Interview "Solche Gruppen bringen erfahrungsgemäß gewaltbereite Personen hervor"

Twitter hat inzwischen viele IS-Konten blockiert. Wie ist die Situation jetzt?

Kurz nach der Studie, vielleicht auch unter Behördendruck, begann Twitter aggressiv, IS-Konten zu löschen. Inzwischen gibt es nur noch etwa 500 aktive Konten. Gleichzeitig agieren aber andere extremistische Gruppen auf Twitter ziemlich ungestraft.

Sie sprechen die Neonazi-Gruppierungen an, die Sie ebenfalls untersucht haben.

Ja, die Aktivitäten von rechtsextremen weißen Nationalisten in den sozialen Medien haben in den USA massiv zugenommen. Leute aus diesen Kreisen nutzen eine Sprache, die immer extremer und von Gewalt geprägt wird. Das sollte uns Sorgen machen, denn solche Gruppen bringen erfahrungsgemäß gewaltbereite Personen hervor. Das passt zum Trend, dass in den USA die Zahl der gewalttätigen Übergriffe auf Muslime, Paare unterschiedlicher Hautfarbe, Homo- oder Transsexuelle zugenommen hat. Wenn online so viele extremistische Inhalte verbreitet werden, dass diese dadurch normalisiert werden, hat das reale Folgen in der Offline-Welt.

Was kann man tun gegen problematische Onlinediskurse?

Es ist klar, dass Social-Media-Plattformen in der Lage sind, solche Inhalte zu löschen. Dass Twitter es im vergangenen Jahr geschafft hat, IS-Accounts zu entfernen, beweist das. Diese Gruppen in die dunkelsten, isoliertesten Ecken des Netzes zu treiben, sorgt dafür, dass weniger Nutzer über radikale, gewaltverherrlichende Inhalte stolpern. Allerdings: Wer sich radikalisiert, hat meist persönlichen Kontakt mit jemandem, der seine Ideologie teilt - Freunde oder Familienmitglieder. Und Personen, die radikale Inhalte suchen, finden diese trotzdem, an anderer Stelle.

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Und die Extremisten bleiben zunehmend unter sich.

Ja. Es wird schwieriger, mit gefährdeten Leuten zu interagieren, um sie von einer Radikalisierung abzubringen. Sie kommunizieren mit verschlüsselten Apps wie Telegram, und es ist sogar für Profis fast unmöglich, in diese geschlossenen Gruppen vorzudringen. Klar ist, dass es im Interesse Twitters ist, extremistische Inhalte loszuwerden - es schützt ihr Produkt. Aber das Problem löst es kaum.

Was wäre denn die Verantwortung der Internetkonzerne?

Twitter und Facebook wollen sich als führende Plattform für einen öffentlichen Diskurs etablieren. Wenn sie diese Rolle wollen, müssen sie auch Bürgerpflichten wahrnehmen. Wir dürfen Ähnliches von ihnen erwarten wie von einer Regierung. Konkret heisst dies, sie müssen mit Experten und Behörden zusammenarbeiten. Auch wenn sie das als Technologiefirmen nervös macht. Besonders, weil es hier nicht darum geht, Extremisten mit Namen, Identitäten und IP-Adressen auszuliefern. Es ginge vielmehr darum, Experten zu helfen, mit Radikalisierungsgefährdeten in Kontakt zu kommen und ihr Weltbild zu ändern.

Internetkonzerne argumentieren oft damit, dass sie möglichst wenig Zensur ausüben wollen.

Ein Argument lautet: Als Unternehmen sollten sie ihre Plattformen nach eigenem Gutdünken gestalten. Ihre Verantwortung bestehe bloß darin, ihren Nutzern eine gute Kundenerfahrung zu liefern. Die Firmen nehmen dann auch nicht wirklich Verantwortung wahr, wenn sie Regeln durchsetzen, sondern reagieren bloß auf schlechte Presse, eine Bedrohung für ihr Wachstum. Ich finde, diese Firmen können nicht einfach den Kopf in den Sand stecken und sagen: "Als Firmen dürfen wir tun und lassen, was wir wollen." Hier muss sich auch die Gesellschaft einmischen: Wie weit wollen wir zulassen, dass Extremisten Dinge publizieren, die wir anstößig finden? Und wo liegt die Grenze zwischen anstößigen Aussagen und etwas, das zu Gewalt führt?

Wie beurteilen Sie das Verhalten der Firmen bisher?

Sie machen keinen guten Job. Wie sie ihre Plattformen moderieren, ist beliebig und nur dem Eigeninteresse geschuldet. Sie machen viel falsch. Facebooks Zensur eines ikonischen Vietnamfotos im September ist nur ein Beispiel von vielen. In der Türkei wurden prominente Bürgeraktivisten auf Geheiß der Erdogan-Regierung gesperrt. Und in den USA und Europa dürfen Gruppen, die zu Gewalt gegen Minderheiten aufrufen, unbehelligt weitermachen. Es geht gar nicht darum, ob wir erfolgreich sein können. Wir würden uns wohl nicht einmal einig werden, was erfolgreich sein hieße. Wichtig wäre, dass diese Unternehmen versuchen, es besser zu machen. Und dass wir sie zur Rechenschaft ziehen für ihre Fehler.

Dieser Artikel erschien zuerst im Tages-Anzeiger vom 11.10.2016

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