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Soziale Netzwerke:Algorithmen erkennen keine bösen Absichten

Algorithmen bedienen die individuellen Interessen der Nutzer. Sie unterscheiden nicht zwischen wünschenswerten und destruktiven Interessen, konstruieren dadurch eine Wirklichkeit, in der sich Radikale in der Mehrheit fühlen können. Kleine extreme Gruppen und ihre Mitläufer oder beliebte Wortführer können schnell viel zerstören. Von einem antidemokratischen Backlash, einem Rückschlag, war auf der Tagung häufig die Rede.

Lassen sich aber insbesondere Frauen aus dem digitalen Leben verdrängen, verschärft sich ein weiteres strukturelles Merkmal der Netzwelt: Sie ist eine Welt der weißen Männer. Die Nerd-Kultur des Silicon Valley prägt nicht nur die Erfindungen des digitalen Lebens, sondern auch seine Inhalte. Zwar bloggten sogar mehr Frauen als Männer, aber die wichtigen, die "A-Blogs", würden in der Mehrzahl von Männern verfasst, berichtete Ricarda Drüeke (Salzburg). Fiona Martin schreibt, auf manchen Nachrichtenseiten posteten Männer 80 Prozent aller Kommentare.

Auch in der Computerspiel-Szene haben es Frauen schwer, in Spielen kommen sie stereotypisch als Sexsymbole vor. Im vergangenen Jahr hatte dies im Netz eine große Kontroverse ausgelöst, es war von Gamergate die Rede. Beim Online-Lexikon Wikipedia sind nur zehn Prozent der Autoren Frauen, in Deutschland noch weniger. Etwa das gleiche Verhältnis herrscht bei den Wikipedia-Administratoren. Das Nachschlagewerk beschreibe sich als unpolitisch und "postgender", sagte der Soziologe Andreas Kemper, der selbst dort schreibt. Aber genau das ist eine politische Aussage: Man befreit sich damit von der Verpflichtung, etwas gegen dieses Missverhältnis zu tun.

Firmen dürfen sich nicht "neutraler" Technologie verstecken

Nun wünscht sich niemand, dass Facebook, Google und Co. zu Zensoren werden. Dennoch haben sich die Unternehmen viel zu lange auf die Meinungsfreiheit berufen, um Dinge einfach laufen zu lassen. Sie operieren bislang nach dem Prinzip, der Nutzer wisse alles am besten; natürlich, denn dahinter steckt ja ein Geschäftsmodell: Den Anzeigen- oder Datenkunden ist es egal, welche Inhalte den Verkehr auf die Seiten bringen. Was aber, wenn der Nutzer ein gewalttätiger Islamist, ein hasserfüllter Rechtsradikaler oder eine rachedurstige Einzeltäterin mit vielen Followern ist?

Erst langsam beginnen die Netz-Konzerne zu reagieren, indem sie Meldeknöpfe für beleidigende Inhalte einführen oder grausame Videos schnell entfernen. Oft geschieht das aber erst, nachdem Regierungen darauf gedrungen haben. Die Firmen dürfen sich nicht hinter der Technologie verstecken. Sie müssen klarmachen und wann immer möglich per Design dafür sorgen, dass sie Missbrauch auf ihren Kanälen nicht dulden. Daran werden sie ein Interesse haben, wenn sie eine strenge Regulierung vermeiden wollen.

Die Politik muss die Mechanismen des Netzes besser verstehen und die Gesetze daran anpassen. Um den digitalen Graben zu schließen, reicht es nicht aus, schnelles Internet in die Provinz zu bringen. Schwache müssen besser vor digitalem Missbrauch geschützt, die Aufklärung darüber sollte verbessert werden. Ob es einen Strafttatbestand Cybermobbing geben muss, wie ihn Dagmar Freudenberg vom Deutschen Juristinnenbund fordert, sollte zumindest diskutiert werden.

Wichtig ist aber auch, dass jeder Einzelne lernen muss, wie er sich in der digitalen Welt zu bewegen hat, und was für Konsequenzen Fehlverhalten haben kann; ganz ähnlich, wie man das für den Führerschein tut. Schließlich läuft es auch im Straßenverkehr nur rund, wenn sich alle einigermaßen respektvoll benehmen. Freie Meinungsäußerung braucht ein Wertegerüst.

© SZ vom 30.04.2015/fran
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