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Migrantenschreck:Warum Behörden so lange hilflos zugeschaut haben

Dass all diese Menschen Besuch von Journalisten bekommen haben, liegt an zwei Männern, der eine kleinkriminell, der andere idealistisch. Mario Rönsch soll Recherchen von SZ.de und Motherboard zufolge "Anonymous.Kollektiv" betrieben haben. Die Facebook-Seite hetzte gegen Muslime, Flüchtlinge und Politiker und sammelte damit knapp zwei Millionen Fans. Kurz bevor Facebook die Seite abschaltet, taucht der Name Mario Rönsch im Zusammenhang mit einem neuen, noch radikaleren Projekt auf: Migrantenschreck.

Anonymous.Kollektiv wirbt kräftig für den illegalen Waffenshop: Wer Geschichten über "kriminelle Asylforderer" liest, kauft auch Schusswaffen, um sich vor der vermeintlichen Bedrohung zu schützen. Die Kombination aus rechter Panikmache, enormer Reichweite und dem passenden Selbstverteidigungsarsenal geht auf. Nach etlichen Anzeigen, gescheiterten Gründungen und einer Insolvenz scheint Rönsch sein Erfolgsrezept gefunden zu haben: je rechter die Parolen, desto lauter der Beifall. Anonymousnews.ru, die Nachfolge-Seite von Anonymous.Kollektiv, erreicht Hunderttausende Leser, Migrantenschreck verschickt Waffen im Wert von Hunderttausenden Euro.

Niemand weiß mehr über Rönsch als Frank Schreiber

Frank Schreiber* ist das Gegenteil von Mario Rönsch. Geld und Macht interessieren ihn nicht, er arbeitet anonym. Niemand in Deutschland weiß mehr über Rönsch. Ohne Schreiber gäbe es diese Recherche nicht, ohne sein Engagement hätten Ermittler wohl immer noch nichts gegen Migrantenschreck in der Hand.

In mühseliger Kleinstarbeit hat Schreiber Rönschs gesamte kriminelle Laufbahn der letzten Jahre dokumentiert, soweit dieser Spuren im Internet hinterlassen hat. Wenn Rönsch mit einem seiner zahlreichen Fake-Accounts bei Facebook postet - Schreiber macht einen Screenshot und speichert ihn. Wenn Rönsch seine Webseite auf einen russischen Provider umzieht - Schreiber registriert die Änderung und archiviert sie. Zehntausende Dokumente liegen auf seiner Festplatte, fein säuberlich in Hunderten Ordnern sortiert. Insgesamt umfasst Schreibers Sammlung mehr als 37 Gigabyte Material über Mario Rönsch.

Im Mai tauchen die ersten Werbevideos für Migrantenschreck auf. Maskierte Männer feuern auf Plakate von Politikern wie Heiko Maas, Angela Merkel und Claudia Roth, die Geschosse zerfetzen die ausgedruckten Fotos und durchsieben Röhrenfernseher. Seitdem beobachtet Schreiber den Online-Shop und kontrolliert die Seite regelmäßig: Wo steht der Server? Welcher Name taucht im Impressum auf? Nimmt der Betreiber neue Waffen ins Sortiment auf?

"Wir haben die ganze Nacht lang wie verrückt gearbeitet"

Migrantenschreck wird nicht in Deutschland gehostet, LKA und Verfassungsschutz scheinen sich lange Zeit nicht dafür zu interessieren. Hunderte "besorgte Bürger" bewaffnen sich, Schreiber ist zum Zuschauen verdammt - bis Rönsch einen schweren Fehler macht. "Plötzlich taucht da dieses Dokument auf, und mich haut es fast aus den Latschen", erinnert sich Schreiber an die Oktobernacht, in der er die Daten von Hunderten Migrantenschreck-Kunden in die Hände bekommt. Die Datei heißt "Zugangsdaten.txt". Sie enthält, was der Name verspricht.

Wenn das digitale Leben von Mario Rönsch ein Haus wäre, dann entspräche "Zugangsdaten.txt" dem Schlüsselbund, der Eingangstür und alle Zimmer aufsperrt. Rönsch stellt das Dokument ungeschützt ins Internet. Monatelang kann es mit einer einfachen Google-Suche gefunden werden. Rönsch hat den Schlüsselbund neben die Haustür gehängt - und daneben noch einen Plan, welcher Schlüssel in welches Schloss passt.

Es ist schon spätabends, doch Schreiber handelt sofort. Er ruft einen befreundeten Aktivisten an, der ebenfalls seit Langem hinter Rönsch her ist. "Wir haben die ganze Nacht lang wie verrückt gearbeitet", sagt Schreiber. Jahrelang hat er sich an Rönsch abgearbeitet, jetzt kann er ihm erstmals wirklich gefährlich werden. Sie speichern alles, was sie kriegen können - darunter auch ein Tabellendokument voller kryptischer Einträge, mit 32 Spalten und mehr als 20 000 Zeilen.

Internationale Ermittlungen gegen Betreiber und Kunden

Wer Ordnung in das Chaos bringt, findet in der Datenbank persönliche Daten Hunderter Menschen, die angeblich Waffen bei Migrantenschreck bestellt haben. Ein kleiner Teil davon ist offensichtlich fake: Probekäufe, um das Shopsystem zu testen. Bestellungen auf die Namen bekannter AfD- und NPD-Politiker, die offizielle Parteianschrift als Lieferadresse, der Kaufbetrag wurde nie überwiesen. Doch der Großteil der Einträge steht für echte Waffenkäufe. Fast alle Menschen, die Besuch von Motherboard und SZ.de bekommen, haben sich tatsächlich von Migrantenschreck beliefern lassen.

Die Tabelle bleibt nur kurz unter vier Augen. Ein paar Tage später beginnen SZ.de und Motherboard zu recherchieren. Doch nicht nur Journalisten erfahren von dem Leck. Kurz darauf gibt Schreibers Freund die Datei an die Staatsschutzabteilung des LKA Berlin weiter - hier versucht man bereits seit Längerem, den Betreiber der Seite ausfindig zu machen. Deutsche Staatsanwälte und Verfassungsschützer kennen seitdem die Namen der Kunden. Auch in Ungarn, Österreich, der Schweiz und beim Berliner Landeskriminalamt laufen Ermittlungen.

"Wir bieten Ihnen erstklassige Qualitätsware, diskret versandt, zum fairen Preis", warb Migrantenschreck auf der Webseite. Die günstigen Konditionen waren von Anfang an eine Lüge: Ursprünglich stammen die Waffen von dem ungarischen Hersteller Keserű Művek, Migrantenschreck verlangte dafür mehr als das Doppelte des Einkaufspreises.

Von der einst zugesicherten Diskretion ist nichts mehr übrig geblieben. Migrantenschreck versprach einen Kauf "ohne lästige bürokratische Hürden oder ärgerlichen Papierkram". Für Rönsch war das Geschäft mit der Angst tatsächlich lukrativ und unkompliziert. 150 000 Euro soll der Shop bis Ende Januar Recherchen von Zeit Online zufolge umgesetzt haben. Rönsch selbst räumte der Zeit freimütig ein, dass er den Shop aus Ungarn betreibe - und er behauptet, dass alles legal sei.

Zumindest auf etliche seiner Kunden dürfte dagegen eine Menge "ärgerlicher Papierkram" zukommen. Mehrere Staatsanwaltschaften ermitteln, im Januar durchsuchten Zollfahnder 29 Wohnungen und Geschäftsräume in elf Bundesländern. Das merken auch andere Waffenkäufer: Sie werden nervös und suchen sich bereits juristische Unterstützung.

Ob Rönsch sich für das Schicksal seiner Kunden interessiert, ist unklar. Mehrere Anfragen lässt er unbeantwortet. Seit einigen Tagen ist Migrantenschreck aus dem Netz verschwunden. Rönsch, der den Waffenhandel aus Budapest betrieben hatte, postet stattdessen Urlaubsfotos. Angeblich steht er an der Schwarzmeerküste der Krim - womöglich will er auch nur seinen wahren Aufenthaltsort verschleiern. Auf dem Bild grinst er in die Kamera: "Viele Grüße aus Jalta! Merkel: Fuck u!"

Mitarbeit: Sebastian Gluschak

Migrantenschreck Zu Besuch bei den Kunden von "Migrantenschreck"

Illegaler Waffenhandel

Zu Besuch bei den Kunden von "Migrantenschreck"

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