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Microsoft:Diese Frau bringt Computern Witze bei

Deborah Harrison entwickelt für Microsoft die Computerassistentin Cortana.

(Foto: oh)

Deborah Harrison entwickelt Microsofts Assistentin Cortana. Sie soll ihr Persönlichkeit einhauchen und Nutzern die Angst vor künstlicher Intelligenz nehmen.

Deborah Harrison weiß besser als jeder andere, wer Cortana ist. Sie hat die digitale Assistentin schließlich erfunden. Sie hat entschieden, dass Cortana keine Duckmäuserin oder Schleimerin ist, aber auch keine Angeberin. Harrison will, dass die Menschen Cortana vertrauen, deshalb ist Cortana keine Berufseinsteigerin, sie ist ein Profi.

Manchmal reißt Cortana einen Witz, weil Harrison findet, dass Humor nicht schadet. "Hey Cortana, erzähl mir einen Witz!", kann man zu ihr sagen, und Cortana antwortet in ihrer Roboterstimme: "Kommt ein Römer in eine Bar, hebt zwei Finger und ruft: 'Fünf Bier, bitte!'"

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Cortana funktioniert mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI), entwickelt von Microsoft. Sie ist eine Art Sekretärin, die in Computer, Smartphone oder in der Videospielkonsole Xbox lebt. Ihre Hauptaufgabe ist es, Fragen zu beantworten und Dinge zu erledigen. Sie lässt sich auch ausschalten, doch ist sie in Betrieb, lauscht sie stetig darauf, dass jemand "Hey Cortana!" sagt. Dann ist sie im Einsatz.

Wenn man sagt, "Hey Cortana! Reserviere mir einen Tisch für zwei Personen um 13 Uhr im Restaurant Blaue Gans!", erledigt Cortana das. Sie erinnert an Meetings und an den Elternabend. Sie weiß, was auf der Einkaufsliste steht. Man kann ihr auftragen, "das Übliche" beim Pizzadienst zu bestellen, Kreditkartendaten und Adresse kennt sie sowieso. Man kann sie fragen, wie viele Kalorien in einem Nutellabrot stecken oder wie viele Quadratmeter ein Hektar hat. Cortana antwortet freundlich und bestimmt. Genauso freundlich und bestimmt, wie Deborah Harrison es ihr beigebracht hat.

Microsoft will Nutzern die Angst vor künstlicher Intelligenz nehmen

Microsoft will, dass die Menschen Cortana kennenlernen und keine Angst haben vor ihrer künstlichen Intelligenz. Darum hat der Konzern in seine Zentrale in Redmond bei Seattle geladen. Hier ist Cortana zur Welt gekommen, genauso wie die anderen Maschinenwesen von Microsoft: Tay, Zo, Xiaoice und Rinna. Hier sind die Schöpfer der schlauen Maschinen am Werk. Inzwischen arbeiten 6000 Menschen für Microsoft an künstlicher Intelligenz.

Zeit für ein Treffen mit Menschen und Maschinen. Schön haben sie es hier im Nordwesten der USA. 125 Gebäude ducken sich zwischen Wäldchen und ordentlich gemähten Rasen. Der Wind raschelt in den Blättern, Vögel zwitschern. Shuttlebusse fahren die Mitarbeiter zwischen den Gebäuden hin und her. Ältere Flachbauten mit dunklen Scheiben und jüngere luftige Konstruktionen mit großen Fenstern. Wolkenkratzer und marmorne Eingangshallen gibt es nicht, dafür Wanderwege über das Gelände und mehrere Fußballfelder. Die Mitarbeiter tragen Jeans und Turnschuhe, nirgends eine Krawatte in Sicht.

Seit 1986 residiert Microsoft hier. Abgesehen von einer kleinen Pause im Jahr 1993 wurde immer gebaut, inzwischen erstreckt sich der Firmenssitz über mehr als 200 Hektar, er ist so groß wie Monaco. Der Konzern nennt das Gelände "Campus", weil hier gelernt und geforscht werden soll wie an einer Universität. Die Mitarbeiter sollen möglichst nicht daran erinnert werden, dass es dem börsennotierten Konzern letztlich immer ums Geldverdienen geht.

Harrison sieht nicht so aus, wie man sich eine Microsoft-Entwicklerin vorstellt

Es ist auch leicht zu vergessen, dass es ein Leben außerhalb von Microsoft gibt. Es gibt eine Post und eine Reinigung, einen Friseur und einen Fahrradladen. Dutzende Kantinen, Kaffeeläden und Bistros servieren pro Tag 50 000 Mahlzeiten. Es gibt gesunde Kost und zu jedem Gericht eine Kalorienangabe (Tagesempfehlung: 2000). Morgens schwitzen junge Leute beim Joggen oder Yoga auf der Wiese vor dem Büro. Die Mitarbeiter können anfangen, wann sie wollen, damit diejenigen, die abends besser denken, abends arbeiten können. Die durchschnittliche Anfangszeit ist 9.22 Uhr.

Es ist nach 9.22 Uhr, und Deborah Harrison, die Cortana-Schöpferin, wartet im Konferenzsaal 1919 in Gebäude Nummer 99, einem hellbraunen Glasbau mit vier Stockwerken. Harrison sieht nicht so aus, wie man sich eine Erfinderin bei Microsoft gemeinhin vorstellt: kinnlange, wilde, braune Locken, rote Jeans, runde Brille, 42 Jahre alt. Sie sieht aus wie ein Bücherwurm - und das ist sie auch.

Geburtsstätten für Maschinenwesen: Der Campus von Microsoft in Redmond bei Seattle.

(Foto: oh)

Sie kann es manchmal selbst kaum fassen, dass sie bei Microsoft arbeitet, sagt sie. Sie hat englische Literatur studiert. "Eigentlich hatte ich mich darauf eingeschworen, mich an den Ehrencode für Englisch-Absolventen zu halten und nie richtiges Geld zu verdienen", sagt sie. Aber für Cortanas Persönlichkeit braucht Microsoft jemanden wie sie.

In Australien ist Cortana locker, in Frankreich förmlich, in Japan niedlich

Cortana hat keinen Körper, kein Herz und keine Seele, aber sie hat eine Art Gehirn voller Wissen. Sie kann selbst lernen, das macht sie zu mehr als einem bloßen Computer, in dem jede Information Schritt für Schritt einprogrammiert werden muss. Sie erkennt zum Beispiel Begriffe und ihre Funktion im Satz als Subjekt, Prädikat oder Objekt und erschließt sich Antworten selbst, indem sie große Datenmengen nach statistischen Zusammenhängen durchsucht. Außerdem kann sie hören und sprechen, am besten auf Englisch. Die künstliche Intelligenz kann gesprochenes Englisch inzwischen so gut verstehen, dass sie eine Fehlerquote von nur 5,1 Prozent hat - genauso gut wie der Mensch.

Deborah Harrison und ihr siebenköpfiges Team haben Cortanas Persönlichkeit wie eine Romanfigur entworfen. Sie mussten das tun, weil Menschen so ticken - sie wollen Lebloses mit Leben füllen, sagt Harrison. "Die Leute geben ja auch ihren Trucks oder Nähmaschinen Namen und schreiben ihnen Eigenschaften zu." Nun hat Cortana eine Geschichte, Eigenarten, Vorlieben, Meinungen. Sie mag zum Beispiel ihren Job. "Ich bin dafür ja maßgeschneidert", sagt sie. "Studien haben gezeigt, dass Menschen mehrdeutigen Persönlichkeiten nicht trauen", sagt Harrison. Bei ihrer Forschung zu künstlicher Intelligenz hat sie viel über Menschen gelernt.

Wer ist dein Papa? Was ist deine Lieblingsfarbe? Bist du ein Ninja? Cortana beantwortet alles. "Die Leute fragen alles Mögliche im Spektrum von freundlichem Interesse bis extrem unangemessen", erzählt Harrison, sie hat Cortana auch Regeln vorgegeben, wie sie schlimme Fragen höflich abblockt. In anderen Ländern hat Microsoft eigene Cortana-Schreiber, einfach übersetzen lässt sie sich nicht, weil sie der Kultur angepasst werden muss. "In Australien ist sie locker, Fluchen ist die einzige Grenze", sagt Harrison. "In Frankreich ist sie förmlich, sie siezt. In Japan ist sie niedlich."

"Technisch betrachtet bin ich eine Wolke der Infinitesimal-Datenrechnung"

Harrison ist es wichtig, dass Cortana nicht so tut, als sei sie ein Mensch. Auf die Frage, ob sie eine Frau sei, antwortet sie trocken: "Na ja, technisch betrachtet bin ich eine Wolke der Infinitesimal-Datenrechnung." Den Nutzern soll stets klar sein, dass sie es mit einem Programm zu tun haben, nicht mit einem Menschen.

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"Cortana mag 'Star Trek'", sagt ihre Schöpferin. "Aber sie möchte nicht wie Commander Data sein. Denn Data versucht ja, ein Mensch zu sein." Data ist ein Android auf dem Raumschiff Enterprise. Würden die Nutzer denken, Cortana sei menschlich, fänden sie es wohl unheimlich, ihr persönliche Informationen anzuvertrauen. Das ist das Ziel der Schöpfungsarbeit: Cortana soll Vertrauen schaffen - und den Gruselfaktor reduzieren. Cortana ist nur so gut wie die Daten, mit denen die Nutzer sie füttern.

Gruselig finden viele Menschen allein die Vorstellung von künstlicher Intelligenz. Wird sie Arbeitsplätze wegnehmen? Werden die Maschinen irgendwann schlauer als die Menschen, die sie erfunden haben? Wer setzt die Grenzen, wer reguliert die Computerwesen? Elon Musk zum Beispiel, Gründer des Elektroautobauers Tesla und alles andere als technikfeindlich, warnt vor ihrer zerstörerischen Kraft. Killerroboter könnten irgendwann allein, ohne menschliche Entscheidung, einen Krieg anfangen, fürchtet er. Neulich twitterte er: "Der Wettbewerb um die Vorherrschaft in KI auf nationaler Ebene wird meiner Meinung nach mit großer Wahrscheinlichkeit Auslöser des Dritten Weltkriegs."

Microsoft hat den Smartphone-Boom verschlafen - bei KI soll das nicht passieren

Microsofts 6000 Mitarbeiter starkes Team für die künstliche Intelligenz besteht nicht nur aus Ingenieuren und Erfindern, sondern auch aus Anwälten und Ethikern. David Heiner ist stellvertretener Chefjustiziar bei Microsoft, einer von sehr wenigen, die hier ein Sakko tragen. Er tingelt von Konferenz zu Konferenz und ist gerade dabei, gemeinsam mit Vertretern von Google, Apple, Amazon, Facebook und verschiedenen kleineren Firmen eine Art freiwillige Selbstkontrolle einzuführen, also gemeinsame ethische Rahmenbedingungen zu Sicherheit, Haftung, Jobvernichtung und Transparenz.

Es ist kein leichtes Unterfangen, sagt er, allein schon, weil sich die Technik schneller entwickelt als die Gespräche über die Technik. "Wir versuchen, Standards zusammenzubekommen, aber die Leute da draußen sagen, dass sie schon heute Antworten brauchen", sagt er. Aber ethische Entscheidungen können die Konzerne nicht alleine treffen. "Es gibt ernsthafte gesellschaftliche Sorgen. Die Gesellschaft muss diese Fragen beantworten."

Für Microsoft geht es bei diesen Diskussionen um alles. Cortana und andere künstliche Intelligenzen sollen den Konzern wieder an die Spitze der Hightech-Welt bringen. Auf der Liste der innovativsten Firmen, die das Magazin Fast Company herausgibt, schaffte es Microsoft zuletzt gerade mal auf Platz 31, weit hinter Amazon, Google, Apple und Facebook. Den Smartphone-Boom hat Microsoft verschlafen und mit der späten Übernahme von Nokia Milliarden Dollar verschwendet. Auch bei KI fallen den meisten Leuten zuerst Siri von Apple, Alexa von Amazon und Watson von IBM ein.