Privatsphäre:Presse ist zu ängstlich, um die Eliten in Schach zu halten

Eine Welt, in der die Tech-Elite alle Privatheit genießt, die sie sich wünscht, während der Rest der Menschheit deren Verlust zu akzeptieren hat, beruht auf einer Verlogenheit, die so extrem und absurd ist, dass sie zum Thema gemacht werden muss, egal wie aggressiv.

Angesichts der enormen Macht, die die Eliten des Silicon Valley angehäuft haben, fragt man sich, warum sie mit dieser offensichtlichen Diskrepanz zwischen ihren Taten und ihren Worten so leicht durchkommen. Zum einen liegt das an der merkwürdigen Beziehung zwischen den etablierten Medien und dem Silicon Valley. Die Zukunft der Medien liegt in den Händen dieser Firmen und ihrer Chefs, die reich genug sind, sie zu übernehmen, so wie Jeff Bezos es mit der Washington Post getan hat. Gleichzeitig realisieren die Medien gerade, dass genau diese Tech-Firmen ihnen die Butter vom Brot nehmen, indem sie sie sowohl ihrer Anzeigenerlöse als auch ihrer Kundendaten berauben.

Technologie-Blogger selbst schielen auf Branchenjobs

Aber es gibt noch einen anderen Grund dafür, dass sich das Silicon Valley von Gawker bedroht fühlt. Die Medien, die sich mit der Technologie-Branche befassen, sind extrem ängstlich. Die meisten Leute, die dort arbeiten, suchen nach lukrativeren Jobs - als Investoren, PR-Leute und Organisatoren von Konferenzen. Sie alle wollen also bei der Industrie anheuern, über die sie schreiben.

Die meisten Tech-Blogs verwandeln nur unerträglich langweilige Pressemeldungen von Start-ups und Konzernen in "Denkstücke", die mit Gedanken so wenig zu tun haben wie die meisten Start-ups mit Profiten. Das illustriert schön ein kleiner Hinweis unter einem aktuellen Artikel zu Uber in Motherboard, einem Technologie-Blog von Vice. "Motherboard bringt diese Woche eine Serie zu Uber", heißt es dort. "Wir fragten die Presseabteilung der Firma, welchen Themen sich die Medien widmen sollten. Unter den Vorschlägen, die Uber machte, war auch diese Geschichte."

Wenn also die Technologie-Presse nicht einmal mehr verbirgt, dass sie nur der PR-Arm des Silicon Valley sind, muss man sich ernsthafte Sorgen machen: Immerhin fällt die Konzentration von so viel Macht und Geld in einer Industrie, verbunden mit aggressiven Justizkampagnen gegen die wenigen, die aus welchen Gründen auch immer, noch wagen, kritisch zu sein, in eine Zeit, in der niemand da ist, die neuen Eliten in Schach zu halten. Es ist erbärmlich, dass das nun ausgerechnet Gawker tun muss. Aber es wäre noch schlimmer, wenn niemand es täte.

Deutsch von Jörg Häntzschel

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