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Facebook:Faktenchecks? Unerwünscht. Wut? Überall. Die Wirkung? Erschreckend.

5. Gegenrede und Richtigstellungen sind zwecklos

"Zur Deeskalation: Hamburger Polizei fährt Atomrakete auf". Das klingt nicht nur wie eine Schlagzeile des Postillon, das ist auch eine. Trotzdem haben am vergangenen Wochenende Dutzende von Tims Freunden die Meldung ernst genommen und geteilt. Selbst auf Seiten wie "Wir für Deutschland" und "Freie Medien", die den Link als Satire kennzeichnen, finden sich etliche Kommentare wie "Schmeisst die politiker ins gefängniss und wir haben Weltfrieden", "Wo sind unsere Soldaten Panzer los und schießen Feuer frei auf das pack" oder "Merkel und ihre Brut is wie Honecker. Die würde auch alles niederschiessen lassen um an der Macht zu bleiben. Honecker hat man davon gejegt....Jetzt ist das Volk gefragt. ...".

Vorsichtig versuche ich, Tims Facebook-Bekanntschaften darauf hinzuweisen, dass sie eine Satire-Seite ernst nehmen. Sie ignorieren die Kommentare. Niemand antwortet, niemand löscht den Link. In der Zwischenzeit haben die meisten mehrere andere Meldungen geteilt, längst gibt es neue Nachrichten, über die man sich aufregen kann. Zurück bleibt nur das Gefühl: Das Establishment hat sich gegen das Volk verschworen, wir müssen uns wehren.

Das deckt sich mit meinen Erfahrungen aus den vergangenen Monaten. Immer wieder habe ich versucht, eindeutige Falschmeldungen richtigzustellen, etwa Gerüchte über vermeintliche Verbrechen von Flüchtlingen. Dabei ging es nicht um zugespitzte Behauptungen, die auf realen Ereignissen basieren. Ich habe ausschließlich frei erfundenen oder nachträglich korrigierten Behauptungen widersprochen, wie sie sich auch rund um den G-20-Gipfel zuhauf verbreiteten. Die Resonanz auf die Bemühungen: keine.

6. Wut und Schadenfreude dominieren

Facebook-Nutzer können mit sechs unterschiedlichen Emojis auf Beiträge reagieren. Neben dem bekannten blauen Daumen sind das ein rotes Herz oder Gesichter, die lachen, weinen, vor Wut rot anlaufen oder erstaunt den Mund aufreißen. Für Liebe ist in Tims Timeline kein Platz. Seinen Freunden reichen meist zwei Emojis: "Haha" oder "Wütend".

Wenn Flüchtlinge im Mittelmeer ertrinken, antworten viele mit Schadenfreude. Wenn Flüchtlinge Straftaten begehen, drücken sie ihre Wut mit einem Klick auf das zornesrote Gesicht aus. Das sind Extrembeispiele, die aber gut verdeutlichen, nach welchen Mustern die Reaktionen meist ablaufen. Das spiegelt sich auch auf der Facebook-Seite der AfD. Betrachtet man die erfolgreichsten Posts, dominieren lachende und wütende Emojis.

Generell sind Emojis - und Satzzeichen - ein wichtiges Kommunikationsmittel. Tims Freunde unterstreichen ihre Meinung gerne mit vielen Ausrufezeichen. Lange Antworten sind selten, meist hinterlassen sie kurze Kommentare, die sich nur selten aufeinander beziehen ("Gut so!", "Skandal!"). Wenn überhaupt, bestätigen sich die Kommentatoren und schaukeln sich gegenseitig hoch, bis aus einem "Einsperren oder Abschieben!" die Forderung nach Wiedereinführung der Todesstrafe wird.

Facebook ist sicherlich keine ideale Plattform, um sachlich zu diskutieren. In sozialen Medien zählen Argumente oft weniger als Emotionen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass meine echten Facebook-Kontakte eher am Austausch interessiert sind als die Menschen, mit denen Tim digitale Freundschaft geschlossen hat. Die ersten Kommentatoren geben den Tonfall vor, von da an ist die Richtung klar. Abweichende Meinungen werden ignoriert oder niedergebrüllt. In anderthalb Jahren habe ich keine einzige Diskussion beobachtet, in der eine der beiden Parteien die Meinung geändert oder zumindest die Argumente der Gegenseite anerkannt hätte.

7. Ich verstehe, warum Menschen Angst bekommen und wütend werden

Facebook-Nutzer, die Journalisten beschimpfen, Politiker beleidigen und Flüchtlinge eigenhändig umbringen wollen - daran habe ich mich in den vergangenen zwei Jahren gewöhnt. Mittlerweile bin ich abgestumpft, es gibt einfach zu viele dieser Kommentare. Dennoch haben mich die Ausflüge in die rechte Blase verstört. Womit ich nicht gerechnet hatte, war die Wirkung, die Tims Echokammer auf mich ausübt, wenn ich mich längere Zeit darin aufhalte.

"Syrer überfallen Mitschüler", "Ladendiebstahl: Afghanen im Verdacht", "Joggerin von Asylbewerbern belästigt". Mein Newsfeed ist voll mit solchen Meldungen. Anfangs recherchiere ich ihnen hinterher. Manche wurden von der Hoaxmap widerlegt, bei einigen ist die Quellenlage unklar. Der Großteil aber scheint auf realen Vorfällen zu basieren.

Mein Verstand sagt mir: Wenn Hunderttausende, teils schwer traumatisierte Menschen nach Deutschland kommen, sind darunter auch Ladendiebe, Mörder und Vergewaltiger. Insgesamt sind sie aber nur für einen Bruchteil aller Straftaten verantwortlich. Die Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik beruhigen meinen Kopf, nicht aber meinen Bauch. Der fragt sich: Und was, wenn die Rechten recht haben?

Meine politischen Überzeugungen haben sich nicht geändert. Ich bin immer noch davon überzeugt, dass es unsere humanitäre und moralische Pflicht als Globalisierungsgewinner ist, Geflüchtete aufzunehmen, und dass "wir das schaffen". Mittlerweile verstehe ich aber besser, warum das viele anders sehen - und warum diese Menschen ihre Ablehnung so lautstark kundtun.

Denn sie tauchen nicht nur für wenige Stunden in eine fremde Filterblase ein, ihr Nachrichtenstrom sieht immer so aus. Wer Facebook als repräsentativen Ausschnitt der Realität betrachtet, bekommt fast zwangsläufig Angst vor dieser Welt, die angeblich von kriminellen Migranten, korrupten Politikern und lügenden Journalisten wimmelt. Diese Facebook-Welt ist eine Dystopie.

All das ist keine Entschuldigung für Fremdenfeindlichkeit. Facebook verwandelt tolerante Bürger nicht in Rassisten. Mir hat mein Experiment aber gezeigt, wie erschreckend einfach es ist, sich eine Echokammer zusammenzuklicken, in der Hass entsteht. Hier entwickeln Menschen ein "Wir da unten gegen die da oben"-Gefühl - und ich kann nachvollziehen, woher ihre Wut kommt.

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