehorcht, dessen Inlandsgeschäft steht vor dem Aus.

So könnten die Behörden etwa eine Verordnung erlassen, mit der Douyin, die von 600 Millionen Menschen genutzte Tiktok-Schwester-App in China, über Nacht vom Markt verschwände. Gleiches ist für den Nachrichtenaggregator Toutiao denkbar, die zweite Erfolgsapp von Bytedance in der Volksrepublik. Damit ist klar, dass sich Bytedance den Vorgaben Pekings immer unterwerfen wird. Stimmt die Tiktok-Mutter dem jetzt geplanten Deal mit Oracle zu, kann man also davon ausgehen, dass Peking vorab seine Erlaubnis gegeben hat.

© SZ

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